
Blind. Von einem auf den anderen Tag. Wie kommen Nicht-Sehende ohne diesen Sinn zurecht? Dieses Gefühl wollte ich auch mal erleben. Deshalb legte ich mich abends mit einer präparierten Skibrille schlafen. Wie werde ich wohl wach, wenn es morgens dunkel bleibt?

Kann ja nicht so schwer sein, sich im eigenen Haus zu orientieren. Ich bin schließlich schon oft genug im Dunkeln die Treppe gelaufen, denke ich mir, als ich abends ins Bett gehe.

Der nächste Morgen: Ich öffne die Augen. Eigentlich müsste ich Licht durch die Schlitze im Fensterladen sehen. Bis mir einfällt, dass ich für heute blind bin. Mit den Füßen taste ich nach meinen Hausschuhen und hoffe, dass ich am Abend vorher nichts auf dem Boden liegen gelassen habe. Ich habe überhaupt kein Gefühl dafür, wie spät es ist. Die Uhr an der Wand höre ich nur laut ticken.

Vorsichtig taste ich mich durch mein Zimmer, öffne die Tür und laufe zur Treppe. Dabei fahre ich immer mit einer Hand an der Wand entlang. Erst hatte ich noch nicht den Dreh raus, wo ich mit den Armen vor mir herumtasten muss - zweimal bin ich zuerst mit der dicken Skibrille angestoßen statt mit den Händen.
Den Weg zum Esstisch finde ich noch einigermaßen leicht. Tastend. Suchend. Richtig schwer wird es dann, als ich sitze. Der Teller steht vor mir und daneben liegt das Messer. Das Brötchen finde ich schnell. Beim Aufschneiden habe ich aber Angst um meine Finger. Und ich spüre, dass ich es schief aufschneide. Als ich eine Hälfte beschmiert habe, meint meine Schwester: "Was jetzt drauf ist, ist gerade mal ein Viertel von dem, was du sonst draufmachst."
Als ich mir ein Glas Wasser einschenken will, das gleiche Problem. Ich habe kein Gespür dafür, wie viel ich eingieße. Mit einem Trick schaffe ich es dann doch, das Glas nicht zum Überlaufen zu bringen. Ich halte einfach einen Finger rein und schütte, bis das Wasser den Finger berührt.
n Kompliziert: Ein Teil der Zahnpasta landet auf dem Stiel der Zahnbürste
Nach dem Frühstück heißt es anziehen. Ich taste mich wieder bis zu meinem Zimmer vor. In meinem Schrank liegen die T-Shirts zum Glück auf Stapeln nach Farben sortiert. Das hilft mir aber auch nur, weil ich vorher sehen konnte, welche Farben wo liegen. Einen Unterschied zwischen Schwarz und Grün kann ich zum Beispiel nicht ertasten. Nur an den Aufdrucken erahne ich, welches T-Shirt ich in den Händen halte.
Die Hosen lassen sich schon leichter unterscheiden, weil die Stoffe unterschiedlich fest sind und sie verschiedene Taschen haben. Trotzdem ist es wieder ein Vorteil, dass ich im Kopf weiß, wie meine Klamotten aussehen. Bis auf ein paar Gleichgewichtsprobleme beim Anziehen der Socken komme ich gut zurecht. Dabei helfen die Schildchen hinten im Kragen.
Zähneputzen stellt sich da als schwieriger heraus. Allein auf meinen Tastsinn möchte ich mich bei der Wahl der Zahnbürste nicht verlassen und frage meine Schwester, ob ich wirklich die richtige erwischt habe. Und schon die nächste Schwierigkeit: Woher weiß ich, wie viel Zahncreme ich auf der Bürste verteile - und wo? Ich fühle, taste nach den Borsten und versuche dann, die Öffnung der Tube genau darüberzuhalten. Trotzdem landet ein Teil auf dem Stiel der Bürste.
Meine Mutter schuldet mir noch zwanzig Euro. Sie drückt mir einen Schein in die Hand und ich denke mir: Gute Gelegenheit, mir nur zehn Euro zu geben, ohne dass ich es merke. Ich weiß, dass ich in meinem Geldbeutel auch noch einen Zwanziger habe. Deshalb versuche ich, die Scheine zu vergleichen.
Ein Unterschied ist die Größe. Außerdem gibt es für Blinde eine Prägung auf den verschiedenen Scheinen, die ich leider nicht auseinanderhalten konnte. Und sobald der Schein abgegriffen und total verknittert ist, hört mein Feingefühl auf. Die Münzen lassen sich leichter unterscheiden.
Am Ende meines Selbstversuches freue ich mich, die Brille wieder abnehmen zu können. Ich habe mir zwar gedacht, dass es hell wird und sich die Augen erst wieder ans Licht gewöhnen müssen. Aber dass es so grell und fast schmerzhaft sein würde, habe ich nicht erwartet.
n Bordsteine und Kopfsteinpflaster sind die größten Schwierigkeiten im Rollstuhl
Jetzt kann ich wieder sehen, will aber auch wissen, wie es ist, nicht mehr gehen zu können. Dafür stellt uns das Bildungszentrum in Wetzlar einen Rollstuhl zur Verfügung. Am Anfang muss ich erst einmal ausprobieren, wie man mit einem Rollstuhl lenkt. Um nach links zu fahren, muss ich mit dem linken Reifen bremsen und mich mit dem rechten Arm abstoßen.
Mein Problem ist nur, dass ich im rechten Arm mehr Kraft habe als im linken. Deswegen bin ich immer nach links gefahren, wenn ich eigentlich nur geradeaus wollte. Dennoch überrascht es mich, wie wendig ein Rollstuhl ist. Aber ich brauchte schon mehr Kraft als erwartet, um voranzukommen. Vor allem bei längeren Steigungen. Erst da merke ich, wie wenig ich im Alltag mit meinen Armen arbeite. Nach ungefähr 30 Metern bin ich aus der Puste und wirklich froh, nicht noch weiterfahren zu müssen. Aber auch der Rückweg mit Gefälle stellt sich nicht als einfacher heraus. Bei der Geschwindigkeit ist es schwer, geradeaus zu fahren. Und wie ich am besten bremse, ohne mir dabei die Finger zu klemmen, weiß ich auch nicht so genau.
Steigung und Gefälle sind jedoch kinderleicht im Vergleich zu meiner nächsten Herausforderung: Ich möchte mit dem Rollstuhl einen Bordstein überwinden. Je nachdem, wie hoch der Übergang von Straße zu Bürgersteig ist, gelingt es nicht. Die vorderen kleinen Räder knallen einfach nur dagegen, wenn ich nicht genügend Schwung habe.
Kompliziert ist es auch bei unterschiedlichem Untergrund. Im Sand bleibe ich einfach stecken und komme weder vor noch zurück. Auf dem Kopfsteinpflaster komme ich zwar vorwärts, allerdings auch nur langsam und mit großem Geruckel. Denn ähnlich wie beim Bordstein bleibe ich mit den kleinen Rädern immer wieder in den Rillen stecken. Dadurch kommt es mir fast so anstrengend vor wie meine Tour bergauf.
Nach dem Selbstversuch habe ich einige wertvolle Erfahrungen gesammelt. Jetzt weiß ich, mit welchen Schwierigkeiten manche Menschen Tag für Tag umgehen müssen. Zum Glück gibt es aber viele kleine Hilfen, wie zum Beispiel piepende und vibrierende Ampeln und abgesenkte Bordsteine.







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