Das Schicksal in die Hand genommen

Martina, Thomas und Brenda Müller sind von Waldhausen nach Texas ausgewandert
Im "Old Montgomery" gibts die besten Steaks der Stadt, finden Thomas, Brenda  und Martina Müller. <br/>Foto: privat
Im "Old Montgomery" gibts die ... | Foto: mittelhessen.de

Müller: Im Oktober 2010, also nunmehr schon vor einem Jahr und vier Monaten.

Mit (v.l.) Norbert Dieth, Brigitte Ermert, Erika Schäfer und Martina Mehl gehörte Martina  Müller  (2.v.l.)  in Vorberei
Mit (v.l.) Norbert Dieth, ... | Foto: mittelhessen.de

Und wann begann bei der Familie der Traum vom Auswandern?

Martina Müller
Martina Müller | Foto: mittelhessen.de

Müller: Der Traum war schon lange da. Mit meinem 40. Geburtstag und nach jedem Urlaub wurde der Wunsch stärker.

Wann waren Sie denn zum ersten Mal in Texas?

Müller: Ich glaube das war 1996 über Silvester.

Und was hat Sie so fasziniert, dass Sie beschlossen haben, Hessen mit Texas einzutauschen?

Müller: Die Freundlichkeit der Leute, die Weite, die Sonne und gute Freunde hier.

Und all das gab es hier nicht?

Müller: Abgesehen vom Wetter, doch. Gute Freunde, ja auch. Wir wollten aber noch einmal einen Neuanfang, eine Herausforderung. Und wir wollten nicht, wie viele andere, nur davon reden, wir wollten es machen. Außerdem hat die Nähe zu allen tropischen Reisezielen und immer wieder das Wetter gereizt.

Ein Neuanfang bedeutet doch irgendwo auch, dass Sie hier in einer Sackgasse waren, oder?

Müller: Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, vielleicht geht es anderen auch so, irgendwann blickst du zurück und denkst, ist das jetzt alles, soll das jetzt bis zu deiner Rente so weitergehen? Du bist im Laufe der Zeit so eingefahren und alles ist selbstverständlich geworden, ich und meine Familie waren damit nicht einverstanden. Wir wollten noch einmal etwas anderes erleben und wir sind froh, dass wir es gewagt haben, denn dazu gehört eine ganze Menge Mut.

Gab es denn eine Phase, in der Sie der Mut fast verlassen hätte?

Müller: Natürlich gab es am Anfang nicht nur Höhen, aber wir sind da durch und das macht uns ein bisschen härter.

Wie sahen denn die Tiefen aus? Müller: Kühler am alten Zweittruck explodiert, erste Stromrechnung nach vier Wochen intensiver Nutzung der Klimaanlage, der Schreck, als uns das erste Mal ein Sheriff von der Straße holte und uns erinnerte, dass wir hier keine Autobahn haben, das vergessene Telefonat bei der Schule, als meine Tochter krank war und am dritten Tag die Aufsichtsbehörde bei uns zu Hause war. Viele kleine Dinge halt, die wir aus Deutschland nicht kannten. Unterm Strich gesehen nichts Ernstes.

Wofür brauchen Sie denn einen Zweittruck? Hängt das mit dem Beruf zusammen?

Müller: Nein, aber ohne Auto ist man aufgeschmissen. Wir kümmern uns beruflich um die Vermietung von Ferienobjekten am Lake Conroe. Mein Mann renoviert Häuser und bietet eine Reihe von Leistungen rund um die Immobilie an wie Raumausstattung, Pflege von Wohnanlagen, Betreuung von Appartementkomplexen.

Wie sind Sie denn zu diesen Jobs gekommen?

Müller: Man muss hier nur zwei Leute kennen: Hinz und Kunz. Und die kennen wir seit 16 Jahren. Wir haben hier das Glück, dass jegliche Leistungen vergeben werden. Hier macht keiner etwas selber, das geht vom Rasenmähen übers Malern. Sogar das Auto lässt man hier waschen. Wochenende ist in Texas nämlich gleich Freizeit, Fischen, Barbeque und Spaßhaben mit Freunden. Außenaktivitäten werden ganz groß geschrieben.

Sie scheinen in einer gut betuchten Gegend zu leben, denn nicht jeder kann es sich leisten, sein Auto waschen, oder sich den Rasen mähen zu lassen?

Müller: Der Amerikaner arbeitet sehr viel, hat teilweise zwei Jobs, weniger Urlaub und Feiertage. Dafür leistet er sich Leute, die ihm die Arbeit für das Wochenende abnehmen. Du fällst eher auf, wenn du deinen Rasen selbst mähst. Also wir tun es selbst und können dabei das schöne Wetter genießen. Texas ist das wirtschaftlich stärkste amerikanische Bundesland.

Beschreiben Sie doch mal das Fleckchen Erde, auf dem Sie leben.

