Frau Radinger, das Buch schaut zurück auf 20 Jahre leben mit, forschen über, lernen von Wölfen. Was war das Erlebnis, der Moment, wo sich Ihr Leben verändert hat?
Elli Radinger: Da kam einiges zusammen. Ich war damals von meinem Anwaltsberuf frustriert, wollte weg. Ich war oft in den USA und habe Wildtiere, Kojoten, beobachtet. Da lag der Wolf nahe, denn Wölfe haben mich schon immer fasziniert. Und ich begann Orte zu suchen, wo ich Wölfe beobachten konnte. Ich fand ein Forschungsgehege in "Wolf Park" in Indiana USA. Und da hat mich zum ersten Mal ein Wolf geküsst und ich bin süchtig geworden nach Wölfen.
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Daher der Buchtitel "Wolfsküsse"?
Radinger: Ja, das Buch heißt zwar so, aber Wölfe sollte man nicht küssen, sie sind und bleiben wilde Tiere, die man am besten aus der Ferne beobachtet und ansonsten in Ruhe lässt. Zum einen war der Wolf auf dem Buchcover ein Gehegewolf und eine Handaufzucht, also an Menschen gewöhnt. Zum anderen muss man wissen, dass Wölfe ihre Freude und Verbundenheit dadurch zeigen, dass sie einander die Mundwinkel lecken. Das verbirgt sich hinter dem Wolfskuss.
In dem Zusammenhang: Haben Wölfe Mundgeruch?
Radinger (lacht): Nein, absolut nicht!
Was haben Sie rückblickend auf 20 Jahre von den Wölfen gelernt?
Radinger: Ganz viel! Vor allem im Sozialleben, die enge Verbundenheit der Familie, sie haben Grundregeln, die ich so beschreiben möchte: Kümmere dich um deine Familie; gib niemals auf, höre nie auf zu spielen und Spaß am Leben zu haben, sorge für Kinder und Alte. Das sind nur einige dieser Wolfsregeln ...
Sind Wölfe die besseren Menschen?
Radinger: Na ja, Wölfe kümmern sich eben liebevolle um ihre Familie, Kranke und Alte werden mitversorgt. Und ihre Kindererziehung ist vorbildlich, sehr liebevoll einerseits, andererseits werden aber auch deutliche Grenzen gesetzt. Und: Die Eltern sind Vorbilder. Und es gibt keine häusliche Gewalt ... So gesehen sind sie schon die besseren Menschen.
Woran liegt es, dass noch immer viele Menschen den Tieren mit Misstrauen, Angst oder gar Hass begegnen?
Radinger: Wenn ich das wüsste! Wohl auch, weil immer noch in vielen das dumme Märchen vom Rotkäppchen steckt, aber auch, weil es zu viele falsche Informationen über die Wölfe gibt. Es kommt aber auch auf den Kulturkreis an, Indianer etwa fürchten sich nicht vor Wölfen.
Aber es ist bei uns ja besser geworden, vor allem bei den Kindern, die sehen den Wolf oft mit anderen Augen und "erziehen" dann ihre Eltern.Wie begegnet man den Ängsten der Menschen am besten?
Radinger: Indem man mit ihnen redet und sie aufklärt darüber, wie sich ein Wolf verhält. Aber man sollte auch Verständnis für die Ängste haben, denn Ängste sind real, man muss sie verstehen und akzeptieren und dagegen angehen. Wir konnten zum Beispiel auch Schafhalter überzeugen, die gelernt haben, wie sie ihre Herden schützen können. Sie müssen eben umdenken. Es gibt Geld vom Staat für Elektrozäune und im Fall der Fälle Entschädigung, aber auch wir Wolfsforscher dürfen nicht über die Bedenken der Menschen einfach hinweggehen, weil wir ja mit dem Schutz der Wölfe etwas Gutes tun. Das stimmt zwar, aber man muss das auch menschlich sehen. Denn ein Schäfer empfindet etwas für seine Tiere, das ist nicht nur ein finanzieller Verlust. Wolfsfreunde und beispielsweise Schafhalter müssen miteinander reden, den jeweils anderen verstehen.
