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29.11.2011, 12:51 Uhr
Von Tanja Freudenmann

Wetzlar

Mit Video: "Es war damals eine große Chance"


Mürvet Öztürk spricht über Erfahrungen ihrer Eltern, die 1970 nach Deutschland gekommen sind


Wetzlar. Ihr Vater war 1970 in Istanbul in den Zug gestiegen - Ziel: Deutschland. Ihre Mutter kam sieben Monate später nach, sie selbst ist mit ihren drei Brüdern in Deutschland aufgewachsen: Welche Erfahrungen ihre Eltern im fremden Deutschland gemacht haben und ob ihr Vater den Schritt jemals bereut hat, darüber hat die Wetzlarer Landtagsabgeordnete Mürvet Öztürk (Grüne) mit dieser Zeitung gesprochen.






Mürvet Öztürk im Alter von vier Jahren (Foto links) und  mit ihrem Onkel Haydar Öztürk, bei dem sie als Zweijährige ein halbes Jahr gelebt hat, weil ihre Eltern keine Kinderbetreuung hatten. "Integration gelingt nur, wenn es als eine gemeinsame Aufgabe für alle verstanden wird", sagt die Landtagsabgeordnete heute. (Fotos: Gross/privat)zoomMürvet Öztürk im Alter von vier Jahren (Foto links... | mittelhessen.de
Frau Öztürk, Sie waren bei den Feierlichkeiten zu "50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen" in der Türkei. Mit wem haben Sie gefeiert?

Mürvet Öztürk: Die deutsch-türkische Gesundheitsstiftung Gießen, die Landesarbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte und die deutsch-türkische Gesellschaft aus Berlin haben in Istanbul einen Festakt veranstaltet. Er fing am Bahnhof Sirkeci auf der europäischen Seite an, von dem aus die Arbeiter damals abgefahren sind.
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Auch ihr Vater?

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Öztürk:
Ja, mein Vater ist 1970 auch in Sirkeci Richtung Deutschland abgefahren und hat in Mönchengladbach in einer Textilfirma gearbeitet, später in der Stahlindustrie. Meine Mutter hat er etwa ein halbes Jahr später nachgeholt und wir Kinder - meine drei Brüder und ich - sind dann in Deutschland auf die Welt gekommen. Ich selber habe diese Migrationserfahrung nicht, ich gehöre zur zweiten Generation. Meine Eltern gehörten zu der Gruppe, die spät deutsch gelernt haben, eigentlich Analphabeten waren und es trotzdem geschafft haben, ihren Kindern gute Bildungsmöglichkeiten zu geben. Und wir haben sie genutzt.

Was hat Ihnen Ihr Vater erzählt: Wie war es damals, nach Deutschland zu kommen?

Öztürk: Man hat überhaupt nicht gewusst, wohin man fährt. Sehr viele Türken kamen aus dem Dorf, hatten bis dato überhaupt noch keine Großstadt gesehen. Das war für viele ein riesiger Kulturschock. Es gab aber auch Frauen, die Lehrerin, Schneiderinnen waren, die die Großstadt gewohnt waren - und dann in Deutschland im ländlichen Raum gelandet sind - ein Kulturschock der anderen Art. Aber überwiegend handelte es sich um Männer, die in Heimen untergebracht waren, zum ersten Mal selbst kochen, nähen mussten. Das war für viele überhaupt nicht vorstellbar und möglich.

Dann wurden die Frauen nachgeholt?

Öztürk: Ja, auch meine Mutter kam sieben Monate später. Es gab aber auch viele, die die Gesundheitstests nicht mehr bestanden haben. Meine Eltern mussten sie auch durchlaufen. Es war ja wichtig, dass gesunde Arbeitskräfte kommen. Und diese Tests waren sehr hart: Es wurde alles überprüft. Was für viele sehr schwierig war, war, dass auch der Genitalbereich untersucht wurde. Aber der Wunsch nach Deutschland zu kommen, war einfach zu stark, man hat alles dafür getan. Es war eine sehr große Chance. Und es waren die Mutigen, die mit Pioniergeist, die gekommen sind. Die Frauen, die nach Deutschland gingen, haben das traditionelle Bild aufgebrochen. Das war ein wichtiger Schritt in die Emanzipation.Und wie sind Ihre Eltern aufgenommen worden?

Öztürk: Meine Mutter war neugierig, hat versucht Kontakt aufzunehmen, man hat mit Händen und Füßen kommuniziert. Die Frauen haben schneller die Sprache gelernt, weil sie beim Einkaufen regelmäßig in Kontakt mit Deutschen kamen. Es gab damals keine Deutschkurse. Die Quelle war der Gemüsehändler um die Ecke, die Nachbarin und das Fernsehen beim Nachbarn oder daheim.

Gab es auch Anfeindungen?

Öztürk: Meine Eltern haben sehr wenig negative Erfahrungen gemacht. Sie sahen beide nicht "fremd" aus. Davon hingen damals oft die Erlebnisse ab, Menschen, die nicht fremd wirkten, hatten weniger Probleme. Was immer ein Thema war, war die schwere Arbeit. Man hatte das Gefühl, dass die schwerste Arbeit bei ihnen gelandet ist. Aber sie waren es gewohnt, schwer zu arbeiten.

Mit welchen Vorurteilen wurde die Generation ihrer Eltern konfrontiert? Welche Vorbehalte gab es - auf deutscher und auf türkischer Seite?

