Haftet Autoverkäufer für Betrug?

SCHADENERSATZ Fall fürs Arbeitsgericht: Auto herausgegeben, obwohl es nicht bezahlt war

Gebrauchtwagen bei einem Händler - ein Symbolfoto: 21 800 Euro sollte ein Fahrzeug kosten, das ein Betrüger 2014 von einem Autohaus im Raum Wetzlar ergaunert hat. Das Autohaus verlangt Schadenersatz vom verantwortlichen Verkäufer und behielt Gehalt ein. (Archivfoto: Dedert, dpa)

Das Ganze geschieht im Sommer 2014 in einem Autohaus im Raum Wetzlar: Ein Mann bekundet Interesse an einem gebrauchten Mini. Kaufpreis: rund 21 800 Euro. Er gibt an, im Auftrag einer Firma unterwegs zu sein, will erst ein Leasingangebot, dann aber doch kaufen. Er bekommt vom Autoverkäufer den Fahrzeugbrief zugeschickt, damit er den Mini zulassen kann. Dann lässt der Mann mehrere Termine zur Fahrzeugübergabe platzen, taucht später aber kurz vor einem Wochenende unvermittelt doch auf, bringt die Kennzeichen mit und zeigt dem Autoverkäufer auch den Ausdruck einer Banküberweisung. Der Verkäufer überlässt dem Kunden schließlich den Wagen.

Erst in der Folgewoche stellt sich heraus, dass die 21 800 Euro für den Mini gar nicht auf dem Konto des Autohauses eingegangen sind. Vom Auto und dem Käufer fehlt jede Spur - bis sich der Mini in einem Pfandhaus in Frankfurt wiederfindet. Dort hat der vermeintliche Käufer das Auto samt Fahrzeugbrief verpfändet und 13 000 Euro dafür bekommen.

In dem betroffenen Autohaus weiß man zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass der Kunde ein gesuchter Betrüger ist. Er hat mit Tricksereien und Scheinfirmen eine halbe Million Euro ergaunert. Mittlerweile ist er verurteilt und sitzt im Knast.

Das Autohaus möchte den Schaden ersetzt haben, der Verkäufer verlangt sein Gehalt

Trotzdem wurde das Geschehen am Mittwoch in einem anderen Verfahren nochmals aufgerollt - vor dem Arbeitsgericht in Gießen. Nach dem Betrugsfall hatte der Autoverkäufer zwar noch ein Jahr lang bei dem Autohaus gearbeitet, dann aber aus familiären Gründen gekündigt. Doch das Unternehmen behielt 4600 Euro Gehalt des Mannes ein und klagte zugleich vor dem Arbeitsgericht: Es verlangt von dem Verkäufer Schadenersatz in Höhe des Auto-Kaufpreises, weil er seinerzeit fahrlässig gehandelt habe. Der Autoverkäufer wiederum klagt, weil er das ausstehende Gehalt verlangt.

Für das Arbeitsgericht stelle sich die Frage der Haftung, wie Richterin Claudia Schymik am Mittwoch erläuterte. Es sei zu klären, ob der Verkäufer fahrlässig gehandelt hat und wie gravierend sein Verhalten sei.

Eine Rolle spielt dabei, ob er - wie angewiesen - in der Buchhaltungsabteilung nach dem Eingang des Geldes für den Mini fragte, bevor er Kfz-Brief und Autoschlüssel herausgab. Laut Verkäufer tauchte der vermeintliche Kunde an einem Samstag auf, um das Auto abzuholen. Es sei ein hektischer Tag gewesen, in der Buchhaltungsabteilung habe niemand gearbeitet, der Kunde habe aber einen Bankbeleg vorgezeigt.

Der Niederlassungsleiter des Autohauses beharrt dagegen darauf, dass der Mini am Freitag zuvor übergeben worden ist. Der Verkäufer habe also sehr wohl die Chance gehabt, den Eingang des Geldes zu kontrollieren.

Strittig ist auch, ob es später einen Anruf des Pfandhauses bei dem Autohandel gab. Mitarbeiter des Pfandhauses hatten zu Protokoll gegeben, sie hätten sich dort gemeldet, um zu fragen, ob der Mini rechtmäßig verkauft worden sei. Mit Verweis auf den Datenschutz habe man aber keine Antwort erhalten. Der Anwalt des Verkäufers kommentierte: Hätte das Autohaus damals reagiert, hätte es den Mini leicht wieder zurückholen können. Seitens des Autohauses heißt es dagegen, einen solchen Anruf habe es nie gegeben. Das Unternehmen klagt mittlerweile gegen das Pfandhaus vor einem Gericht in Frankfurt.

Ob das Autohaus als Arbeitgeber eine Mitschuld trifft, könne wohl nur mithilfe von Beweisen geklärt werden, sagte Richterin Schymik. Sie gab den Beteiligten Berechnungsbeispiele an die Hand, die - je nach Aufteilen der Verantwortung - als Grundlage für einen Vergleich dienen könnten. Darüber werden diese nun beraten, bis dahin ruht das Verfahren.


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