Denn immerhin hatte die Volksbank als drittgrößte Genossenschaftsbank Deutschlands im vergangenen Jahr 53 Millionen Euro vor Steuern erwirtschaftet. Und das trotz Finanzkrise und einem Jahr, "das von Unsicherheiten und einem Auf und Ab geprägt war", wie Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Hans Günther Horn betonte.
Horn zeigte sich vom Ansturm der Mitglieder und Gäste angenehm überrascht: "Einen solchen Ansturm habe ich hier in Marburg noch nicht erlebt. Das war schon eine kleine Volksbewegung, die hier heute Abend stattgefunden hat", freute er sich.
"Wenn eine Volksbank eine ehemalige Bischöfin einlädt, muss die Krise wohl groß sein", meinte denn auch Margot Käßmann lachend, als sie ihren Vortrag begann. "Was wirklich zählt: Christliche Werte unserer Gesellschaft", lautete dessen Titel. Und mit viel Witz, Esprit und Charme trat die ehemalige Bischöfin an, um zu erläutern, warum die zehn Gebote durchaus in der Lage seien, ein ethischer Leitfaden für das Gemeinwesen zu sein. Zuvor räumte sie jedoch mit dem Irrglauben auf, die Kirchen seien von einem immensen Mitgliederschwund betroffen: "Jede Woche besuchen rund 5 Millionen Menschen einen Gottesdienst, aber nur 700 000 ein Fußballstadion. Die Berichterstattung darüber finde ich hingegen ziemlich disproportional", sagte sie.
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Allerdings setzten sich die Menschen ihre Religion gerne persönlich zusammen. "In unserem Zeitalter können wir uns alles zusammenkaufen, auch Religion, scheint die Botschaft zu sein. Aber Jesus ist keine Naturgottheit, die wir beim Joggen auf dem Waldweg treffen", machte sie klar.
"Die Bibel kann die Grundlage für Integration sein"
Sie kritisierte: "Junge Leute haben keinen Schimmer von dem, was in der Bibel steht." Das habe sie erfahren, als ein Kamerateam sie besucht habe. "Der junge Kameramann war überrascht von den Geschichten, die ich erzählte. Und dann hat er gefragt, ob ich ihm das Buch wirklich empfehlen könne", so Käßmann, die betonte: "Die Bibel kann die Grundlage für Integration sein."
Dies habe sie auch auf einer Taxifahrt in Berlin erlebt, als sich der Taxifahrer mit den Worten "Ich bin ein Kollege von Ihnen, ich bin Imam" vorgestellt habe. "Auf die zehn Gebote könne man sich als Grundlage verständigen, meinte er." Und diese Sichtweise treffe laut einer Umfrage auch auf 74 Prozent der Deutschen zu.
Die Professorin kritisierte die Schnäppchenmentalität und wunderte sich darüber, dass "Geiz ist geil" einen solch hohen Stellenwert habe. "Dabei ist Geiz alles andere als geil. Niemand würde doch sagen, ,Schatz, ich liebe Dich, weil Du so schön geizig bist. Im Gegenteil: Wenn ich leistungsfähig bin, muss ich geben - und das ist ein gutes Gefühl."
Die Wirtschaft sei zwar ein wichtiger Teil unseres Zusammenlebens, "Aber wir sind an dem Punkt angekommen, an dem die Grenze der Geldvermehrung erreicht ist", betonte sie. Es gebe eine unerträgliche Diskrepanz, wenn Unternehmen massenweise Arbeitnehmer entließen, "um dann gleichzeitig astronomische Gewinne zu verkünden. Das ist nicht im Sinne der Gemeinschaft."
Applaudiert wurde Käßmann auch, als sie vor der Abschaffung von Feiertagen warnte: "Ohne Ruhetage gibt es keinen Rhythmus mehr, alle Tage sind gleich. Manager erleiden Burnout, weil sie keinen Rhythmus mehr haben" - dies gelte es zu vermeiden. Sie habe den Eindruck, "dass das Herz der Gesellschaft am Konsum hängt." Zudem fragte Käßmann, wofür wir unsere Lebenszeit einsetzen. "Der Durchschnittsbürger hat mit 75 rund sieben Jahre vor dem Fernseher verbracht. Wenn ich Gott später gegenüberstehe hätte ich echte Probleme, das zu erklären", so Käßmann.
Sie plädierte für mehr Solidarität. "Es müssen sich nicht alle umarmen, aber ein respektvoller Umgang miteinander ist wichtig", mahnte sie. Dies sei ein Schritt weg von der "Egomanie der Ich-Gesellschaft" gegen die totale Vereinzelung. Und auch in der Spaßgesellschaft müsse die Frage nach der Sinnhaftigkeit erlaubt sein. "Die Sinnfrage ist keine Erfolgsfrage", so Käßmann, "denn ich darf auch scheitern."
Sie verdeutlichte: "Es muss ein Gewebe geben, das die Gesellschaft zusammenhält. Und die zehn Gebote können dafür die Grundlage sein."






















