
"Am Anfang hatte ich Angst, dass ich mit Atuls Art nicht klarkomme", erzählt Martin Hesse. Der Doktorand sitzt mit drei anderen WG-Bewohnern am Tisch im Wohnzimmer. Im Hintergrund räumt Atul die Spülmaschine ein. "Ich habe dann aber schnell erkannt, dass das WG-Leben mit ihm sehr entspannt ist."
"Atuls Art" - damit meint Hesse, dass Atul manchmal "klaut". Zwar nicht mit böser Absicht, aber für den Betroffenen dennoch ärgerlich. "Einmal war eine Krankmeldung aus meiner Jacke verschwunden, da bin ich drei Stunden lang völlig ausgeflippt", erinnert sich Hesse. Atul hatte das Papier - warum auch immer - zu seiner Arbeit in den Lahnwerkstätten mitgenommen.
Atul ist die Konstante
"Atuls Art" - das bedeutet auch, dass er bei WG-Besuch die Aufmerksamkeit immer auf die Gäste lenkt. Er fragt sie aus, bietet ihnen Kaffee an - will eben dabei sein. Und dann sind da noch die Ausraster, die Atul bekommt, wenn er etwas falsch macht. Wie jetzt: Im Hintergrund zerbricht Geschirr. Beim Einräumen der Spülmaschine sind Atul Gläser aus der Hand gefallen. Der 39-Jährige schlägt die Hände über dem Kopf zusammen - bleibt aber ruhig. Diesmal hat er sich im Griff.
Atul in einem Heim unterzubringen, kam für seine Mutter Cornelia Fabricius nie in Frage: "Zu wenig individuelle Entfaltungsmöglichkeiten", urteilt sie in dem Buch "Liebe WG - ich hab dich lieb", in dem sie über Atuls Alltag in der WG und den Weg dorthin schreibt. Demnach nahm Atuls Leben eine entscheidende Wende, als Cornelia Fabricius Kontakt zum Marburger Verein zur Förderung der Integration Behinderter (fib) aufnahm. Laut Fabricius vertreten die Mitglieder des Vereins Ansichten wie sie: Jeder Mensch - ob behindert oder nicht - sollte ein Leben nach seinen Vorstellungen führen dürfen. Zumindest, soweit dies möglich ist. Als Atul 1992 in die WG im Stadtwald einzieht, ist das etwas völlig Neues. "Es war die erste WG in Deutschland, in der Studierende mit einem Menschen mit hohem Hilfebedarf zusammenleben", erinnert sich die Mutter. Inzwischen hat das Modell Schule gemacht.
In seiner WG ist Atul die Konstante. Seit 20 Jahren lebt er dort, sah viele Mitbewohner kommen und gehen. Manche zogen bereits nach kurzer Zeit wieder aus. "Nicht alle kommen mit der Situation hier klar", erklärt Jan Wypich. Er ist einer von sechs Helfern des "fib", die sich um Atul kümmern. Wenn Atul in die Stadt geht, sei einer aus dem Team stets dabei. "Es gibt einen festen Dienstplan bis 21.30 Uhr", sagt Wypich. Danach kümmere sich die WG um ihn.
"Wir sind das Gegenteil einer Zweck-WG, bei uns herrscht ein sehr naher Umgang", sagt Julian Müller. Der Mediengestalter erzählt, dass Atul sich in diesem Umfeld trotz seiner 39 Jahre noch immer weiterzuentwickeln scheint. "Wenn er früher Mist gemacht hat, hat er sich zurückgezogen und war erstmal hilflos", sagt Müller. Kürzlich habe er dagegen sein Zimmer geschmückt und die ganze WG zu einer Party eingeladen, um sein Verhalten wiedergutzumachen.
Dass Atul sich noch immer weiterentwickelt und sein Leben weitestgehend gestalten kann, wie er es sich vorstellt, war von Anfang an das Ziel seiner Mutter Cornelia Fabricius. "Atul ist bei uns mittendrin im sozialen Gefüge", sagt Julian Müller. Und genau das bedeute für ihn Inklusion.







Kommentare (0)













