Sensationsfund sprengt die Geschichtsstunde

HISTORISCHES Fast 800 Jahre alte Urkunden tauchen bei Dachbodenentrümpelung auf / Rückgabe an Flandern mit Festakt

Den Sensationsfund in Händen (v. l.): Holger Sturm hält die Papstbulle von 1220, beeindruckt sind (v. l.) Matthias Uhl, Goetheschulleiter Carsten Scherließ und Mara Uhl.      (Foto: Gross)

Walter Wuttke (vorn) lebte als freischaffender Künstler in Berlin, hier mit zwei Lehrlingen, bis er nach dem Zweiten Weltkrieg nach Wetzlar umsiedelte. (Foto: privat)

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Erwartungsvoll blickten die 21 Zwölftklässler im Grundkurs Geschichte an der Goetheschule, als Holger Sturm das Kästchen in braunem Kunstledereinband mit dem doppelköpfigen Adlerwappen darauf entgegennahm und öffnete. Unerwartete Schätze traten zutage: Sechs in Papier und Briefumschläge eingewickelte hoch- und spätmittelalterliche Urkunden, darunter eine erstaunlich gut erhaltene, beinahe 800 Jahre alte Papstbulle von Papst Honorius III. aus dem Jahr 1220.

Der Geschichtslehrer, der auch als pädagogischer Mitarbeiter an der Professur für Mittelalterliche Geschichte der Justus-Liebig-Universität in Gießen tätig ist, war restlos begeistert. Er hatte mit einigem gerechnet, mit dieser Sensation aber ganz sicher nicht. Im Nu war Holger Sturms Forschergeist geweckt. Zur Sicherheit verstaute er die Zeitzeugnisse für den Rest des Tages im Schultresor. Schon am Abend machte er sich an die Erkundung und arbeitete die komplette Nacht durch. Am nächsten Tag benachrichtigte er seinen universitären Chef, den Gießener Mediävisten Professor Stefan Tebruck, der ihm seitdem mit Rat zur Seite stand.

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Aufgetaucht waren die Urkunden, als die Familie Uhl vor Jahren das Haus von Maras Urgroßeltern im Philosophenweg ausräumte, weil es verkauft wurde. „Es hätte gut passieren können, dass das Kästchen zusammen mit vielen anderen Sachen im Container gelandet wäre“, erinnert sich Maras Vater Matthias Uhl: „Doch zum Glück hat meine Frau hineingeguckt und es gerettet.“ Seitdem lagerte der Sensationsfund bei den Uhls im Schrank. Dass es sich um mittelalterliche Urkunden handelt, wussten sie, nicht aber, was sie damit anfangen sollten. Bis Mara die Idee hatte, ihren Geschichtslehrer zu fragen. „Jetzt sind wir froh, in Holger Sturm jemanden gefunden zu haben, der die Urkunden wissenschaftlich nutzen kann,“ sagt Matthias Uhl zufrieden.

Neben den Urkunden befand sich ein Notizzettel mit dem Titel „Klosterdokumente aus Messines“ in dem Kästchen. Darauf hatte Maras Urgroßvater Walter Wuttke penibel den Inhalt aufgelistet, inklusive der Formate der historischen Dokumente in Pergament und Schweinsleder und des jeweiligen Siegelzustands.

Was mit den Urkunden geschah und wie sie nach Wetzlar kamen, muss wohl für immer im Dunkeln bleiben

Zusammen mit drei Postkarten und einem weiteren Brief, die ebenfalls in dem Kästchen lagen, kam Holger Sturm dem Ursprung der Urkunden auf die Spur: Sie alle stammen aus dem früheren Benediktinerinnenkloster in Messines (Mesen) in der Nähe der belgischen Stadt Ypern. Während des Ersten Weltkriegs lagen Ypern und das Kloster direkt an der Frontlinie. Benediktinerinnen gab es da schon lange keine mehr im Kloster, stattdessen waren dort eine Schule und weiterhin das Klosterarchiv untergebracht.

Das Kloster wurde 1914/15 von bayrischen Soldaten besetzt und völlig zerstört. Seitdem gilt das Klosterarchiv als verschollen oder vernichtet. Vermutlich wurde es während der ersten Flandernschlacht im Oktober/November 1914 von deutschen Soldaten geplündert. In der bekannten Schlacht bei Messines vom 7. bis 14. Juni 1917 befehligte dann ein gebürtiger Wetzlarer, Sixt von Armin, die deutschen Truppen. 100 Jahre später sollen nun von Wetzlarer Seite aus in der Region Flandern die historischen Zeugnisse zurückgegeben werden.

