Die Zukunft kann düster werden

Kommt es im Stromnetz zu Überlast oder Unterlast,
 dann müssen Verbraucher abgeschaltet werden

Das Stromnetz im Blick haben auf der Leitwarte Enwag-Geschäftsführer Detelf Stein (r.) und Betriebsingenieur Helmut Hofmann. (Foto: Gross)

Die Wahrscheinlichkeit des großen Blackouts steigt mit der stark wachsenden Stromerzeugung aus Wind und Sonne. Längst sehen Experten dadurch die Stabilität der Stromnetze gefährdet.

Überlast und Unterlast heißen die Probleme. So könnte an windigen Sommersonnentagen zu viel Strom ins Netz gelangen, erst recht in der Haupturlaubszeit, wenn viele Verbraucher verreist sind. Zu wenig Strom im Netz droht dagegen, wenn Wind und Sonne einmal ausfallen, der Verbrauch aber auf Hochtouren läuft.

Ist der Überlast durch das Abschalten von Wind- und Solaranlagen oder Umleitungen nicht mehr beizukommen, dann werden Verbraucher künftig abgeschaltet oder komplette Stromtrassen vorübergehend stillgelegt. Ob es sich dabei um einzelne größere Abnehmer oder gleich ganze Stadtteile handelt, wird von der Größe der Überlast abhängen.

Gleiches gilt im Fall der plötzlichen Unterlast, die die Netzbetreiber spätestens dann vor noch größere Probleme stellen wird, wenn im jahr 2021 das letzte Atomkraftwerk vom Netz gegangen ist. Kaskadierung heißt die Antwort, ein bundesweites Projekt, an dessen Konzept auch Fachleute der Enwag gerade zusammen mit weiteren Netzbetreibern arbeiten. Die Kaskade verläuft dabei von einem der vier großen Übertragungsnetzbetreiber über den nachgeordneten Verteilernetzbetreiber, in diesem Fall die Energienetz Mitte GmbH, bis zur Enwag als lokalem Netzbetreiber. Das Energiewirtschaftsgesetz verpflichtet sie alle, Vorsorge zur Netzstabilität zu treffen und damit den möglichen großen Stromausfall zu verhindern.

Keine Zeit für lange Rechnungen, Netzbetreiber bleibt nur eine Stunde für Reaktion

Denn eine Verkettung zunächst harmloser Einzelereignisse kann im schlechtesten Fall Dominoeffekte nach sich ziehen und zu Ausfällen in allen verbundenen Stromnetzen führen. Die Stabilität des eigenen Netzes und das Verhindern eines Übergreifens auf verbundene Netze haben oberste Priorität.

"Die Wahrscheinlichkeit, dass wir diese Eingriffe haben werden, wird größer", sagte Enwag-Geschäftsführer Detlef Stein im Gespräch mit dieser Zeitung. Sie wachse mit der Zahl an EEG-Anlagen. Die Vorbereitungen für die Kaskadierung hat der Wetzlarer Netzbetreiber in den vergangenen Monaten getroffen. Weil die Enwag nicht über eigene für die Abschaltung notwendige Umspannwerke verfügt, wurde eine Vereinbarung mit der EnergieNetz Mitte GmbH getroffen für die beiden Umspannwerke Altenberger Straße und Rechtenbach. Zudem mussten viele netzrelevante Daten ermittelt werden. Denn wenn die Aufforderung zur Abschaltung kommt, bleibt keine Zeit für lange Rechnungen, dann muss alles schnell gehen. Nur eine Stunde bleibt dem Netzbetreiber dafür Zeit.

Einen Vorgeschmack darauf, welche Megawattgrößen künftig binnen nur einer Stunde abgeschaltet werden müssen, habe neulich ein theoretischer Testlauf gegeben, sagte Stein. Da hätten acht Megawatt aus dem Enwag-Netz genommen werden müssen. Ein gewaltiger Anteil, nachts befindet sich herkömmlicherweise die Minimallast von 17 Megawatt im Netz, tagsüber sind es 43. Der größte Einzelkunde bringt es auf ein Megawatt. Klar ist, dass die Kaskadierung dem Thema der Erneuerbaren Energien keinesfalls zu mehr Popularität verhelfen wird. Leidtragende einer Abschaltung, die schnell vier bis acht Stunden dauern kann, sind ganz klar die Kunden, die den Ausbau der Anlagen über die EEG-Umlage finanzieren.

Für Panik gebe es keinen Grund, beruhigte Stein. Im laufenden Jahr 2015 hätte es keine Situation gegeben, in der eine Abschaltung nötig geworden wäre.

Allerdings will die Enwag mit Blick auf die Zukunft das Bewusstsein ihrer Kunden für das Thema schärfen, damit sie - wenn nötig - Vorkehrungen treffen. Kein Strom bedeutet kein Licht, keine Heizung und kein Kühlschrank. Gut isolierte moderne Tiefkühltruhen können eine Zwangspause schon mal verkraften.

