Die "Laufkundgebung", zu der das Bürgerforum und das Marburger "Bündnis gegen Rechts" eingeladen hatten, begann bei schönstem Frühlingswetter auf dem alten Festplatz in Goßfelden. Der Vorsitzende der Lahntaler Gemeindevertretung, Dirk Geißler, der schon eine Stunde zuvor in Sterzhausen bei einer Kundgebung auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht hatte, begrüßte die Teilnehmer aus Lahntal, Marburg, Gießen und Wetzlar.
Er berichtete, dass es in der Gemeinde einige Diskussionen um die Veranstaltung gegeben habe. Er sei jedoch der Ansicht, dass diese Veranstaltung richtig sei: "Wir wollen nicht erst reagieren, wenn wieder etwas passiert ist. Wir wollen handeln und zeigen, dass im Lahntal für solche Leute kein Platz ist", sagte er.
Geißler erinnerte an die Vorkommnisse rund um den Jugendclub Sterzhausen, der wegen neonazistischer Umtriebe für einige Zeit geschlossen worden war, und von dem Nazi-Überfall auf zwei Goßfeldener im vergangenen Jahr, der zur Gründung des Bürgerforums geführt hatte. Unter dem Beifall der Demonstrationsteilnehmer, zu denen auch Gemeindevertreter aus Cölbe und Wetter sowie Schüler der Wollenbergschule Wetter gehörten, verlas er die Erklärung gegen rechte Umtriebe, die das Lahntaler Gemeindeparlament im Herbst 2009 einstimmig verabschiedet hatte.
In einem bunten Zug bewegten sich die Demonstranten dann zunächst zur Alten Lahnbrücke. Die Veranstalter schätzten, dass rund 500 Teilnehmer mitmarschierten. Polizeisprecher Martin Ahlich sprach von 300 Teilnehmern. Von der Lahnbrücke, dem Ort des Überfalls im vergangenen Jahr, bewegte sich der Zug an der Kirche vorbei den Berg hinauf bis zum Mehrdrusch, wo eine Zwischenkundgebung stattfand. Dort sprach Ulf Immel vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) als Vertreter des Marburger Bündnisses gegen Rechts.
"Lahntal hat kein Problem mit Extremisten sondern mit Nazis"
Immel zeigte sich erfreut über die vielen Teilnehmer und hob hervor, dass sich die Kundgebung gegen Neonazis richte: "Hier wird immer von Extremisten gesprochen. Aber diese Umschreibung nützt nichts. Lahntal hat kein Extremistenproblem, sondern ein Nazi-Problem!"
Zurück an der Alten Lahnbrücke sprach Klaus Opper, Sprecher des Bürgerforums, abschließende Worte. Er erklärte, das Bürgerforum sei offen für alle, die sich gegen Neonazis einsetzten und freue sich über weitere Mitglieder. Auch betonte er, dass das Bürgerforum keine Missverständnisse mit der Polizei wolle, die die Bürger gegen neofaschistische Übergriffe schütze.
Bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen klang die Veranstaltung wie ein kleines Festival aus. Für Musik auf der Brücke sorgten der Barde Frank Vömel und Jost H. Walter. Familien ließen sich auf Brücke und der angrenzenden Wiese nieder. Informationsstände des Bürgerforums und der Menschenrechtsorganisation "Amnestie International" fanden viel Interesse, für das leibliche Wohl sorgten ein Imbiss und ein Getränkeverkauf.
Polizeisprecher Martin Ahlich berichtete, die Marburger Polizei habe aus Anlass der Demonstration auch Verstärkung von außerhalb eingesetzt, da man Auseinandersetzungen befürchtet habe. Es habe jedoch keinerlei Zwischenfälle gegeben, alles sei friedlich verlaufen. Eine angekündigte Gegenkundgebung, die der Rechtsextremist Manuel Mann angemeldet hatte, fiel mangels Beteiligung aus. Mann erschien allein mit drei Transparenten um 12 Uhr an der alten Viehwaage in der Kaffeestraße und erklärte um 12.10 Uhr seine Veranstaltung gegenüber den Einsatzkräften der Polizei für beendet.





Kommentare (1)












In dem Artikel wird der Redebeitrag der Gruppe d.i.s.s.i.d.e.n.t. aus Marburg verschwiegen. Deshalb hier noch einmal zum nachlesen:
Gegen jede Extremismustheorie! Für einen aktiven
Antifaschismus!
Wir freuen uns, dass sich etwas bewegt im Lahntal! Nur gemeinsam mit
möglichst vielen Menschen, können Nazis wirkungsvoll bekämpft werden.
Wir freuen uns, dass es in der Gemeinde Lahntal Menschen gibt, die
nicht einfach wegschauen, sondern aktiv geworden sind. Das Bürgerforum
ist dabei ein wichtiger Schritt.
Dass es in Lahntal ein Naziproblem gibt müsste eigentlich unstrittig
sein: Übergriffe auf alternativ aussehende Menschen, Naziparolen im
Jugendclub, eine rechte Spontandemo und Reichskriegsflaggen im Garten.
