Olaf Schmidt ist in der evangelischen Kirche Beauftragter für Weltanschauungsfragen und zuständig für die vier Dekanate Dillenburg, Herborn, Gladenbach und Biedenkopf. Er sagt: "Wenn wir als Kirche eine Religionsgemeinschaft als Sekte bezeichnen, bezeichnen wir eine Abspaltung - und somit eine Verwandtschaft zu uns. Wir haben die gleichen Wurzeln. So kann ich mit einem Adventisten über die Bibel diskutieren - es gibt eine gemeinsame Grundlage -, nur würden wir irgendwann unterschiedlicher Meinung sein." Das sei bei der Neuapostolischen Kirche und den Zeugen Jehovas genauso.
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Die Anfänge der Neuapostolischen Kirche im Dillkreis gehen aufs Jahr 1928 zurück. Damals seien die ersten Neuapostolischen Christen nach Herborn gezogen. Die Gemeinde in Herborn wurde 1953 gegründet, die in Haiger 1977 und in Offenbach 1983.
Im gesamten Kirchenbezirk Siegen gebe es inzwischen elf Gemeinden mit 1370 "Geschwistern" - so bezeichnen sich die Mitglieder selbst.
Der Haupt-Unterschiede zu den Volkskirchen: "Wir glauben an die Wiederkunft Jesu Christi, und wir glauben, dass er die Kirche auch durch Apostel vollenden wird", sagt Dirk Ehrenfried. So hat die Neuapostolische Kirche weltweit 350 Apostel. Der höchste Apostel, der Stammapostel, lebt in Zürich, am Stammsitz der Kirche.
Olaf Schmidt von der evangelischen Kirche sagt: "Die Neuapostolische Kirche möchte aus dieser Sektenecke heraus, sie hat inzwischen sogar einen Apostel, der für ökumenische (Zusammenarbeit der christlichen Kirchen; Anm. d. Red.) Fragen zuständig ist." Zurzeit werde der Katechismus der NAK, also deren kurzgefasste Glaubenslehre, überarbeitet. "Evangelische und katholische Kirche werden genau hingucken, was dort über die Kirchen drin steht und wo sich die Neuapostolische Kirche hinbewegen wird", sagt Schmidt.
Der stellvertretende NAK-Bezirksleiter Dirk Ehrenfried stellt fest: "Es herrscht sehr viel Unsicherheit über unseren Glauben." Der neue Katechismus werde da sehr viel Klarheit bringen. Und er sagt auch: "Sekte heißt Abweichung. Aber wir bemühen uns, nach der Ursprungslehre zu leben. Also können wir gar nicht anders."Siebenten-Tags-Adventisten: Die Religionsgemeinschaft hat bundesweit rund 36 000 Mitglieder - so viele wie die Freien evangelischen Gemeinden (FeG). In Hessen und insbesondere im Dillkreis verschiebt sich das Verhältnis aber klar zugunsten der FeGn. So haben die Siebenten-Tags-Adventisten nur 39 Gemeinden in Hessen, darunter eine in Dillenburg. Laut Pastor Radovan Marjanov hat sie 46 getaufte Mitglieder.
Der große Unterschied zu anderen Kirchen: Der Samstag (Sabbat) ist ihr Ruhetag. Dann findet auch der Gottesdienst statt. Die Adventisten glauben, dass Jesus wiederkommen und eine neue Erde schaffen wird. Daher kommt auch der Name Adventisten (von dem lateinischen Begriff adventus: Ankunft). Berühmtestes Mitglied: Der Erfinder der Cornflakes, John Harvey Kellog, war Adventist.
Der Schatzmeister der Dillenburger Gemeinde, Claudius Hedwig, erklärt: Die Adventisten gebe es in Deutschland seit 1899. Anfang der 1920er Jahre habe sich im Dillkreis, in Herborn, eine Gemeinde gegründet, später auch eine in Schönbach. Anschließend habe es wechselweise Standorte in Dillenburg und Herborn gegeben. Seit 2001 haben die Siebenten-Tags-Adventisten in Dillenburg ihr Domizil in einer Villa neben dem Krankenhaus.
Auch zirka 15 Kinder gehören der Gruppe an, sind aber keine Mitglieder. Denn die Mitgliedschaft beginnt erst mit der Erwachsenen-Taufe.
Zeugen Jehovas haben "Königreichssäle" in Burg und Flammersbach
Die Dillenburger Gemeinde hat darüber hinaus eine eigene Pfadfindergruppe (CPA: Christliche Pfadfinder der Adventjugend) mit etwa 30 Kindern.
Hedwig sagt: "Wir verstehen uns als Freikirche, nicht als Sekte." Typisch für eine Sekte sei das Verständnis, nur bei ihnen gebe es die Rettung - das sehen die Adventisten nicht so.
Auch Pfarrer Jörg Bickelhaupt vom Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau stellt klar: "Der Sektenbegriff trifft auf Adventisten schon lange nicht mehr zu, und wer wie sie den Weg zur ACK (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen) gefunden hat, ist eine anerkannte christliche Kirche."
Zeugen Jehovas: Die Zeugen Jehovas (Jehova ist das biblische Wort für Gott) haben im Dillkreis Versammlungen in Burg und Flammersbach. Dort gibt es so genannte "Königreichssäle" - die Versammlungsstätten. Deutschlandweit hat die Gemeinschaft 192 000 Mitglieder. Deutschland-Zentrale ist im benachbarten Landkreis Limburg-Weilburg, in der Gemeinde Selters, im Ortsteil Niederselters. Dort beschäftigt die Gemeinschaft etwa 1100 hauptamtliche Mitarbeiter und druckt den "Wachturm", ihr Verkündigungsblatt, in einer jährlichen Auflage von 200 Millionen Exemplaren in 183 Sprachen. Weil die Zeugen Jehovas Politik und Religion für unvereinbar halten, dürfen ihre Mitglieder nicht wählen - das führt in Selters-Eisenbach schon mal zu Wahlbeteiligungen von nur 20 Prozent.Olaf Schmidt, Beauftragter für Weltanschauungsfragen in der evangelischen Kirche, sagt: "In vielen Bundesländern haben die Zeugen Jehovas schon den Status als ,Körperschaft des öffentlichen Rechts beantragt. Das wird sie verändern." Der Status verschafft ihnen Steuerprivilegien.
Bislang hatten sie sich strikt vom Staat abgegrenzt, ihre Mitglieder durften weder Wehr- noch Zivildienst leisten, inzwischen sei Zivildienst erlaubt. Außerdem stünden im "Wachturm" mittlerweile Beiträge über das Ehrenamt zum Beispiel bei der Freiwilligen Feuerwehr. Schmidt: "Das war vorher undenkbar." Er wertet es so, dass die Zeugen Jehovas Kontakte knüpfen. Und er sagt: "Es wird sehr interessant sein, wie die Zeugen Jehovas in 25 Jahren dastehen."
In der Vergangenheit prüften Gerichte aber auch, ob austrittswillige Mitglieder zwangsweise in der Gemeinschaft festgehalten wurden. Ein weiterer Kritikpunkt: Sie lehnen Bluttransfusionen ab - auch entgegen medizinischen Rat. So starb eine 29-jährige Zeugin Jehovas 2008 in einer Klinik in Lich.