Was genau mit den Urkunden seit dem Winter 1914/15 geschah und wie sie nach Wetzlar gelangten, muss wohl für immer im Dunkeln bleiben. Dass es sich um Beutegut handelt, steht außer Frage. Allerdings sei keinesfalls gesagt, dass Walter Wuttke dafür verantwortlich war, oder dass er die Dokumente nach Wetzlar brachte. Die Uhls wissen nur wenig über den Urgroßvater. Nur so viel: Wuttke arbeitete vor dem Ersten Weltkrieg als freischaffender Künstler in Berlin, nachdem er von Moskau dorthin gezogen war. Während des Krieges war Wuttke als Soldat im Einsatz. Ein Foto von 1917 zeigt ihn vor einem Unterstand an der Front im heutigen Lettland, die Uniform dekoriert mit einer Auszeichnung und höherem Dienstgrad. Ob Wuttke dem Königlich-Bayrischen Landwehr Infanterie-Regiment Nr. 2 angehörte und in Messines war, weiß man nicht.

Als Geschäftsmann war er wenig erfolgreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelte Wuttke nach Wetzlar um und bezog dort wohl in den 50er Jahren das Haus im Philosophenweg. Kurze Zeit danach starb er. Nach Wuttkes Tod versuchte seine Tochter Lieselotte Künkel die Dokumente 1961 an die „Institution Royale de Messines“ zu verkaufen. Die Korrespondenz dazu befand sich ebenfalls im Kästchen. Das Antiquariat J. A. Stargardt in Marburg schätzte den Verkaufswert der Urkunde von Papst Honorius III. auf 500 D-Mark. Der belgischen Seite war das offenbar zu teuer, sie bot im Gegenzug 500 D-Mark für alle sechs Dokumente zusammen an. Lieselotte Künkel ging darauf nicht ein, damit war das Geschäft geplatzt.

In wochenlanger Forschungsarbeit kam Holger Sturm dem Inhalt der sechs Urkunden Stück für Stück auf die Spur. Glücklicherweise konnte er bei der Entschlüsselung der zwei in Französisch mit flandrischem Einschlag verfassten Schriften auf die Unterstützung von Professor Rik Opsommer, Leiter des Stadtarchivs von Ypern, und seines Gießener Kollegen Fabian Rösch zählen.

100 Jahre nach der Schlacht von Messines unter Sixt von Armin werden die Dokumente zurückgegeben

In der auf Latein verfassten und am 26. Oktober 1220 ausgestellten Bulle überträgt Papst Honorius III. dem Abt von St. Aubert, dem Propst und dem Kanoniker Magister J. von Cambray die Entscheidung in einem Streit unter anderem bezüglich der Zehnte. Die älteste Urkunde ist auf den 2. November 1217 datiert und klärt einen Streit bezüglich einer jährlich zu leistenden Zahlung des Klosters von St. Amand an das Kloster Messines. Für die belgische Seite sind insbesondere jene Urkunden von besonderem Wert, die über die Historie des Klosters Aufschluss geben, denn überliefert ist nur wenig.

Um welch Sensation es sich bei dem Wetzlarer Fund handelt, verdeutlicht laut Holger Sturm auch ein ähnlicher Fall, der 2014 an der Universität Regensburg als „Sensationsfund“ bekannt wurde, der aber nun in Hinblick auf die Anzahl der Wetzlarer Urkunden und deren Bedeutung noch übertroffen werde. Die in Regensburg aufgetauchte Urkunde, die ebenfalls während des Ersten Weltkriegs aus dem Kloster Messines verschwunden war, datiert auf den 25. Juni 1290.

Genau 100 Jahre nach der Schlacht von Messines unter Sixt von Armin sollen nun die sechs Urkunden an das Stadtarchiv Ypern und damit Belgien auch ein „Stück kulturelle Identität“ zurückgeben werden. Der offizielle Festakt dort ist für den 12. Juni geplant. Schon am 22. Mai soll auch in Wetzlar ein Festakt stattfinden, an dem unter anderem Oberbürgermeister Manfred Wagner und Yperns Stadtarchivar Rik Opsommer teilnehmen werden. Es wird Vorträge zur Geschichte Yperns und Messines geben und über die Bedeutung der Urkunden berichtet werden.


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