Ganz schwere Geburt für Hebammen

HAFTPFLICHT Existenz ist bedroht

Ein Beruf, der immer mehr Idealismus erfordert: Hebamme Kerstin Ahäuser aus Wetzlar mit dem kleinen Jaron. (Foto: Gross)

Die Haftpflichtprämien für Hebammen haben in den vergangenen Jahren eine rasante Entwicklung hingelegt. Die nächste Erhöhung ist bereits für Juli diesen Jahres festgemacht. Dann werden sich die jährlichen Versicherungskosten für die Freiberuflerinnen, die auch Geburtshilfe leisten, von 5090,76 Euro um 23,25 Prozent auf 6274,32 Euro verteuern. Für freiberuflich tätige Hebammen, die keine Geburtshilfe anbieten, steigen die Kosten von derzeit 435,58 auf 457,20 Euro. Schuld an der exorbitanten Steigerungsrate im ersten Fall sind allen voran die hohen Regressansprüche der Krankenkassen, die von derzeit 2,6 Millionen Euro pro Fall auf künftig fünf Millionen Euro weiter steigen sollen. Natürlich können die Kosten für ein durch die Geburt womöglich behindertes Kind in die Millionen gehen. Doch klar ist auch, dass diese Fallzahlen seit Jahren sinken, während andererseits die Kosten im Gesundheitswesen explodieren und so die anschließenden Versorgungsleistungen massiv teurer machen.

"Eine Versicherung mit fünf Millionen Euro für den Schadensfall ist richtig", sagt auch Hebamme Jutta Rudolph aus Braunfels, "aber das kann unmöglich die kleine Berufsgruppe der Hebammen alleine schultern." Jutta Rudolph ist Kreisvorsitzende für Lahn-Dill im Deutschen Hebammenverband (DHV). Deutschlandweit sind 18 000 Hebammen im DHV organisiert, im Lahn-Dill-Kreis sind es rund 50, von denen nur noch eine einzige - den enormen Haftpflichtbeiträgen geschuldet - außerklinisch Geburtshilfe anbietet.

Jutta Rudolph sieht wie ihre Wetzlarer Kolleginnen Natascha Leimenstoll und Kerstin Ahäuser die freien Hebammen vor dem Existenz-Aus. Vom "Genickbruch" für den Berufsstand und vom Ende der außerklinischen Geburten spricht Jutta Rudolph. Alleine um die Haftpflichtkosten zu schultern, wären drei Geburten pro Monat nötig - und damit noch kein Cent verdient, sagen sie. Mehr als zwei oder drei Geburten seien aber gar nicht zu leisten, wenn Mutter und Kind vorher und nachher betreut werden sollen, wie es nötig ist.

Ob Gröhes Vorstoß Lösung bringt, wird wohl erst dann klar, wenn es zu spät ist

Zwar hat Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) zwischenzeitlich mit einem Gesetzentwurf angekündigt, dass er die Regressforderungen der Kranken- und Pflegekassen gegenüber den Hebammen beschränken will und das wird vom DHV auch grundsätzlich begrüßt. Doch skeptisch bleiben die Hebammen, ob der Verzicht auf Regressansprüche am Ende tatsächlich ihre Situation verbessern wird. Das werde man frühestens in zwei oder drei Jahren sehen, sind sie sicher. Und dann käme die vermeintliche Rettung definitiv zu spät. Denn mit Juli 2016 läuft die derzeitige Haftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen, eine Gruppenhaftpflicht über den DHV, aus. Ohne diese dürfen sie weder Geburten noch Kurse leiten oder Wochenbettbesuche machen. Und bislang ist kein Versicherer in Sicht, der bereit wäre, Mitte 2016 zu übernehmen.

Die Hebammen fordern begleitend zu der vom Gesundheitsminister geplanten Regressobergrenze einen Fonds für die Berufe im Gesundheitswesen, der bei Summen darüber einspringt. Für diese Forderung erhalten sie mittlerweile Unterstützung von den Gynäkologen.

Spürbare Folgen für die werdenden Mütter gibt es heute schon. Immer weniger können zum Beispiel frei den Geburtsort für ihr Kind wählen. Denn nicht nur die Geburtshäuser schließen reihenweise wie zuletzt zwei in Gießen und eines in Breitscheid, auch die Geburtsstationen in kleineren Krankenhäusern - wie zuletzt in Weilburg - geben unter dem Kostendruck auf. Generell gilt: Unter 200 Geburten jährlich trägt sich keine Station mehr. Auch in den Kliniken sind die meisten Hebammen keine Angestellten, sondern Beleghebammen, die die Versicherungsprämien genauso aus der eigenen Tasche zahlen müssen.

Auch an den Hebammenschulen geht die Entwicklung nicht spurlos vorüber, berichtet Kerstin Ahäuser. Nachwuchssorgen sind absehbar. Kamen die Schulen früher auf 800 bis 1000 Bewerbungen im Jahr, gebe es heute Lücken.

Warum Jutta Rudolph, Natascha Leimenstoll und Kerstin Ahäuser dem Hebammenberuf, bei dem ihnen nach sämtlichen Abzügen mittlerweile nur noch ein Drittel ihres Einkommens bleibt, bis heute treu geblieben sind, erklären sie mit "Idealismus" und: "Weil es so ein schöner Beruf ist."

Eigentlich sei der Bedarf an Hebammen größer denn je, sagen sie. Weil es die Großfamilie, in der man den Umgang mit dem Baby lernt, so fast nicht mehr gibt. Nicht zuletzt zähle ihre Arbeit zu den frühen Hilfen. Gefährdet sei auch das noch junge Projekt der Familienhebammen gemeinsam mit den Jugendämtern in der Stadt Wetzlar und dem Lahn-Dill-Kreis. Mit den Familienhebammen wird besonders belasteten jungen Eltern mit Kindern im ersten Lebensjahr ein frühes Unterstützungsangebot gemacht.


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