Ein Maßanzug aus Stahl

GESCHICHTE Schloss Braunfels verfügt über seltene Turnierrüstung

Kaspar Keune hat die Rüstung zusammengesetzt und kennt ihre Geschichte.

Eine Öffnung an der Seite des Helms erleichterte dem Ritter in den Kampfpausen das Atmen. (Fotos: Heiland)

Um eine Attraktion reicher ist der Rittersaal im Braunfelser Schloss. (Foto: Fürstliche Rentkammer)

Bild 1 von 3

Und die geht zunächst so: Im August 2014 hatte das Dresdner Historische Museum eine Anfrage an das Schlossmuseum in Braunfels gerichtet, ob in seinen Beständen Rüstungen oder Teile des bekannten Plattnermeisters Anton Peffenhauser (1525 bis 1603) seien.

Dieser Augsburger Plattnermeister - ein Ritterrüstungsschmied - hatte sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit seinen Werkstätten auf die Herstellung von Turnierrüstungen für den europäischen Hochadel spezialisiert.

Bei der Untersuchung der Rüstungsbestände im Schloss Braunfels konnten dann tatsächlich verschiedene Rüstungsteile neu bestimmt und zugeordnet werden. Es waren vorhanden: Turnierhelm, Kragen, Brust- und Rücken mit Augsburger Beschaumarke (Qualitätsstempel), asymmetrische Schultern und kurze Beintaschen - das Beinzeug fehlt.

Bei einem Besuch im September 2014 hat Holger Schuckelt, Leiter der Dresdner Rüstkammer, diese Rüstungsteile untersucht.

Er konnte bestätigen, dass es sich um die originalen Teile einer Augsburger Turnierrüstung handelt. Obwohl diese Teile allesamt aus der Werkperiode Peffenhausers stammen, konnte eine eindeutige Zuordnung aber nicht erfolgen. Es ist anzunehmen, dass die Teile aus dem Umkreis Peffenhausers, nämlich aus für ihn tätigen Werkstätten, Subunternehmen also, stammen.

Jedenfalls passen sie perfekt zusammen, wie der hauseigne Braunfelser Plattner feststellte. Denn Kaspar Keune hat die zehn Teile zwischenzeitlich gründlich gereinigt, sorgsam restauriert und fachgerecht zusammengesetzt. Er kümmert sich seit über zehn Jahren um die Waffen und Rüstungen der Sammlung im Schloss.

Nun könnte man sagen, Rüstungen gibt es im Rittersaal doch genug ... Stimmt, aber die neue ist nicht irgendeine Rüstung, sondern eine speziell für Turniere.

Und auch nicht für irgendwelche Turniere, sondern für Turniere über die Palia, solche, wie man sie gerne in Ritterfilmen sieht: Zwei Reiter duellieren sich mit der Lanze über eine trennende Bretterwand hinweg...

Denn gingen die Ritter einst auf freiem Feld aufeinander los, so änderten sich zum Ende des 13. Jahrhunderts die Sitten. Statt dieser "Massengefechte" trafen sie auf eingezäunten Plätzen mit ein oder mehreren Schranken, so genannten Palia, die eben die Reiter voneinander trennten, aufeinander.

Und ein solcher Recke von etwa 1,70 Metern Köpergröße trug einst das gute Stück.

Am Kragen findet sich ein kleiner Beschlag, eine Beschaumarke der Stadt Augsburg, quasi ein Qualitätsstempel, erklärt Keune und verweist eben auf jenen Meister Peffenhauser.

Solch eine Rüstung war sehr teuer, sagt er und deuten nach links, wo eine normale Rüstung steht. Solch ein Schutzanzug hat damals etwa sieben Florin gekostet, die Maßanfertigung aus Augsburg 200! Den entsprechenden Eurowert zu ermitteln, fällt aufgrund der vielfältigen Währungen schwer. Jedoch verdiente Anfang des 17. Jahrhunderts ein Maurer- oder Zimmermanngeselle im Monat fünf Florin.

Meister Peffenhauser in Augsburg hat das Stück vermutlich gebaut

Der vergleichsweise hohe Betrag diente den Bauhandwerkern zur Schaffung einer finanziellen Rücklage für die Winterarbeitslosigkeit. Der Jahreslohn eines Schulmeisters, Wachtmeisters oder erzherzoglichen Kammerdieners betrug etwa 20 Florin. Der Harnisch für einen Landsknecht kostete im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) sieben Florin und für ein Reitpferd musste man etwa 30 bezahlen.

Kurzum: Solche eine Rüstung konnten sich nur wirklich reiche Adlige leisten, denn das gute Stück wurde an den Körper passend "angeplattnert", ein Maßanzug sozusagen.

Der zudem mit raffinierten Details aufwartet. Etwa am Helm, wo sich in Mundhöhe seitlich eine Klappe befindet. Sie wurde vor dem Kampf verriegelt, konnte aber in Pausen oder nach dem Duell mit einem Lederbändchens wieder geöffnet werden. Der Zweck? Die Öffnung im Helm half dem Ritter beim Atmen. Man sieht, so ein edler Ritter hatte es auch nicht leicht.

Ab sofort und in der Sommersaison, die am 28. März beginnt, kann man das im Rittersaal etwas nachfühlen. Geöffnet ist dann täglich ab 11 Uhr.

Info: www.schloss-braunfels.de


Die ganze Zeitung auf Smartphone oder Tablet: Testen Sie jetzt gratis unsere E-Paper-App.
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2015
Kommentare (0)
Mehr aus Region Wetzlar