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30.12.2011, 16:28 Uhr
Von Uli Horch

Haiger/Breitscheid

"Balkan-Express" erreicht Driedorf nie


150 Jahre Eisenbahn in der Region / Serie Teil 4


Haiger/Breitscheid. In vielen Gegenden Deutschlands war Anfang des 20. Jahrhunderts der Bau neuer Eisenbahn-Strecken weitestgehend abgeschlossen. Nicht so im alten Dillkreis. Ein Projekt wurde noch angegangen. Die Pläne für den im Volksmund genannten "Balkan-Express" von Haiger nach Breitscheid und deren Verwirklichung sollten zu einer verworrenen Geschichte werden. Kein Zufall, denn sie waren eben ein Spiegelbild jener Zeit, die sehr verworren war.






Ein Schienenbus kommt auf der Langenaubacher Seite aus dem Tunnel zwischen Breitscheid und Langenaubach.(Foto: Uli Horch)zoomEin Schienenbus kommt auf der Langenaubacher Seite... | mittelhessen.de
Die Pläne: Von Haiger abzweigend sollte eine Bahn über Langenaubach und Breitscheid auf Driedorf zuführen und dort Anschluss an die Westerwald-Querbahn finden. Gleichzeitig plante man eine weitere Strecke, die bei Stockhausen von der Lahntalbahn abzweigend durch das Ulmtal nach Driedorf führen sollte, so dass hier ein Kreuzungsbahnhof entstanden wäre. Das Ende vorweg: Beide Projekte verwirklichte man, jedoch erreichten beide nie Driedorf. Die Ulmtal-Bahn sollte in Beilstein enden, die von Haiger abzweigende, die später im Volksmund der "Balkan-Express" wurde, in Breitscheid.

Information
2012 sind 150 Jahre vergangen, seitdem die Eisenbahn ins Dilltal kam – und mit ihr der Aufschwung einer Industrie, die bis heute Region und Wirtschaft an der Dill prägt.  Autor Uli Horch aus Nanzenbach, der für diese Zeitung auch die "Geschichten aus dem Schelderwald" verfasst, beschreibt diese 150 Jahre Eisenbahngeschichte. Quellen: Bernd Krauskopf, Michael Vogelbusch:  Das Bahnbetriebswerk Dillenburg, Freiburg 1983; Geschichtsverein Herborn, Rainer Klug: Der Luftkrieg im Dillgebiet, Herborn, 2005; Wikipedia

Anfang 1909 ordnete der zuständige Minister Breitenbach die Aufnahme der Vorarbeiten an. Nachdem Preußen zwei Jahre zuvor die Mittel in Höhe von gut sieben Millionen Reichsmark bewilligt hatte, nahm am 1. April 1914 die Bauabteilung in Haiger ihre Arbeit auf. An verschiedenen Stellen war sie fortan fleißig. Die Arbeiter, die wie bei den Projekt zuvor oft aus dem Ausland, etwa Italien oder Kroatien, kamen, errichteten einige Brücken und in Breitscheid sogar schon den Bahnhof - der allerdings nie an Gleise angeschlossen wurde.

Denn es kam zur großen Katastrophe. Das schon lange anhaltende Säbelrasseln der Großmächte führte zum Ersten Weltkrieg - die Arbeiten an dem neuen Projekt kamen weitestgehend zur Ruhe. Erst im Frühjahr des Jahres 1926 gingen sie weiter - und das auch nur, weil der Kreistag des Dillkreises der neu gegründeten Reichsbahn mit einem Kredit von fast einer halben Million Reichsmark half.

"Holzwerke Rabe" produzierten geschützt vor Luftangriffen im Tunnel

Am 14. Dezember des gleichen Jahres startete in Dillenburg ein Sonderzug, um den Betrieb auf dem ersten Abschnitt zu eröffnen, der zunächst an der Station Rabenscheid endete. Der Name für die Station war ein weiteres Kuriosum. "Langenaubach-Süd" wäre weitaus treffender gewesen, denn nicht weit hinter den letzten Häusern dieses Dorfes stand sie. Bis Rabenscheid war es noch ein gut halbstündiger Fußmarsch. Es waren die Eitelkeiten in jedem Dorf damals, die eigene Bahnstation haben zu wollen.

Nach vielen Eingaben, Debatten und Verhandlungen auf unterschiedlichen politischen Ebenen bekam das Volk erst fast zehn Jahre später wieder sichtbare Fortschritte zu sehen. Im März 1936 begannen Arbeiter, den Tunnel zu graben, der kurz hinter dem Rabenscheider Bahnhof beginnen und 1100 Meter lang werden sollte. Über drei Jahre brauchten sie für das neue Teilstück, das insgesamt viereinhalb Kilometer Länge hatte und am südlichen Ortsrand von Breitscheid enden sollte. In einem unscheinbaren Klinkerbau fanden die Reisenden fortan einen kleinen Wartesaal vor, nebenan verkaufte ein Bediensteter die Fahrkarten.

Das Gebäude am gegenüberliegenden Ende des Dorfes Breitscheid, das schon drei Jahrzehnte auf Gleisanschluss wartete, verkaufte die Bahn schließlich an einen Privateigentümer, der es zu einem Wohnhaus umbaute.

Gerade mal fünf Jahre konnten die Züge bis Breitscheid ungestört fahren. Am 13. Mai 1944 schickte die Frankfurter Reichsbahndirektion an die betroffenen Dienststellen ein Telegramm, dass der Zugverkehr zwischen Rabenscheid und Breitscheid fortan eingestellt sei.

Die "Holzwerke Rabe" ließen sich hier nieder, um im Tunnel, geschützt vor Luftangriffen, ihre Produktion aufzunehmen. Freilich: Es war ein Tarnname. Gartenmöbel stellte diese "Firma" mit Sicherheit nicht her. Was genau ihre Produkte waren, hat man nie heraus bekommen. Am wahrscheinlichsten sind die Spekulationen, dass es sich um Teile für Flugzeugmotoren handelte.

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 30.12.2011 um 16:30:07 Uhr
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