"Das fühlt sich wie Enteignung an"

FLÜCHTLINGE THW-Garagen geräumt / Ortsbeauftragter legt Ehrenamt nieder

Der Ortsbeauftragte des THW Wetzlar, Jörg Velten (links), ist ebenso wie seine drei Mitstreiter im Vorstand zurückgetreten. In seiner Einschätzung über den schlechten Umgang der politischen Gremien und der überregionalen THW-Leitung mit dem Ehrenamt und den ehrenamtlichen Helfern wird Velten unterstützt von Martin Hofmann, Schatzmeister des THW-Fördervereins. (Foto: Lugauer)

Im Laufe des Samstags wurden 500 Feldbetten angeliefert und aufgestellt. (Foto: privat)

Hilfskräfte haben die leergeräumten THW-Garagen in der Spilburg in eine Flüchtlingsunterkunft für bis zu 500 Menschen umgestaltet. (Foto: privat)

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Inzwischen wurden die in dem rund 2000 Quadratmeter großen Areal in der Spilburg untergebrachten Fahrzeuge und Geräte überwiegend durch THW-Kräfte aus Mittelhessen und Frankfurt auf umliegende Standorte verteilt. Feuerwehr, Malteser, Bundeswehr und Rotes Kreuz haben die aus Blechdach, Betonboden und Garagentoren bestehende ehemalige Bundeswehrliegenschaft zur Flüchtlingsunterkunft umgerüstet.

Auslöser der Aktion war die am Freitagnachmittag von Integrationsminister Stefan Grüttner (CDU) veröffentlichte Räumungsanordnung. Inoffiziell wurden am Donnerstagabend die Stadt Wetzlar und THW-Ortsbeauftragter Jörg Velten informiert. Der versuchte, auch mit dem Hinweis auf seinen möglichen Rücktritt, die Räumungsaktion abzuwenden. Stattdessen wurde ihm sinngemäß dargelegt, dass das THW auf solche Führungskräfte in einer solchen Lage verzichten könne.

"Sowohl die Vorgehensweise der politischen Gremien als auch das Verhalten der THW-Leitung auf Landes- und Bundesebene hätte ich nicht für möglich gehalten", sagte Velten, der in der Hilfsorganisation seit 32 Jahren aktiv war, im Gespräch mit dieser Zeitung.

"Damit stehen 150 Jahre Erfahrung im Katastrophenschutz nicht mehr zur Verfügung"

Zurückgetreten von ihren ehrenamtlichen Führungsaufgaben beim THW-Ortsverband als Zugführer des technischen Zugs sind Michael Mai und Oliver Watz. Auch Bernd Heep, seit 52 Jahren beim THW, trat zurück. "Damit", so Velten, "stehen rund 150 Jahre Erfahrung im Katastrophenschutz nicht mehr zur Verfügung."

Martin Hofmann, Schatzmeister des 80 Mitglieder starken THW-Fördervereins, schätzt die derzeitige Einsatzbereitschaft der 60 Aktiven des Ortsverbands auf unter 50 Prozent. Durch die Entscheidung des Ministers, die Garagen als Flüchtlingsunterkünfte umzufunktionieren, entziehe er den Helfern den regelmäßigen Treffpunkt. Der bislang so gute Zusammenhalt werde nachhaltig gestört. Das ist, als würde man einem Fußballclub das Vereinsheim wegnehmen.

"Bislang war der Einsatz des THW-Ortsverbands, gerade im Bereich der Flüchtlingshilfe", so Velten, "sehr hoch. Helfer nahmen teilweise Urlaub und schlugen sich die Nächte um die Ohren. Und nun wird ihnen ihre Basis, nämlich das vom Bund gemietete Areal an der Sportparkstraße, entzogen."

