Mit starkem Netzwerk Neonazi-Szene bremsen

"WIR FÜR DEMOKRATIE" Diskussion über Dokumentarfilm

Diskutierten über den Dokumentarfilm "Blut muss fließen" (v.l.): Heinz Schreiber, Manfred Wagner, Uwe Röndigs, Ernst Richter und Andreas Balser. (Foto: Janssen-Mignon)

Rund 50 Besucher haben den Film gesehen und darüber diskutiert. Es sind heimlich aufgenommene Rechtsrock-Konzerte in ganz Deutschland und dem Ausland, die der Journalist Thomas Kuban über sechs Jahre - getarnt als Neonazi - aufgenommen hat. Der Film, der in großen Teilen aus wackeligen Bildern besteht, die mit einer versteckten Kamera gedreht wurden, zeigt das Bild einer zu Gewalt aufrufenden Gruppe von zumeist jungen Männern und Frauen, die sich der Neonaziszene verschrieben haben. Am Ende fragt sich der Zuschauer, wie es möglich sein kann, dass Konzerte, in denen Sänger Gewaltparolen grölen, Neonazis die Arme zum Hitlergruß strecken, unbehelligt stattfinden können.

Wie die anschließende Diskussion zeigte, ist rechter Rock nach wie vor ein Thema, die propagierten Inhalte sind menschenverachtend, volksverhetzend und strafbar. Alkohol fließt in Strömen auf solchen Konzerten, CDs von Neonazibands werden offen verkauft, ebenso wie Kleidung, die die rechte Gesinnung symbolisieren.

"Diese Bilder machen sprachlos"

Im Kontrast zu den verstörenden Bildern von Neonazis zeigt der Regisseur Filmsequenzen, die Thomas Kuban - wieder verkleidet - bei einer Pressekonferenz im Jahr 2007 mit dem damaligen bayrischen Innenminister Günther Beckstein (CSU) gedreht hat. Kuban, der wegen Morddrohungen unerkannt bleiben muss, konfrontiert Beckstein mit den Filmaufnahmen und seiner Erfahrung, dass die Polizei nicht einschreitet.

Becksteins Reaktion erstaunt: Es sei, so der Minister, schwierig für die Polizei zu unterscheiden, was Kunst oder eine Straftat sei. Kuban solle selbst Strafanzeige stellen, wenn er Straftaten bei den Konzerten entdecke. Zu diesen Konzerten kommt nur, wer Teil der Szene ist. Über SMS-Kontakte, Treffen auf Autobahnparkplätzen, auf denen Zettel zu weiteren Treffpunkten verteilt werden, kommen die Anhänger zum meist abgelegenen Konzertort.

Es geht aber auch anders, wie der Film ebenfalls zeigt. Etwa wenn in Berlin ein Aufmarsch von Neonazis von der Polizei begleitet wird und der Polizeichef und seine Kollegen sofort eingreifen, als es zu verfassungsfeindlichen Straftaten ("Hitlergruß") kommt und volksverhetzende Lieder gesungen werden. Oder wenn sich, wie vor einigen Jahren geschehen, im hessischen Kirtorf im Vogelsbergkreis ein Aktionsbündnis gegen Rechtsradikalismus erfolgreich gegen Rechtsrockkonzerte wehrt.

Die Podiumsdiskussion, geleitet vom Chefredakteur dieser Zeitung, Uwe Röndigs, zeigte die Sprachlosigkeit, angesichts der gezeigten Aufnahmen. Der Erste Kreisbeigeordnete Heinz Schreiber (Grüne): "Es ist schwer auszuhalten, wie sich die Menschen dort geben. Da fehlt mir jedes Verständnis. Ich bin erschrocken und diesen Leuten darf man keinen Fußbreit Raum geben."

Ähnlich äußerte sich auch Bürgermeister Manfred Wagner (SPD): "Es macht sprachlos, diese Bilder zu sehen. Und es ist bedrückend zu sehen, wie ein Staatsvertreter Beckstein reagiert". Aktuell diskutiert werde der NSU-Prozess - und wie unsensibel mit diesem Thema dort umgegangen werde. "Da braucht es eine breite Öffentlichkeit." Ernst Richter, Sprecher des Bündnisses "Bunt statt braun": "Vieles geschieht in sozialen Netzwerken, in denen solches Gedankengut auch verbreitet wird."

Für die Antifa-Gruppe Wetterau war Andreas Balser auf dem Podium. Er berichtete, dass der 90-minütige Film mittlerweile bundesweit von vielen Initiativen gezeigt werde. "Neonazis sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen und die Musik in den Charts vertreten. Die Bands, die da spielen sind bei den Jugendlichen ,mainstream' geworden." Röndigs wies darauf hin, dass es auch in Wetzlar immer wieder vorkomme, dass Neonazis Aufkleber in der Stadt verteilen. Wagner: "Die Politik muss noch enger zusammenstehen und mit den Menschen darüber diskutieren." Er erinnerte an die Stolpersteine, die in der Stadt verlegt wurden. Schreiber ergänzte, dass sich alle Parteien gegen Rechts engagieren müssten. "Demokraten müssen hier Farbe bekennen."

Auch das Publikum zeigte sich erschrocken. Eine Besucherin erzählte, dass sie jahrelang in Angst vor Neonazis gelebt habe und viele weggeguckt hätten. Ein anderer Besucher sagte, es mache betroffen, dass während der Veranstaltung Polizei vor dem Haus stehen müsse. Balser wies darauf hin, es sei möglich, mit einem starken Netzwerk die Neonaziszene einzudämmen. "Das ist eine Chance, selber tätig zu werden."


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