
Im Schuljahr 2010/11 wechselten die ersten G8er an die Goetheschule (GOW). Sie kamen aus der Freiherr-vom-Stein-Schule, die als Mittelstufengymnasium ebenso wie die Kooperativen Gesamtschulen zu G8 gewechselt war. Im selben Jahr entsandten diese Schulen aber auch ihren letzten G9-Jahrgang. Somit musste die GOW einen Doppeljahrgang verkraften. G9-Schüler kamen zudem weiterhin von den Integrierten Gesamtschulen, in denen G8 nie eingeführt worden war. Insgesamt umfasste der Jahrgang letztlich über 500 Schüler - gut 200 mehr als üblich.
Mit dem ersten G8-Jahrgang hatte die GOW also eine Rekordschülerzahl und eine pädagogische Herausforderung zu bewältigen. Denn die G8er sind jünger und haben ein Schuljahr weniger absolviert als ihre G9-Mitschüler. Nach drei Oberstufenjahren müssen aber alle das Abitur schaffen.
G8er und G9er gemeinsam zu unterrichten, sei letztlich weniger problematisch gewesen als befürchtet, zieht Schulleiter Grebe Bilanz. Die G8er schlügen sich insgesamt gut. So hätten im aktuellen Abiturientenjahrgang nicht mehr Schüler als sonst die GOW vorzeitig ohne Abitur verlassen. Die Abbrecherquote liege nach wie vor bei etwa fünf Prozent.
Im Unterricht selbst hätten die beiden Schülergruppen durchaus voneinander profitiert. "Die Jüngeren lernen von den Älteren", sagt Grebe. So lernten die G8er, die im Schnitt mit 16 Jahren an die GOW kommen, in Sachen eigenständiges Arbeiten von den schon 17-jährigen G9ern. Im Gegenzug bringen laut Grebe viele G8er eine "hohe Arbeitsdisziplin" mit, die sich positiv auf so manchen G9er auswirke.
n "Eine 16-Jährige geht mit Goethes ,Faust’ anders um als eine 18-Jährige"
Dennoch: Ohne Schwierigkeiten sei der Wechsel von G9 auf G8 für die Schüler nicht verlaufen. "Der Unterschied zwischen beiden Gruppen besteht weniger in dem, was sie inhaltlich gelernt haben, als im Reifegrad", beschreibt Grebe eine Beobachtung, die nicht pauschal gelte, sich aber durchaus als Trend benennen lasse. Die Frage sei, wie die Schüler das ihnen angebotene Wissen verarbeiten. "Eine 16-Jährige wird mit Goethes ,Faust’ und der darin enthaltenen Gretchen-Tragödie anders umgehen als eine 18-Jährige - das kann auch die Schule nicht kompensieren", erläutert Grebe das Problem.
Dazu passt für den Schulleiter, dass "zumindest gefühlt" die Nachfrage von Schülern nach psychosozialer Betreuung in den vergangenen zwei Jahren höher als sonst gewesen sei. "Wir reden öfter über solche Fälle", sagt Grebe. Beobachtet hat er auch, dass mehr Schüler überlegen, zwischen Abitur und der weiteren Ausbildung ein Jahr einzuschieben - womöglich um einen Ausgleich für das ihnen fehlende Schuljahr zu schaffen. Zahlen habe er dafür nicht, aber auch hier sei die Quote "gefühlt" höher als sonst. "Wenn sich das bestätigt, wäre der Effekt, durch G8 ein Jahr zu gewinnen, wieder weg", sagt Grebe.
Durchgesetzt hat sich der Gedanke, dass G8 Vorteile für die Schüler bringt, an den Schulen im Altkreis Wetzlar sowieso nie. So sind die Kooperativen Gesamtschulen inzwischen alle zu G9 zurückgekehrt. Auch die Lehrer der Freiherr-vom-Stein-Schule haben sich dafür ausgesprochen, wieder zu G9 zu wechseln, sobald die Landesregierung den Weg dafür freimacht. Wenn das klappt, kämen in einigen Jahren wieder reine G9-Jahrgänge an die GOW. Organisatorisch würde es damit leichter, sagt Schulleiter Grebe.
Vorher müssen die Lehrer des Oberstufengymnasiums aber erst einmal ihren Doppeljahrgang mit G8ern und G9ern erfolgreich durchs Abitur bringen. Drei schriftliche und mindestens zwei mündliche Prüfungen muss jeder der gut 500 Abiturienten im Frühjahr 2013 absolvieren. 40 000 bis 50 000 Kopien von Prüfungsaufgaben muss die Schule ziehen. Mehr als 1500 schriftliche Prüfungen sind zu korrigieren, mehr als 1000 mündliche Prüfungen stehen an. Selbst die Zeugnisübergabe fällt aus dem Rahmen: Zwei Veranstaltungen sind nötig, da die Stadthalle für 500 Schüler mit Angehörigen zu klein ist.
Insofern atmet Schulleiter Grebe auf, wenn dieser Abiturjahrgang durch ist. "Es wird eine Entlastung im Haus geben", sagt Grebe, lobt dabei aber ausdrücklich seine Schüler und Lehrer, die in den vergangenen zweieinhalb Jahren hervorragend mit der beengten Situation umgegangen seien.
"Erholen" vom Doppeljahrgang kann sich die GOW vielleicht in ein paar Jahren, falls die Freiherr-vom-Stein-Schule tatsächlich zu G9 zurückkehrt. Da die Stein-Schule Hauptzubringer für die GOW ist, entstünde für ein Jahr eine Lücke: Zwischen dem letzten G8-Jahrgang und dem ersten G9-Jahrgang würde die Stein-Schule keine Abgänger an die GOW entsenden. Dem Oberstufengymnasium, das im Moment aus allen Nähten platzt, würden dann etwa 100 Schüler fehlen.







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