Wölfe im Yellowstone Park sind das eine, Wölfe in Deutschland etwas anderes. Muss sich der Mensch fürchten?
Radinger: Nein, mit drei Ausrufezeichen! Natürlich nicht, der Wolf hat mehr Angst vor uns als wir vor ihm, er wird sich kaum blicken lassen und falls doch, dann sollte man sich an ihm freuen und ihn ansonsten in Ruhe lassen.
Hat der deutsche Wolf auf Dauer eine Chance?
Radinger: Na klar! Wir haben eine steigende Zahl von Wölfen, es gibt etwa 80 in Deutschland, die meisten in Sachsen, in der Lausitz, aber auch bei Gießen ist schon einer aufgetaucht. Fast alle Bundesländer bereiten sich auf den Wolf vor. Also, er hat eine Chance, aber im kleinen Rahmen. Rudel im Westerwald wird es wohl kaum geben, bestenfalls mal Einzelgänger.
Sie schreiben, dass Sie sich mit der Wolfsforschung ihr Lebenstraum erfüllt hat. Was ist traumhaft daran, bei minus 30 Grad im Schnee zu stehen und auf Wölfe zu warten, die dann vielleicht irgendwann oder auch nicht kommen?
Radinger (lacht): Als Winterkind finde ich das schön, mein Horror wären 30 Grad plus. Aber Spaß beiseite, natürlich gehört dazu auch eine große Portion Leidenschaft, ja, auch Leidensfähigkeit, aber vor allem viel Leidenschaft ... Diesen Winter hatte ich übrigens minus 42 Grad.
Mein Lebenstraum wäre das nicht ...
Radinger: Muss es ja auch nicht. Das Hauptanliegen meines Buches, neben dem Werben für die Wölfe, ist es zu sagen: Leute, erfüllt euch euren Lebenstraum. Vor allem Frauen kommen nach Lesungen oft zu mir und sagen, wie sie mich beneiden. Ich sage ihnen dann, das könnt ihr auch, es müssen ja nicht die Wildnis und Wölfe sein. Es geht auch in kleinerem Rahmen. Das Buch spiegelt Ihre Leidenschaft für die USA und die Wildparks wider. Wann ziehen Sie ganz in die Staaten?
Radinger: Gar nicht, ich finde es hier schön, genieße beide Welten und suche mir das Beste aus beiden heraus. Ich mag mein Wetzlar, habe hier mein soziales Umfeld. Und in den USA genieße ich dann wieder die totale Wildnis.
In dem neuen Buch geben Sie auch erstmals Persönliches preis, über die gescheiterte Ehe, den Frust im falschen Beruf ...?
Radinger: Eigentlich sollte es wieder ein Fachbuch werden. Aber mein Verlag meinte, ich soll doch mehr von mir erzählen. Das habe ich getan und es ist gut geworden. Aber die Leser erfahren auch etwas über den Yellowstone Park und Minnesota zum Beispiel.
Und man lernt, wie man sich gegen Bärenangriffe wappnet und dass Lamas gute Herdenschutztiere sind.
Radinger: Stimmt! Aber das nächste Buch wird wieder ein Fachbuch, das Günther Bloch und ich zusammen schreiben. Es ist schon zur Hälfte fertig.
Und wann gehts wieder nach USA zur Wolfsbeobachtung?
Radinger: Im Winter zur Paarungszeit und im Mai, wenn die Welpen da sind.
"Wolfsküsse" (Rütten & Loening Verlag 2011, 224 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-352-00820-7) sorgt für Furore. So ist Elli Radinger Thema in "Hör zu", "Welt", "Dogs", "Freundin Donna" und im "Geo Saison"-Heft Januar. Sie hat außerdem eine Einladung in die NDR-Talkshow.
Wer sie live erleben will: Elli Radinger liest am 28. Oktober ab 19.30 Uhr in der Schnitzlerschen Buchhandlung in Wetzlar. Anmeldung erforderlich: (06441) 45101.
Wolfs-Infos unter www.elli-radinger.de, www.yellowstone-wolf.de, www.wolfmagazin.de























