Es ist 5.13 Uhr als in der zentralen Rettungsleitstelle in Limburg das Telefon klingelt: Aus einer Fabrikhalle in Aumenau steigt Rauch auf, Anwohner haben den Notruf abgesetzt. Als die ersten Feuerwehrmänner zehn Minuten später auf dem Gelände der Firma Meuser-Optik in der Fürfurter Straße ankommen, hat sich der Brand bereits in der 3500 Quadratmeter großen Halle ausgebreitet. Lodernde Flammen schlagen aus dem Gebäude. "Das muss schon eine Weile gebrannt haben", sagt Thomas Schmidt, der stellvertretende Kreisbrandinspektor.
Der Brand wurde wohl zu spät entdeckt, die Halle kann nicht mehr gerettet werden. Die Feuerwehr konzentriert sich zunächst darauf, ein Übergreifen des Feuers auf das benachbarte Wohnhaus zu verhindern. Weil Teile der Dachkonstruktion bereits einstürzen, können die Feuerwehrleute nicht zu den Brandherden vordringen. Stattdessen wird das Feuer von oben bekämpft.
Die Drehleiter hebt im Akkord Feuerwehrmänner in die Luft. Die Männer wechseln sich ab, weil es dort oben noch wesentlich kälter ist. Der Wind bläst ihnen das eiskalte Lahnwasser zurück ins Gesicht, dabei zeigt das Thermometer ohnehin nur minus 10 Grad. Durch den Wind fühlt es sich weit kälter an. Das hat zur folge, dass auch das Löschwasser binnen weniger Minuten gefriert. Für die 130 Feuerwehrmänner aus Villmar, Weilburg, Niederbrechen und Limburg wird das Gelände schnell zur Eisfläche.
Anzeige
Um an das Lahnwasser auf der gegenüberliegenden Seite der Bahngleise zu gelangen, muss der Bahnverkehr für zwei Stunden eingestellt werden. Bis etwa sieben Uhr fährt zwischen Gießen und Koblenz kein Zug mehr, das veranlasst der Notfallmanager der Bahn. Dann haben die Feuerwehrleute einen Kanal unter dem Gleis hindurch gegraben und der Bahnverkehr kann langsam wieder rollen.
Aus dem Löschteich können die Feuerwehrleute erst Wasser entnehmen, nachdem sie die dicke Eisschicht darauf aufgeschlagen haben. Der Wasserfluss in den Schläuchen muss, einmal in Gang gebracht, ständig aufrecht erhalten werden. Das Wasser wird auch dann nicht vollständig abgedreht, wenn es gerade nicht mehr benötigt wird. Es würde sonst sofort in den Schläuchen gefrieren. Als die Zuleitung am hinteren Ende der Leitung geändert werden muss, geschieht das daher im laufenden Betrieb. Sechs Leute sind nötig, um die unter Druck stehende Verbindung zwischen den Schläuchen zu lösen und wieder zu schließen. Am Ende werden alle nass.Eiseskälte und giftige Dämpfe: Es ist ein Knochenjob für die Feuerwehr
Viereinhalb Stunden nachdem die ersten Löschfahrzeuge eingetroffen sind, machen sich die Männer des Technischen-Hilfswerks (THW) mit Radladern und Baggern daran, die Reste der Lagerhalle abzureißen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Feuerwehrleute weiter zu den Brandherden vordringen können, ohne ihr Leben zu riskieren. Gefährlich bleibt es trotzdem.
Lange ist unklar, ob die Flammen auf den Heizöltank im Gebäude übergreifen. In der Lagerhalle brennt auch Verpackungsmaterial. Keiner weiß, aus welchem Material das besteht. Einige Feuerwehrleute tragen vorsichtshalber Atemschutzmasken.
Villmars Bürgermeister Hermann Hepp (CDU) weicht trotz arktischer Kälte stundenlang nicht vom Unglücksort. "Was für eine Tragödie, hier wird ein Lebenswerk zerstört", sagt er. Dass sich der Feinoptiker Meuser 2005 auf dem früheren Firmengelände des Fahrzeugeinrichters Scheu niedergelassen hat, sei ein Glücksfall für den Marktflecken gewesen. Jetzt liegt alles in Schutt und Asche. Dazwischen liegen Kronkorken verstreut. In einem Teil der Halle hatte auch Newkork, der Seelbacher Hersteller von Flaschenverschlüssen, ein Zwischenlager angemietet.
Zwischen das Großaufgebot an Feuerwehr, THW und Malteser-Hilfsdienst mischen sich auch Polizeibeamte. Sie suchen erste Hinweise auf die Brandursache. Auch das Landeskriminalamt wird hinzu gezogen. Bis sie fündig werden, können aber noch Tage und Wochen vergehen. Das gefrorene Löschwasser im Halleninneren behindert auch ihre Ermittlungen. Den entstandenen Sachschaden schätzen sie aber schon jetzt auf fünf bis sechs Millionen Euro.
Carsten Meuser, einer der Geschäftsführer des Unternehmens, wirkt am Nachmittag gefasst. "Es ist kein Mensch zu Schaden gekommen. Das ist immerhin etwas." Und er gibt sich kämpferisch. "Natürlich soll es weitergehen. Wir haben unser ganzes Leben da rein gesteckt. Die Frage ist nur, ob unsere Kunden jetzt mitspielen." Vorerst sollen die knapp 30 Mitarbeiter in einer kleinen Halle auf dem Gelände, die das Feuer verschont hat, und einer weiteren in Blessenbach arbeiten. Entscheidend wird sein, wie viele Kunden damit gehalten werden können, bis eine neue Halle entsteht.
Neun Stunden nach Ausbruch des Feuers ist der Brand weitestgehend gelöscht. Nur vereinzelt lodern noch Glutnester tief im Halleninneren. Starke Windböen lassen sie immer wieder aufflackern. Sie müssen von selbst ausgehen. Bis dorthin können auch die Radlader nicht vordringen. Die Villmarer Feuerwehren stehen noch lange Brandwache.
