Der zurückgetretene Ortsbeauftragte machte deutlich, dass er in keiner Weise die Unterbringung der Flüchtlinge als solche kritisiere, sondern einzig die Art und Weise im Umgang mit ehrenamtlichen Helfern und die fehlende Achtung des Ehrenamts. Unterdessen wurde nach der Räumung am Freitagabend vom Malteser Hilfsdienst ab Samstag um 6.30 Uhr eine betriebsfähige Flüchtlingsunterkunft auf dem THW-Gelände errichtet. Dazu rückte der Sanitätszug mit 25 Helfern aus. Gemeinsam mit der Feuerwehr Wetzlar, dem DRK, dem THW und der Bundeswehr entstand eine Notunterkunft mit 500 Feldbetten, Duschen, Toiletten, Feldküchen, Aufenthaltszelten sowie einer Sanitätsstation. Um 16 Uhr war die Arbeit getan, am späten Samstagabend kamen die Busse mit Flüchtlingen. Ihre Zahl lag, Stand Montagmorgen, bei 409.

Die Malteser betreuen die Sanitätsstation und kümmern sich in intensiver Zusammenarbeit mit der Caritas und dem Arbeitskreis Flüchtlingshilfe um Dinge des täglichen Bedarfs. So werden Kleidung, Hygieneartikel und vieles mehr durch Spenden bereitgestellt. Unter anderem mussten auch Kinderbetten, Babynahrung und Spielzeuge organisiert werden.

Parallel zu den Umräumarbeiten am Freitag auf dem THW-Gelände kam es in dem schräg gegenüberliegenden Flüchtlingscamp zu einer Protestkundgebung mit rund 50 Teilnehmern. Sie verlangten sofortigen Transfer für sich und ihre Familien, der sei ihnen mehrfach zugesagt und immer wieder aufgeschoben worden. 90 Tage seien sie nun schon in Wetzlar. Auf Anfrage dieser Zeitung erläuterte eine Sprecherin des Regierungspräsidium Gießen die Verzögerung. Es gebe in dem Lager Hepatitis-A-Erkrankungen. Aufgrund der begrenzten medizinischen Möglichkeiten dauere die Untersuchung der Flüchtlinge. Erst nach dieser Untersuchung könne eine Verlegung in die Wege geleitet werden.

Von den derzeit in der Zeltstadt auf dem Gelände des hessischen Katastrophenschutzlagers lebenden Flüchtlingen seien über 220 Albaner. Die würden ohnehin nicht verlegt, sondern müssten in ihr Heimatland abgeschoben werden.


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Kommentare (5)
Es hat mal rein gar nichts mit Enteignung zu tun wenn es vom Bund nur gemietet war.
Und wenn man mal die Berichte aus dem benachbarten Bundesländern oder Landkreisen ließt wüsste man, dass bereits ein Sportheim einer mehr
Fußballmannschaft für Flüchtlinge geräumt worden ist und sich da niemand öffentlich drüber beklagt hat.
Kurz gesagt dieses Jammern kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.
Warum eigentlich zurücktreten? Die Verantwortung bleibt! Nur wer an seinem Platz bleibt, hat maximalen Handlungsspielraum, den Konflikt zu lösen! Es bedarf weder der Justiz noch des Rechtsweges, um auf dem Einhalten von mehr
Vereinbarungen und Verträgen, Verordnungen und Gesetzen zu bestehen.

Hans Kolpak
Goldige Zeiten
Denke es ist nicht Sache der Stadt,..das THW ist eine Bundesanstalt....und auch weder SPD noch CDU in Wetzlar haben da die Finger drin,....Die Schurken sitzen in Wiesbaden und seitens des THW in Mainz,...
Die einzig Wahre Entscheidung,....
Danke an das Hauptamt des THW, Danke an die zuständigen Minister auf Landesebene,....gut so meine Herren weiter so,.....
Pures Kopfschütteln....
Gefühlsmäßig ähnelt das Verfahren nicht nur einer Enteignung, vielmehr einem Handstreich nach Gutsherrenart. Dürfen die das überhaupt, oder kann man dagegen klagen? Hier verliert die Stadt jedenfalls eine weitere mehr
Institution, wie so viele in letzter Zeit. Ein Schelm der Böses von der Landesregierung denkt. Dann gibt es da noch Leute die sich sorgen, ob genügend Waschmaschinen eingesetzt werden. Na, die Stadt wird noch lange hinter OB Dette hertrauern. Jedenfalls hatte WZ mit der SPD noch NIE Glück und schon gar keine Vorteile oder Fortschritte. Baumann
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