
Wie ist es Ihnen persönlich die vergangenen Jahre mit G8 ergangen?
Dietrich Heese: Nicht gut. Zum einen gibt es große Unterschiede zwischen den intellektuellen Anforderungen im Lehrplan und der Reife der Schüler. Um bestimmte Dinge denken zu können, brauche ich eine bestimmte Reife. Vielen Schülern fehlt einfach das Jahr. Zum anderen sind die Lehrpläne an die verkürzte Schulzeit nicht ausreichend angepasst worden. Es muss viel Stoff in erheblich kürzerer Zeit unterrichtet werden.
Können Sie ein Beispiel nennen, wo Lehrplan, Zeit und Reife nicht zusammenpassen?
Heese: Ich unterrichte Mathematik, nehmen wir einfach mal die Binomischen Formeln. Da kommen wir in den Bereich des abstrakten Denkens, das eine bestimmte Reife voraussetzt. Früher habe ich die Formeln acht Wochen trainiert und anschließend konnten das 80 Prozent meiner Schüler. Heute, in Zeiten von G8, habe ich dafür drei Wochen - und im Schnitt ein Jahr jüngere Schüler vor mir sitzen. Da bleiben mehr Kinder auf der Strecke.
Und diesen Kindern hilft auch kein zusätzliches Üben?
Heese: Die Komponente "Üben" passt kaum noch in das G8-Schema. Das kommt noch aus der Tradition der Halbtagsschule, da wurde am Nachmittag im familiären Umfeld für Klassenarbeiten geübt. Doch mit G8 und Nachmittagsunterricht fehlt die Zeit zum Üben, außerdem hat sich auch an der familiären Betreuung etwas geändert, unter anderem, weil in immer mehr Familien inzwischen beide Elternteile arbeiten gehen.
Wie kann eine Schule das auffangen?
Heese: Als wir gesehen haben, vor welche Anforderungen G8 uns und die Schüler stellt, haben wir das Projekt STEP ins Leben gerufen. Es läuft ab der fünften Klasse, die Buchstaben STEP stehen für Soziales Lernen, Teamtraining und Eigenverantwortliches Arbeiten am Philippinum. Als weitere Maßnahme haben wir schon in der Mittelstufe, also ab der fünften Klasse, Doppelstunden eingeführt. Um den Tag zu verlangsamen, um den Rucksack leichter zu machen und um nicht mehr Stoff als nötig lehren zu müssen. Es ist schließlich ein Unterschied, ob man in sechs Stunden Neues aus sechs Fächern aufnehmen muss oder nur aus drei Fächern.
Bleiben wir beim Thema Zeit: Leiden Schüler in ländlichen Gebieten eher an G8 als in Städten? Schließlich haben sie noch längere Wege von der Schule nach Hause zurückzulegen.
Heese: Ja. Das Leben der Kinder wird behindert, weil sie noch weniger Zeit haben. Letztens sagte ein Schüler zu mir: "Ich habe nicht mehr viel Zeit, um 16 Uhr geht mein Zug." Da sitzen Kinder in den Großstädten schon am Schreibtisch und machen Hausaufgaben oder haben Zeit für Hobbys. Und da muss der Junge noch mindestens eine Stunde nach Hause fahren.
Hatten Sie nach der Umstellung auf G8 im Jahr 2004 eigentlich mehr Schüler, die nach der fünften oder sechsten Klasse abgegangen sind, weil sie den Anforderungen nicht mehr gewachsen waren, als die Jahre davor?
Heese: Auf jeden Fall haben wir in den fünften und sechsten Klassen seit G8 mehr Abgänger. Eine große Hürde ist die zweite Fremdsprache. Sie kommt schon in der sechsten Klasse dazu, da ist die erste Fremdsprache bei den meisten noch gar nicht gefestigt. Ich weiß von Französischlehrern, dass es Schüler gibt, die in Englisch antworten. Die Kinder verwechseln die Sprachen.
Sehen Sie Gymnasien, die G8 anbieten mussten, in einem Wettbewerbsnachteil gegenüber Schulen, die in der Vergangenheit die Wahlfreiheit hatten?
Heese: Auf jeden Fall. Denn ich will möglichst vielen Kindern das Abitur ermöglichen. Das geht nicht mit G8. Bei G9 schließe ich niemanden aus, und wer richtig gut ist und schneller lernt als andere, hat auch bei G9 die Möglichkeit, ein Jahr zu überspringen oder ein Jahr für einen Auslandsaufenthalt zu nutzen.
G8-Schüler haben auch weniger Zeit für Hobbys und fürs Vereinsleben. Fehlt G8-Schülern soziale Kompetenz?
Heese: G8-Schüler können genauso soziale Kompetenz entwickeln wie G9-Schüler. Doch G9-Schüler haben mehr Möglichkeiten. Wir haben früher - vor der Umstellung auf G8 - viele freiwillige Angebote gehabt, die heute nicht mehr so nachgefragt werden. Zum Beispiel haben wir früher die Carmina Burana aufgeführt oder das Requiem von Mozart. Da musste viel geprobt werden, nachmittags und auch mal am Wochenende. Das geht unter G8-Bedingungen nicht mehr.
Sie wollen im kommenden Schuljahr zu G9 zurückkehren, also den gymnasialen Bildungsweg wieder entschleunigen. Haben Sie keine Angst, dass Arbeitgeber in Deutschland den Abgängern sagen könnten: G9-Schüler sind uns zu alt?
Heese: Wenn ich Arbeitgeber in Deutschland wäre, würde ich mir das Abiturzeugnis meines Bewerbers angucken. Anhand der Noten und der Bemerkungen kann ich abschätzen, ob da ein reifer Schüler auf mich zukommt. Und ich würde als Arbeitgeber einen Abiturienten einstellen, dem ich Reife zuspreche und der eigenständiges Denken gelernt hat. Ich würde keinen 16- oder 17-jährigen Abiturienten nehmen, der möglichst schnell und effizient durchs Bildungssystem geschleust wurde, aber selbstständiges Denken nie gelernt hat. Deutschland braucht gut ausgebildete Menschen, die selbstständig denken können und kreativ sind. Das ist mit ein Grund, warum wir zu den führenden Industrienationen der Welt zählen. Und das spricht auch für unser bisheriges Bildungssystem.







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