Nicht nur ein Gläschen Wein

MEDIZIN Fachtagung beschäftigt sich mit der steigenden Suchtneigung älterer Menschen

Die Sucht macht auch vor Menschen in einem höheren Alter nicht Halt. (Foto: Ingo Wagner/ dpa)

Etwa 100 Teilnehmer aus Medizin- und Pflegeberufen waren zu der Fachtagung in die Wetzlarer Seniorenresidenz gekommen. (Foto: Volkmar)

Diskutierten (von links): Martin Kraus, Staatssekretär Thomas Dippel, Rosa Winheim, Referatsleiterin Suchthilfe im Hessischen Sozialministerium, und Wolfgang Schmidt-Rosengarten. (Foto: Volkmar)

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Zusammen mit der Suchtklinik Eschenburg betreibt die Einrichtung ein Kooperationsprojekt für Prävention, Gesundheitsförderung und gesundes Altern. Es wird von der Hessischen Landesklinik finanziell gefördert.

Martin Kraus, der als Projektverantwortlicher die Teilnehmer begrüßte, belegte die problematische Entwicklung mit Daten und Fakten. Dass Suchterkrankungen im Alter fortbestehen oder sich langsam entwickeln, ist nicht neu, hat aber immer stärkere Auswirkungen auf eine älter werdende Bevölkerung.

Nach Expertenschätzungen haben 14 Prozent der pflegebedürftigen Menschen ein Alkohol- oder Medikamentenproblem. Rund drei Prozent der über 60-jährigen Männer und ein Prozent der über 60-jährigen Frauen sind alkoholabhängig. Fast ein Drittel aller Beruhigungsmittel werden über 70-jährigen Menschen, meist Frauen, verschrieben. Sie bergen eine besondere Gefahr der Abhängigkeit.

Einen Medikamentenmissbrauch weisen rund 5000 aller über 60-Jährigen im Lahn-Dill-Kreis auf.

Von den kreisweit rund 52 000 Einwohnern über 65 seien rund 300 Frauen und 500 Männer alkoholabhängig, etwa 7000 betreiben einen "riskanten Konsum von Alkohol". Das bedeutet: Sie konsumieren regelmäßig mehr als 10 Gramm (Frauen) und 20 Gramm (Männer) reinen Alkohol pro Tag. Damit verbunden sind Unfälle, Stürze und weitere Erkrankungsrisiken. Alkohol- und Medikamentenmissbrauch im Alter steht oft im Zusammenhang mit alterstypischen Lebenserfahrungen wie Einsamkeit, Altersarmut, Verlust, Krankheit, chronischen Schmerzen.

Wie Dr. Thomas Klein von der Klinik Eschenburg betonte, sind Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit auch im Alter erfolgreich behandel- und überwindbar. Voraussetzung ist eine angemessene Ansprache der betroffenen Personen, das Wissen der Angehörigen und beruflich Pflegenden um das Problem und die Kenntnis von Hilfs- und Behandlungsmöglichleiten.

Um diese Voraussetzungen zu schaffen, habe man das Netzwerk "Sucht- und Altenhilfe" im Lahn-Dill-Kreis mit den Kooperationspartnern verwirklicht. Es entwickele Aus-, Fort- und Weiterbildungen, berate Betroffene und Angehörige. Auch über 100 Ärzte konnten mit ins Boot geholt werden. Aktuell bestehen rund 180 Beratungsangebote.

"Es geht nicht darum, den Senioren das Gläschen Wein oder Bier nicht zu gönnen oder notwendige Medikamente zu versagen, vielmehr wollen wir darüber aufklären, dass ein übermäßiger Konsum von Suchtmitteln kein Laster, sondern eine Krankheit ist, die unbehandelt mit einer Verkürzung des Lebensalters einhergeht", betonte Staatssekretär Dr. Thomas Dippel vom Hessischen Sozialministerium.

Eine positive Lebensqualität durch erfolgreiches Therapieren einer Depression

Er begrüßte das Wetzlarer Modell als ein Leuchtturmprojekt in Hessen, das vom Land mit jährlich rund 40 000 Euro gefördert werde.

Auch Stephan Aurand, Kreissozialdezernent, der auch für Wetzlars Bürgermeister Manfred Wagner sprach, betonte die Bedeutung des Netzwerkes. Es lasse Menschen, die mit Sucht kämpfen, nicht allein.

"Sucht im Alter ist inzwischen für unsere Gesellschaft zu einem gesundheitspolitisch brisanten Thema geworden", erklärte Wolfgang Schmidt-Rosengarten, Geschäftsführer der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen. Dabei kritisierte er den stetig wachsenden Medikamentenmissbrauch bei älteren Menschen und dass sich an der Vergabepraxis wenig geändert habe.

Aus der praktischen Arbeit berichtete Bernd Nagel, Geschäftsführer der Stiftung Waldmühle. "Wir haben nicht das Abstinenzgebot zum Ziel, uns geht es vielmehr darum, den Menschen mehr Lebensfreude zu vermitteln und die soziale Teilhabe zu verbessern."

Den Schlusspunkt setzte Dr. Nicole Cabanel, stellvertretende Direktorin der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Gießen. Etwa die Hälfte aller über 65-Jährigen leide unter Schlafstörungen. Ursachen sind meist Depressionen. Hier sind verschreibungspflichtige Schlafmittel dauerhaft keine Lösung und in Verbindung mit Alkoholmissbrauch gefährlich. Nur wenn es gelinge, die Depression erfolgreich zu therapieren, habe der Senior die Chance auf eine positive Lebensqualität.


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