Nur das "fünfte Rad am Wagen"?

PROZESS Angeklagter im Uhrenraub-Prozess will nur den Wagen geknackt haben

Das menschliche Erbgut ist ein tückisches Stückchen Chemie. Es macht viel aus von dem, was ein Mensch ist. Es ist aber auch verräterisch, denn es bleibt beinahe überall haften: Kleidung, Gläser und Tassen, Zigarettenstummeln.

Genau solch einer beweist: Der Mann, der seit vergangener Woche vor dem Limburger Landgericht steht, hatte mit dem Raubüberfall auf einen traditionsreichen Wetzlarer Juwelier im Februar 2014 zu tun. Nur wie genau er verstrickt ist, das zeigt die Kippe mit dem Erbgut des Mannes nicht.

Am Freitag wurde deutlich, dass Koblenz für die Täter Dreh- und Angelpunkt des Raubs war. Ein Koch berichtete, wie plötzlich die Polizei an seiner Arbeitsstätte erschien, wie sie ihn zum Parkplatz seines Wagens gefahren haben, dass das Auto verschwunden gewesen sei und wie Wohnungsdurchsuchung und Befragung folgten.

Nur einen Tag später rief ein zweiter Zeuge bei der Polizei an: An einem einsamen Parkplatz hinter einem Koblenzer Gewerbegebiet hatte er beim Wenden einen schwarzen Golf im Gebüsch entdeckt - das Auto des Kochs. Das Auto war aufgebrochen, die Verkleidung der Lenksäule war herausgerissen, die Kabel hingen heraus. "Es war alles kaputt", klagte vor Gericht der Besitzer, der den Wagen inzwischen verkauft hat.

Ein einziger Zigarettenstummel unter dem Fahrersitz führt zum Dieb des Wagens

Fünf Koblenzer Polizeibeamte berichteten, wie sie den Fundort sicherten, wie sie dort einen Handschuh fanden, in dessen Inneren weitere Handschuhe steckten. Wie sie eine Flasche Apfelkorn mit Finger-Teilabdruck fanden, der nicht verwertbar war.

Insgesamt, so wurde deutlich, war die Spurenlage schwierig. Bis bei der kriminaltechnischen Untersuchung der Zigarettenstummel auftauchte. Obwohl der Besitzer im Auto geraucht hatte, fehlte der Aschenbecher. Nur unter dem Fahrersitz lag eine vereinzelte, niedergebrannte Zigarette. Und an dieser haftete noch die Erbinformation des Rauchers.

Über eine internationale Datenbank ergab sich ein Treffer: Der Mann, der in Limburg vor Gericht sitzt, ist in seiner Heimat als Autoknacker kein Unbekannter.

Weil er für diese Fähigkeit bekannt ist, war er für die Hintermänner des Uhrenraubs auch ein gefragter Mann - so zumindest die Darstellung des Angeklagten, die sein Anwalt Ulrich Endres verlas; versehen mit dem Zusatz "Rückfragen werden nicht beantwortet".

Demnach war der Mann gerade erst aus einer Haft wegen Autodiebstahls entlassen worden, als ihn ein Bekannter ansprach, ob er das nicht auch in Deutschland könne. Er habe bejaht, als Zahlung standen 1000 Euro und die Übernahme der Reisekosten im Raum.

Mit einem Kleinbus will der Mann in eine ihm unbekannte Stadt gefahren worden sein - Koblenz. Dort sei er von einem Landsmann abgeholt worden. "Diesem Mann war offensichtlich der Auftrag meines Mandanten bekannt", sagte der Verteidiger. Ziel war ein älterer Golf ohne Wegfahrsperre, ohne Alarmanlage, zuverlässig aber unauffällig.

Laut Polizei wurden in der Tatnacht ein halbes Dutzend entsprechende Autos geöffnet. Aber nur eines wurde gestohlen. Der Angeklagte will es auf einem Parkplatz seinem "Betreuer" überlassen haben. Der habe ihn anschließend wieder in den Überlandbus in die Heimat gesetzt. "Mein Mandant hat weder gewusst, was mit dem Wagen geschehen sollte, noch wer daran beteiligt war", schloss Endres die These des fünften Mannes.


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