Separat und trotzdem mittendrin

INKLUSION Wohnheim baut um
Heimleiter Bernd Kaiser (links) ... | Foto: Schneider

"Das sind alles gute Nachbarn", sagt Ernst Knetsch. Der 73-jährige Schönbacher lebt seit 16 Jahren im Behindertenwohnheim in Niederscheld - einer Einrichtung, die gleichermaßen separat wie inklusiv wirkt. Separat, weil die Menschen mit Behinderung hier unter sich leben. Inklusiv, da das Grundstück mitten in einer normalen Wohngegend liegt. Nun wird das Wohnheim umgebaut.

"Hier hat mal mein Bett ... | Foto: Schneider

"Das ist eines unserer größten Bauvorhaben in den vergangenen Jahren", sagt Dirk Botzon, Vorstandsmitglied der Lebenshilfe Dillenburg. Ziel des Projekts ist es, den Bewohnern statt der bisherigen Doppelzimmer eigene Reiche zu schaffen. "Durch die ,Aktion Einzelzimmer‘ wollen wir ihnen persönliche Rückzugsmöglichkeiten bieten, die sie nach eigenen Vorstellungen gestalten können."

Außerdem soll das Gebäude in Sachen Brandschutz, Technik und Barrierefreiheit auf Vordermann gebracht werden. Erste Überlegungen dazu gab es bereits 2008. Als dann die Pläne zum Umbau konkret wurden, die Hiobsbotschaft: Die Kellergeschossdecke wies statische Mängel auf. Aus diesem Grund musste die Planung komplett neu aufgestellt werden.

"Der Altbauteil der Gebäudeanlage wird nun bis auf die Grundmauern abgerissen und durch einen Neubau ersetzt", erklärt Dirk Botzon. Ein kleiner Ausbau nach Süden ist vorgesehen, durch den der bisherige Gebäudeumriss jedoch nicht überschritten wird. Im September hat der Umbau begonnen, anderthalb Jahre wird er voraussichtlich dauern. Für die 26 Heimbewohner und die knapp 30 Beschäftigten eine aufregende Zeit, da der Betrieb ganz normal weiterläuft. Vier Bewohner wurden vorübergehend nach Herborn-Burg umgesiedelt. Schon jetzt fragen die Bewohner täglich: "Wie lange dauert's noch?" Sie klappen sich Stühle am Rand der Baustelle auf, verfolgen und kommentieren das Geschehen.

"Ich freue mich auf mein neues Zimmer", sagt Ernst Knetsch. An die eigenen Wände sollen Bilder seines alten Elternhauses, der Gärtnerei, in der er gearbeitet hat, und von seiner großen Liebe: dem Fußball.

Die Nachbarn sind früh ins Bauvorhaben eingeweiht worden

Doch die kollektive Vorfreude wird durch die hohen Baukosten von insgesamt 2,3 Millionen Euro getrübt. Den Löwenanteil übernimmt zwar der Landeswohlfahrtsverband Hessen, einen erheblichen Eigenanteil muss die Lebenshilfe selbst aufbringen und ist dankbar für jegliche Unterstützung.

Im bisherigen Wohnheim gibt es einige Zimmer, die als Doppelzimmer belegt sind. Durch die neu entstehenden Einzelzimmer sind die betreffenden Bewohner nicht mehr gezwungen, ihr Zimmer mit einem Mitbewohner teilen zu müssen. Um auch die Nachbarn von vornherein in die Baupläne mit einzubeziehen, hat das Wohnheim die Nachbarn zu einem Anwohnerabend eingeladen. "Schließlich sind sie auch von unserer Langzeit-Baustelle betroffen", sagt Heimleiter Bernd Kaiser. "Unsere Nachbarschaft läuft so gut, dass wir sie gern weiter pflegen wollen. Unser Vorhaben haben sie positiv aufgenommen."

Die Bewohner des Wohnheims in Niederscheld haben alle mittlere bis schwere Behinderungen. Aufnahmen ins Wohnheim kommen häufig zustande, "wenn Familien an ihre Grenzen kommen und sich bis an den Rand der Existenz aufgeopfert haben", sagt Dirk Botzon.

Das Heim ist jedoch bis auf den letzten Platz belegt. Die Warteliste ist lang. Die Nachfrage übersteigt die Möglichkeiten. "Eigentlich können wir nur noch mit Kurzaufnahmen weiterhelfen, wenn familiäre Katastrophen vorliegen, bei denen schnell reagiert werden muss", so Dirk Botzon. "Die demografische Entwicklung macht sich eben auch bei uns bemerkbar."

Die Lebenshilfe Dillenburg bietet neben dem stationären Wohnangebot auch das Betreute Wohnen als ambulante Wohnform an. Mittlerweile sei aber das zahlenmäßige Verhältnis zwischen beiden Wohnformen bei der Lebenshilfe Dillenburg nahezu ausgeglichen. Bei den Menschen, die im Niederschelder Wohnheim leben, reicht jedoch eine ambulante Betreuung allein nicht aus.

Dennoch führen die Bewohner kein Inseldasein. Vor allem Ernst Knetsch steht mitten im Leben. Beim Sportverein Niederscheld ist er regelmäßig als Linienrichter tätig. "Ich bin im ganzen Dillkreis bekannt", sagt er stolz. Bei den Nachbarn hat er auch einen Stein im Brett. "Oft sagen sie: ,Ernst, du willst doch auch zum Fußballplatz. Komm, steig ein.' Dann nehmen sie mich im Auto mit hin", erzählt er. Der Kontakt zu den Menschen im Umfeld ist für das Wohnheim eine große Bereicherung. "Das ist ganz im Sinne der Inklusion", meint Dirk Botzon.

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Dokument erstellt am 03.12.2012 um 13:24:00 Uhr
Letzte Änderung am 03.12.2012 um 13:26:27 Uhr
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