
Der Theaterring Wetzlar holte die Inszenierung von Rolf Heiermann nach Wetzlar, und 600 Besucher erlebten das tragische Geschehen, dargeboten von einem ambitionierten Ensemble.
Mit Anouschka Renzi konnte das Theater eine rundum überzeugende Anna Karenina gewinnen. Diese Anna, im Roman unbeschwert und lebenslustig, war in Wetzlar von der ersten Szene an eine tragische Figur, deren Scheitern in jedem der bedeutungsschweren Sätze zu erahnen war.
Nur die Regieanweisung erklärt erotischen Ausflug in die Arme des Grafen
Zunächst rettet die schöne Anna die Ehe ihres Bruders Stiwa Oblonskij, den Holger Franke so bieder und brav spielt, dass man kaum glauben möchte, dass sich eine Frau zu einem Seitensprung mit ihm herab gelassen haben soll.
Das bittere Ende erscheint in Person des Grafen Wronskij, den Matthias Schuppli als schneidigen Offizier verkörpert.
Mit wenigen Mitteln schufen die Schauspieler die Atmosphäre der rauschenden Ballnacht, in der Anna sich in diesen Wronskij unsterblich verliebt. Anouschka Renzi ist dabei immer eine so kluge, schöne und beherrschte Frau, dass man sich den erotischen Ausflug in die Arme des Grafen nur mit der Regieanweisung erklären kann.
Anna verstößt gegen alle Regeln der verlogenen aristokratischen Gesellschaft in Russland, weil sie das Leben mit dem hölzernen Alexej Alexandrowitsch nicht mehr erträgt. Als Anna ihrem Mann in der Pferderennbahn-Szene die Affäre beichtet, möchte der von Karl-Heinz Dickmann zunächst als loyaler Gatte gespielte Alexej seiner Frau den Fehltritt verzeihen. Er möchte unbedingt den Schein einer glücklichen Ehe wahren.
Ein treffendes Bild der russischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert
Anna will aber nicht zurück in die Langeweile ihres Ehealltags und sagt zu Wronskij "Er versteht und fühlt nicht. Er ist kein Mensch, sondern eine Ministerialmaschine, ein Automat".
Karl-Heinz Dickmann ist als der Beamte Karenin eine absolut gelungene Besetzung. Nachdem sein Angebot, nach außen hin den Schein zu wahren, abgelehnt wurde, verwandelt sich der biedere Beamte in einen furchterregenden Rächer. Er bestraft Anna dadurch, dass er ihr den geliebten Sohn Sergej wegnimmt. Einen Sohn, vor dem er sich ekelt, weil er der Mutter so ähnlich ist.
Mit den Nebenfiguren, etwa dem Gutsbesitzer Lewin, den Alexander Hanfland spielt, und dessen vergeblichen Bemühungen um Annas Nichte Kitty (Barbara Maria Sava) zeichnet das Stück, ebenso wie das Buch, ein treffendes Bild der russischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.
Als Oblonskijs Frau spielt überzeugend Sandra Krolik, und die Mutter des Grafen wird von Dagmar von Kurmin verkörpert.
Der mitreißende zweite Teil der Vorstellung ließ die Schwächen des ersten Teils vergessen, und Anouschka Renzi zeigte, dass sie in tragischen Rollen zur Hochform aufläuft.
Das Publikum - vom tragischen Geschehen ergriffen - applaudierte begeistert.
- Die nächste Veranstaltung des Theaterrings Wetzlar findet am 3. März 2013 um 20 Uhr in der Stadthalle statt. In der Komödie "Sei lieb zu meiner Frau" spielt unter anderem Hugo Egon Balder.







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