Herr Thome, unsere Serie heißt "Was macht eigentlich?". Was also machen Sie denn so den ganzen lieben langen Tag?
Stephan Thome: Ich stehe gegen halb neun auf, koche Tee, mache den Computer an, lese, verbessere, telefoniere mit meiner Lektorin, lese, verbessere, esse Mittag, lese, verbessere, jogge eine Runde im Wald, lese und verbessere. Mehr nicht. In dieser Woche haben wir mit dem Lektorat angefangen. Das Buch ist also in der Rohfassung fertig und bekommt den letzten Schliff.
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Verraten Sie, um was es geht?
Thome: Es ist ein Reiseroman. Im Mittelpunkt steht Hartmut Hainbach, der in Bonn Professor ist. Seine Frau, eine Portugiesin, ist vor einiger Zeit aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen und des Berufes wegen nach Berlin gegangen. Die Tochter studiert in Hamburg. Mit fast sechzig Jahren lebt mein Held also wieder alleine und führt eine Wochenend-Ehe. Um dem zu entfliehen, überlegt er, sich beruflich nach Berlin zu verändern. Ein Angebot gibt es, aber das würde einen Abstieg bedeuten. Soll er es trotzdem tun? Will seine Frau das? Ist sie wirklich nur der Arbeit wegen nach Berlin gezogen? Plötzlich erscheint vieles fraglich, was jahrelang fraglos schien. Dann passieren noch ein paar Dinge, und schließlich hat mein Held das Gefühl, einfach mal raus zu müssen. Er setzt sich ins Auto und fährt los. Sein Ziel ist Portugal, wo er Verwandtschaft hat. Auf dem Weg dahin hat er viel Zeit, sein Leben aufzurollen und nachzudenken.
Mit Happy End?
Thome: Ein offenes Ende am Meer. Mehr (macht eine Pause und lacht) verrate ich nicht.
Sie waren bis Ende Juni vergangenen Jahres Gastdozent am Institut für chinesische Literatur und Philosophie in Taipeh, Taiwan. Gleich danach haben Sie sich in ein Auto gesetzt und sind für Ihr zweites Buch zwei Monate lang von Deutschland nach Portugal gefahren. Wie war das?
Thome: Wunderschön. Ich habe diese Reise sehr genossen. Nach sechs Jahren in Taiwan hatte ich ungeheure Lust auf Europa und auch Lust zu reisen. Und ich war zum ersten Mal als freier Autor unterwegs - im doppelten Sinne. Es war eine ganz andere Arbeit als damals für "Grenzgang". Diese Geschichte habe ich ja fast ausschließlich aus meiner Erinnerung erzählt. Durch die Recherchereise für das zweite Buch habe ich das Gefühl, viel näher an die Hauptfigur und an die Geschichte herangekommen zu sein.
Gibt es etwas in der Zeit, an das Sie gerne zurückdenken?
Thome: An vieles. Beispielsweise war ich mehrmals in Bonn, wo mein Held lebt. Ich musste mir überlegen, wo Professor Hainbach wohnt und welchen Weg er zur Arbeit nimmt. In der Nähe von Hainbachs Zuhause habe ich eine Frau angesprochen und sie ausgefragt. Und weil man als Autor ja schon komische Fragen stellt, habe ich ihr gesagt, wer ich bin und was ich mache. Sie hat total begeistert reagiert, mich sofort in ihr Auto gezerrt und mir alles gezeigt: Bäcker, Arztpraxis, einfach alles. Es hat sich herausgestellt, dass sie einen privaten Lesekreis leitet, der "Grenzgang" gelesen hatte.Ihr Debütroman "Grenzgang" wurde 2009 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Von den Kritikern haben Sie fast durchgängig Lob geerntet. "Grandios" sei das Buch, "fulminant" und "großartig". Hatten Sie nicht Angst vorm zweiten?
Thome: Die Idee und erste Skizzen zu "Fliehkräfte" sind schon im Jahr 2008 entstanden, also lange bevor "Grenzgang" erschienen ist. Ich stand also nicht ganz an Punkt null. Aber als Druck empfinde ich den Erfolg des ersten Buches nicht. Schließlich habe ich zehn Jahre lang davon geträumt, überhaupt solchen Druck zu verspüren. Außerdem kann ich mir durch den Erfolg von "Grenzgang" sicher sein, dass "Fliehkräfte" auf jeden Fall wahrgenommen wird. Das ist doch super. Vielleicht ist jetzt die Fallhöhe größer. Aber gut, dann muss das Buch eben überzeugen.
Können Sie sich vorstellen, wieder an die Uni zurückzukehren?
Thome: Das hängt entscheidend vom zweiten Buch ab. Es wird Antwort auf die Frage geben: Kann ich als freier Autor überleben? Aber ich gebe zu, an die Uni zurückzukehren, ist Plan B. (Pause) Kleines B. (Pause). C. (Pause) D. Im Ernst, das Schreiben von Romanen macht mir viel mehr Freude als das Schreiben von wissenschaftlichen Texten.
2012 ist Grenzgangsjahr. Bei ihrem ersten Grenzgang - der war im Jahr 1977 - waren Sie fünf Jahre alt. Haben Sie noch Erinnerungen daran?
Thome: Ja, aber ich weiß nicht, ob es wirklich meine Erinnerung ist, oder ob es mir jemand erzählt hat. Jedenfalls war ich wohl so genervt von der ganzen Lauferei, dass ich gesagt habe: Das ist mein allerletzter Grenzgang.
Und, war er das?
Thome: (lacht) Nein, ich habe alle mitgemacht, bis auf den in 1998. Da war ich als Student in Taiwan beziehungsweise auf einer Reise in Asien.
Werden Sie denn dieses Jahr im August dabei sein?
Thome: Ja. Ich plane, alle drei Tage mitzulaufen. Ich werde auch bei einigen Gesellschaften unter die Fahne gehen. Nur Huppchen mag ich nicht. Ich habe nicht gerne schwarze Wangen.



