Eigentlich müsste es da allen Beteiligten vor Ort leicht fallen, das
Problem beim Namen zu nennen und klar gegen Nazis Stellung zu beziehen.
Dass dies nicht immer so ist, es oft sehr lange dauert ist einerseits
erschreckend, andererseits typisch. Statt das Problem zu benennen, wird
viel lieber über Jugendgewalt debattiert oder gleich die wenigen
alternativen und linken Jugendlichen vor Ort mit den Nazis unter dem
Etikett Extremismus in einen Topf geworfen.
Beides ist eine Verharmlosung dessen was in Goßfelden oder anderen Orten
wie Wetzlar oder dem Schwalm-Eder-Kreis passiert.
Gewalt nicht in ihrem Kontext zu sehen folgt einem allgemeinen Trend,
links, rechts, Islamismus, Jugendgewalt etc. gleichzusetzen. Dabei
verschwimmen aber Ursache und Wirkung. Nazis als gelangweilte,
frustrierte Jugendliche zu verharmlosen wird dem Problem nicht gerecht.
Die ausgeübten Gewalttaten haben das Ziel, politische GegnerInnen und
Menschen, die von der nationalistischen Norm abweichen einzuschüchtern
und ein nationalsozialistisches Klima der Angst aufzubauen, das kein
Anderssein mehr zulässt. Dabei scheuen Nazis auch nicht vor Mord zurück.
Mehr als 140 Menschen wurden seit 1990 von Neonazis ermordet. Und der
Brandanschlag auf das Wohnhaus eines aktiven Antifaschisten in Wetzlar
zeigt, dass so etwas auch hier in Mittelhessen passieren kann. Trotz der
tödlichen Gefahr rechter Gewalt schickt sich die Bundesregierung an
Fördermittel gegen Rechts zum Kampf gegen jeden Extremismus einzusetzen.
Da passt es, dass der Verfassungsschutz ein immer stärker akzeptierter
Partner in der Bildungsarbeit wird und landauf landab in Schulen, in der
Lehrerbildung und vor besorgten BürgerInnen vor Extremisten warnen kann.
Die Ideologie der Nazis und die daraus folgende Gewalt taucht nicht aus
dem Nichts auf. Die These vom Extremismus, gegen den die imaginierte,
demokratische Mitte verteidigt werden muss, verschleiert, dass wir in
einem zutiefst gewalttätigen Gesellschaftssystem leben. Der Kapitalismus
ist mitnichten die bestmöglichste und garantiert nicht die
friedfertigste Gesellschaftsform. Herrschaftsverhältnisse wie Rassismus,
Sexismus, Antisemitismus, Nationalismus sind fundamentale Bestandteile
dieses Systems. Gewalt gegen MigrantInnen ist dabei höchste
Staatsaufgabe. Sie werden in Lager gesteckt, man lässt sie im Rahmen der
Flüchtlingsabwehr im Mittelmeer ersaufen oder schiebt sie in Ländern ab,
in denen Verfolgung, Folter und Tod drohen. Rassismus erfahren
MigrantInnen in erster Linie nicht durch Nazis, sondern von den
Nachbarn, von der Chefin, auf der Ausländerbehörde.Die Bundeswehr mordet im Auftrag von Demokratie und Freiheit in Afghanistan. Die Polizei
sichert die herrschende Ordnung mit Knüppel, Wasserwerfer und Pistole im
Inneren ab. Menschen werden durch die Drohung ihres sozialen Untergangs
zu den erniedrigsten Arbeiten gezwungen.
Der Rassismus und Nationalismus der Nazis ist nur die Spitze des
Eisbergs. Überall in der Gesellschaft sind diese Ideologien anzutreffen.
Im Lahntal, in Marburg, im Osten wie im Westen.
Zu allererst muss es Aufgabe sein die Neonazis aktiv in ihre Schranken
zu verweisen. Es muss ihnen unmöglich gemacht werden andersdenkende
Menschen anzugreifen und sich hinter der Dorfgemeinschaft zu verstecken.
Es gilt sie aus der Deckung zu holen und das Offensichtliche zu
benennen. Es darf keinen Rückzugsort für Nazis im Fußballclub, in der
Feuerwehr, in der Dorfburschenschaft, im Jugendclub oder sonstwo geben.
Ebenso muss dafür gesorgt werden, dass Alternativen für die nichtrechten
Jugendlichen geschaffen werden. Ein selbstorganisierter, nazifreier
Jugendclub oder Schulprojekte gegen Rassismus wären ein Anfang.
Wer aktiv auf allen Ebenen mit allen Mitteln gegen Nazis vorgehen will,
darf nicht bei der Kritik an einzelnen Nazicliquen stehen bleiben.
Antifaschismus überlassen wir nicht dem Staat.
In diesem Sinne: Gegen jede Extremismustheorie! Für einen aktiven
Antifaschismus! ? faşizme karşı omuz omuza (türkisch: Schulter an
Schulter gegen Faschismus; wörtlich übersetzt)