Über Haftungsfragen wird noch gestritten, ein Stromspeicher ist in bestimmten Fällen angeraten

"Schwieriger wird es für Kunden, die aus medizinischen, technischen, sicherheitsrelevanten oder sonstigen Gründen zwingend auf eine unterbrechungsfreie Stromversorgung ihrer Geräte angewiesen sind", sagte Stein. Diese sollten bereits jetzt für den Ernstfall vorsorgen. Vorsorgen heißt, über die Anschaffung eines Stromspeichers nachdenken. Eine solche "Batterie" kann mit Installation aber schnell 5000, 7000 oder auch 25 000 Euro kosten - je nach Größe und Leistung. Arztpraxen könnten künftig kaum mehr ohne Stromspeicher auskommen, sagte der Enwag-Geschäftsführer.

Die Abschaltungen müssen "diskriminierungsfrei" erfolgen. Egal ob Unternehmen oder Privatkunden - alle müssen gleichbehandelt werden. Eine Vorwarnung gilt als kaum möglich innerhalb nur einer Stunde. Ganz sicher aber werde es die Enwag vermeiden, eine vollbesetzte Rittal-Arena oder das Einkaufszentrum Forum mit Tausenden Kunden darin vom Netz zu nehmen, sagte Stein. Gleiches gelte für das Klinikum, das allerdings wie die Enwag selbst über ein Netzersatzaggregat verfügt. Die Auswirkungen sollten möglichst "händelbar" sein, so Stein. Etwa könnten im Sommer die Schulen abgeschaltet werden, im Winter wäre das "schwieriger". Nicht ausgeschlossen werden kann, dass in Mehrfamilienhäusern auch einmal Menschen im Aufzug stecken bleiben.

Noch gestritten wird über die Haftungsfrage. Wer zahlt, wenn ein elektrisches Gerät durch den plötzlichen Stromausfall kaputtgeht? Vermutlich wird es den Besitzer treffen.

Übrigens: Auch Besitzer von Photovoltaikanlagen sind bei einer Abschaltung nicht außen vor. Ihre Anlagen sind in der Regel mit dem Stromnetz synchronisiert und stellen auf Störung.

Zuletzt rät der Enwag-Chef: "Auf jeden Fall sollte man immer ein batteriebetriebenes Radio und eine Taschenlampe sowie die passenden Batterien griffbereit haben."


Die ganze Zeitung auf Smartphone oder Tablet: Testen Sie jetzt gratis unsere E-Paper-App.
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2015
Mehr zum Thema
Kommentare (10)
Ich finde den Artikel unverschämt. Hier wird einfach nur Panik gamacht, um am Ende dann festzustellen, "Für Panik gebe es keinen Grund, beruhigte Stein. Im laufenden Jahr 2015 hätte es keine Situation gegeben, in der mehr
eine Abschaltung nötig geworden wäre."
Seit Jahren wird ja mit dem Blackout wegen Sonne und Windenergie gedroht. Seit Jahren aber wird die Stromversorgung stabiler. Das letzte Jahr, in dem bereits jede dritte Kilowattstunde mit Erneuerbaren Energien erzeugt wurde hatte sogar ein Rekordergebnis - Es gab die wenigsten Stromausfälle.
Mfg Klaus
@Daniel Bischoff: so einfach ist es nicht. Viele Tiefenbacher und auch ich haben gegen die Windräder in Philippstein/Altenkirchen gestimmt. Die Wahlbeteiligung war unter aller...

Ich vermute, dass sich die meisten hier mehr
kaum oder gar nicht informiert hatten. Und: in Tiefenbach wurde damals auch gezielt eine Drohkulisse verbreitet, "wenn ihr da mit nein stimmt, dann kommen die Windräder zu Euch". Mag sein dass das bei einigen hängenblieb, nicht schön, aber verständlich. In den letzten zwei Jahren ist der Wahnsinn mit den Windrädern noch viel viel deutlicher geworden. Es wäre ein großer Fehler, wenn sich Altenkirchen, Philippstein und Tiefenbach gegeneinander ausspielen ließen, profitieren würden nur diverse Profitgeier. Windräder in Braunfels, das ist sinnlos und geht gar nicht. Wir schaffen das!
Auf den Kommentar aus Tiefenbach habe ich gewartet. Als es Gelegenheit gab die Windräder in Philippstein / Altenkirchen zu verhindern war Tiefenbach der einzige Ortsteil wo sich eine Mehrheit dafür ausgesprochen hatte.
Falls Sie pflegebedürftige Familienmitglieder haben, die auf elektrisch betriebene medizinische Geräte angewiesen sind, können SIe sich freuen. Ihre Verwanten werden dem Staat nicht mehr lange finanziell zu Last fallen. mehr
Das nennt man sozialverträgliches Frühableben.
Dank Energiewende wird dieser Zynismus Realität werden.
Das ist doch nicht zu glauben! Erst wird unser Land kaputt gemacht mit Windrädern, die überall aufgestellt werden, dann sitzen wir auch noch im Dunkeln! Wer das zu verantworten hat, sollte mal schleunigst zurücktreten! mehr
Das soll grüner Fortschritt sein? Wir Kunden sind wieder die Blöden, die grünen Politiker kommen sich toll vor und die Windradverkäufer lachen sich ins Fäustchen.
Mehr aus Region Wetzlar