Öztürk: Viele berichten, dass sie keinen Zugang zu deutschen Freunden gefunden haben. Es gab ein Fremdgefühl auf beiden Seiten. Ein Beispiel: die Vorbehalte gegenüber der Esskultur. Es hat lange gedauert, bis die deutschen Arbeitskollegen die "Gastarbeiter" zu sich nach Hause eingeladen haben. Man hat nicht gewagt, privat Kontakt zueinander aufzunehmen und zum Beispiel gemeinsam zu kochen wegen der Speisevorschriften. Das zweite Hindernis war die Sprache und damit verbundene Missverständnisse. Am Anfang hatte man noch Verständnis dafür, aber als sich die Sprachfähigkeit nicht weiterentwickeln konnten, wurde es bei Behördengängen oder im Umgang mit der Nachbarschaft manchmal problematisch. Anfang der 90er Jahre, als dann die Satellitenschüsseln in die Wohnung Einzug hielten, man türkisches Fernsehen sehen konnte, hat das Interesse, die Sprache zu lernen, dann endgültig nachgelassen. Nach der Wiedervereinigung kippte zudem die Stimmung in Deutschland, Ausländerfeindlichkeit wurde mancherorts offen spürbar, Brandanschläge in Rostock, Mölln und Solingen schockierten. Viele Türken zogen sich zurück, weil sie das Gefühl hatten, sie sind hier nicht erwünscht.

Und welche Konflikte gab es innerhalb der türkischen Familien, der Generationen?

Öztürk:
Es wurde dann schwierig, als die eigenen Kinder groß wurden und ein selbstbestimmtes Leben führen wollten. Die Identität der Kinder, der neuen Generation war deutsch und türkisch, das konnten die Eltern nicht aufhalten.Hat ihr Vater es jemals bereut nach Deutschland gekommen zu sein?

Öztürk: Ganz ehrlich? Als ich angefangen habe, meinen Weg zu gehen, hat mein Vater schon gesagt: Wäre ich doch nur nicht hierher gekommen. Später, als er erlebt hat, wie ich mein Abitur gemacht habe - und es war erst auch ein harter Kampf, bis ich aufs Gymnasium gehen durfte - merkte ich, er war stolz. Beim Thema "Ausziehen von Zuhause" gab es den nächsten Kampf. Aber im Nachhinein war er dann doch sehr stolz auf seine dickköpfige Tochter.

Wollen die Jugendlichen heute auch ihren eigenen Weg gehen oder besinnt sich die jüngere Generation nicht gerade vor allem auf ihre türkischen Wurzeln?

Öztürk: Es gibt in der Tat eine Gruppe in der jüngeren Generation, die eine starke Tendenz zum Nationalstolz haben. Aber sie ist bei Weitem nicht die Mehrheit. Die Mehrheit fhlt sich deutsch und türkisch zugleich. Oft wissen jene Menschen mit ausgeprägtem türkischem Nationalstolz gar nicht wie deutsch sie sind. Wenn sie in die Türkei gehen würden, würden sie sicher wieder zurückkehren und sagen: Nein, nein, war doch nicht so gemeint, ich vermisse mein Deutschland. Das ist aus einer Trotzreaktion heraus entstanden. Ich persönlich werbe dafür, dass man zu beiden Herzen, die in der Brust schlagen, steht. Ich bin deutsch und türkisch.

Die "Generation Özil"?

Öztürk: Wir haben immer schon dazu gehört, bei der Weltmeisterschaft hat man es endlich einmal gemerkt. Ich bin in Deutschland geboren, das ist mit den Özils und Khediras auch so. Es gibt mittlerweile tausende positive Beispiele von erfolgreichen Menschen mit Migrationshintergrund, die ohne Zweifel Vorbilder sind. Aber: Die Öffentlichkeit nimmt diese Menschen zwar wahr, aber zählt sie nicht automatisch zur Normalität dieser Gesellschaft. Wenn man dies aber nicht tut, läuft man als Gesellschaft aber Gefahr, sie abzuschrecken. Die Menschen wenden sich teilweise von Deutschland ab und dann kommt ein Erdogan und empfängt sie mit offenen Armen. Und das wäre fatal.

An welchen Schrauben müsste man drehen, um die Integration heute zu verbessern?

Öztürk: Integration gelingt nur, wenn es als eine gemeinsame Aufgabe für alle verstanden wird. Ein Beispiel: Wenn wir einen Stadtteil haben, wo es sich überhaupt nicht durchmischt, müsste man Begegnungsräume schaffen. Man müsste eine Integrationskonferenz machen, Disukssionsrunden veranstalten, provokative Themen setzen. Ich will, dass die deutsche Gesellschaft weiß, welche Hemmungen es auf türkischer Seite gibt und ich will, dass auch die türkische Gesellschaft in der Lage ist, die Vorbehalte, die ihnen immer noch entgegengebracht werden, deutlich zu kommunizieren. Ansonsten ist die private Ebene mit ihren Begegnungen wichtig, die man nicht mit Gesetzen regeln kann. Ein weiterer Knackpunkt ist die Sprache. Wir müssten mehr Geld in Integrations- und Sprachkurse investieren. Ein letzter Punkt ist die geschürte Angst vor sogenannter "Entfremdung": Letztendlich müssen jene Deutsche und Türken, die Angst davor haben, einfach akzeptieren, dass Kultur und Identität nichts statisches ist, sondern sich weiterentwickelt. So gibt es heute ein anderes, ein neues Miteinander in unserer bunten Gesellschaft und das ist auch gut so.

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Dokumenten Information
Copyright © mittelhessen.de 2012
Dokument erstellt am 29.11.2011 um 12:54:12 Uhr
Letzte Änderung am 30.11.2011 um 00:03:41 Uhr
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