Ich sehe was, was du nicht siehst

HELFT UNS HELFEN Die Familie Gemril aus Wehrda lebt ein normales Leben, obwohl beide Elternteile blind sind
Auch das Toben kommt nicht zu ... | Foto: Susanna Roßb

"Wir haben immer viel Wert darauf gelegt, mit unseren Kindern ganz normale Sachen zu unternehmen", erzählt Metin Gemril und streichelt seiner Tochter Thora über den Kopf. Die aufgeweckte Zweijährige quietscht begeistert und flitzt los, um ein Bilderbuch aus ihrem Kinderzimmer zu holen. Alle Kinderbücher der Familie sind mit der Brailleschrift, der Punktschrift für Blinde, ergänzt. Wencke Gemril hat viel Zeit investiert und nicht nur den Text der Bücher in Brailleschrift "übersetzt", sondern auch alle Bilder des Buches für sich und ihren Mann erkennbar gemacht. Auf eine durchsichtige Folie gestanzt klebt so zum Beispiel das Wort "Ferkel" über einem Bild desselben. "Oink, Oink!", ruft Thora vergnügt und ihre Mutter bestätigt: "Genau, Thora. Ein Ferkel."

Die zweijährige Thora hat beim ... | Foto: Susanna Roßbach

Ob ihre Kinder blind oder sehend zur Welt kommen, wussten Wencke und Metin Gemril vor den Geburten nicht - und wollten es auch nicht wissen. "Wir dachten: Solange das Kind nur blind wird, ist es doch egal", meint ihr Vater. Doch der heute sechsjährige Myxin und die zweijährige Thora kamen sehend zur Welt.

"Innerhalb unserer Familie ist die Kommunikation viel stärker als in anderen Familien", meint Metin Gemril. Es werde mehr geredet, weil Körpersprache und Mimik ja komplett wegfielen. "Wir haben auch sehr viel Vertrauen in unsere Kinder", ergänzt seine Frau Wencke. Schließlich müssen sich die Eltern darauf verlassen, dass das, was ihre Kinder zu ihnen sagen, auch stimmt. Dass da beim "Mensch-ärgere-dich-nicht" manchmal auch Figuren verschoben oder bei "Uno" plötzlich nur noch die richtigen Karten gezogen werden, fällt nicht ins Gewicht. "Wir wussten, dass das für unseren Sohn irgendwann langweilig wird, und haben es nicht persönlich genommen", erklären seine Eltern mit einem Lächeln.

Es habe natürlich auch Phasen gegeben, in denen nicht alles perfekt geklappt habe, gesteht Wencke Gemril. Eine Zeit lang habe ihr Sohn im Bus immer aus dem Fenster geschaut, auf Sachen gezeigt, laut "Da!" gerufen und von ihr eine Erklärung verlangt. "Ich konnte natürlich nur mutmaßen, auf was er zeigt - das war für uns beide anstrengend und frustrierend."

Bei Ausflügen in die Stadt sind Wencke und Metin Gemril konsequent: Als die Kinder klein waren, wurden sie getragen, heute gehen sie an der Hand. "Alles andere ist zu gefährlich", meint die zweifache Mutter. Hätten ihre Kinder im Kinderwagen gelegen, hätte sie ja nie gewusst, wie es ihnen geht oder ob fremde Leute sie vielleicht anfassen.

Dass die Familie in der Stadt auffällt, versucht sie zu ignorieren. "Nervig ist nur, wenn die Leute denken, man würde sich einen Führhund zurechterziehen", meint Metin Gemril. Keinesfalls wollten sie ihren Kindern Aufgaben zumuten, denen sie nicht gewachsen sind. Es käme beispielsweise nicht in Frage, dass Myxin ihnen die Post vorlese. Schließlich habe es ja zuvor auch schon geklappt. "Man muss allerdings versuchen, einen Mittelweg zu finden", meint Wencke Gemril. Wenn ihr Sohn ihr Hilfe anbiete, müsse sie auch lernen, diese anzunehmen.

n Spiegel, Bilder und Lampen gehören jetzt zur Einrichtung der Wohnung dazu

Um Aufgaben abzufangen, die die Familie trotz allem nicht alleine leisten konnte, bekommen sie schon seit einiger Zeit Unterstützung von der Frühförderung der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista) in Marburg. Bei regelmäßigen Hausbesuchen geben die Mitarbeiter der Frühförderstelle Tipps, wie man zum Beispiel Gesellschaftsspiele für alle spielbar machen kann, und unternehmen Ausflüge mit den Familien.

Myxin sei ganz begeistert von einem Frühlingsspaziergang gewesen, bei dem er die ersten Blumen und eine Ameisenstraße entdeckt habe, erzählt seine Mutter lächelnd. Doch auch schon das Erlebnis, auf etwas zeigen zu können und dazu einen Kommentar zu bekommen, sei für die Kinder am Anfang etwas ganz Besonderes gewesen. "Nach unserem ersten Treffen sagte die Mitarbeiterin der Frühförderstelle zu mir, unser Sohn giere förmlich nach Blickkontakt", erinnert sich Wencke Gemril.

Auch auf die neue Situation, mit einem Sehenden in einem Haushalt zu leben, mussten sich die Gemrils erst einstellen. Die Kinderzimmer wurden von einem Bekannten kindgerecht gestrichen und eingerichtet. Spiegel, Bilder und Lampen gibt es nun ebenfalls im Haus. Vor allem beim Essen müsse er sich aber schon bemühen, lacht Metin Gemril. Er will nicht, dass seine Kinder sich von ihm schlechte Tischmanieren abschauen.

Für die Zukunft hat Wencke Gemril nur einen Wunsch: "Dass weiterhin alles so gut klappt wie bisher." Die 24-Jährige lächelt und streichelt über ihren Bauch - im Mai kommt das dritte Kind der Familie zur Welt.

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Dokument erstellt am 26.11.2012 um 13:40:00 Uhr
Letzte Änderung am 28.11.2012 um 12:22:20 Uhr
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