Müller: Weites flaches Land, viel Wald, direkt an einem riesigen See, viele Palmen, viele tropische Pflanzen, Gürteltiere und Waschbären, auf jedem Baum zwei Eichhörnchen, Adler, Geier, Kolibris und Pelikane, Wasserschildkröten, große Terrasse, noch größerer Grill.

Fehlen noch zum kompletten Glück die Ex-Kollegen von der Stadt, der Weilburger Schlossgarten, ein Feierabendbier im Tommys und ein Eis in der Tüte aus der Neugasse!

Müller: Der Weilburger Schlossgarten würde hier wahrscheinlich ganzjährig blühen und noch schöner aussehen. Und die bräuchten keine Orangerie mehr zum Überwintern. Unser Feierabendbier nehmen wir jetzt bei "Papas on the Lake" ein oder im "Eldorado Jack". Beim Eis aus der Tüte wird es dann eng. Hier gibt es nur halbe Gallonen Becher. Großstück-Eis und deutsches Brot wären hier der Renner.

Und was fehlt noch? Wie schaut es zum Beispiel mit Fasching aus?

Müller: Fasching gibt es bei uns ganzjährig, zumindest wenn du zum Walmart Einkaufen gehst. Aber im Ernst: Fasching heißt hier Mardi Gras und geht ab wie in Köln. Fehlen tut uns nur ab und zu die Nähe zu unserer Familie und den Freunden.

Wen habt ihr denn alles zurückgelassen?

Müller: Zwei Mamas, einen Papa, eine Schwester mit Mann und Kind, einen Bruder mit Frau und jede Menge Ex-Kollegen und Freunde.

Apropos Familie, wie hat sich denn Ihre Tochter Brenda eingelebt?

Müller: Sehr gut! Auch dank der schulischen Vorbildung auf dem Gymnasium Philippinum wurde sie gleich nach dem ersten halben Jahr mit einem "goldenen Bären" ausgezeichnet für herausragende Leistungen. Jetzt geht sie in die High School und macht dort "Advanced Classes", dass bedeutet höchstes Level. Und sie ist eher fertig. Sie kann schon in knapp zwei Jahren aufs College gehen. Das Lustigste ist: Mein Mann und ich haben unseren deutschen Akzent behalten, sie hat ihn nach einem Jahr vollständig abgelegt. Keiner merkt mehr, dass sie Ausländer ist. Für sie war der Umzug auch ein Volltreffer.

Wie lange hat es eigentlich vom Entschluss Auszuwandern bis zum endgültigen Umzug gedauert?

Müller: Wir haben uns sehr gut darauf vorbereitet und mussten erst unser Hab und Gut verkaufen. Alles in allem vielleicht rund drei Jahre.

Wie sind Sie denn eigentlich an die Greencard gekommen?

Müller: Bis jetzt noch gar nicht. Wir sind hier mit einem Investoren-Visa

Was genau ist das?

Müller: Wir haben einen großen Batzen Geld hier investiert und eine Firma gegründet. Dafür bekamen wir ein Investoren-Visa und können damit in Amerika leben und arbeiten.

Ein überschaubares Risiko?

Müller: Ja, aber du musst natürlich risikobereit sein, sonst wird es nichts. Getreu dem Spruch von John Wayne: Mut ist, wenn man Angst hat, sich aber trotzdem in den Sattel schwingt.

Haben Ihnen denn Ihre beruflichen Erfahrungen in einer deutschen Stadtverwaltung im Umgang mit der amerikanischen Bürokratie geholfen?

Müller: Nein, kein bisschen. Es ist alles viel einfacher hier. Keep it simple, ist die Devise. Keine Bürokratie wie in Deutschland. Die Firmengründung hat eine Minute gedauert, kostete 16 Dollar. Das ist nur ein Beispiel.

Und was gibt es in Texas, was Sie an die Heimat erinnert?

Müller: Von Deutschen gegründete Orte wie Weimar, New Braunfels, Fredericksburg und viele deutsche Straßennamen. Viele Texaner sind deutscher Abstammung, daher den Deutschen gegenüber sehr freundlich. Viele waren auch als Soldaten in Deutschland stationiert. Leider spricht kaum ein Texaner noch deutsch. Viele Texaner lieben aber deutsches Essen, das deutsche Bier und deutsche Autos. An Deutschland erinnert mich aber auch der Wald. Und die kühlen Tage im Januar erinnern mich an den Sommer in Deutschland.

Ein Texaner deutscher Abstammung ist auch der durch die Sendung "Goodbye Deutschland" bekannt gewordene Auswanderer Konny Reimann. Gibt es da Kontakt?

Müller: Konny wohnt rund fünf Stunden weg von uns. Leider haben wir uns noch nicht persönlich getroffen. Wir stehen aber in Mail-Kontakt mit ihm. Er hat uns bei unserem nächsten Projekt geholfen.

Das da wäre?

Müller: Eine ganz andere Schiene. Wir wollen hausgemachtes Sauerkraut nach sächsischem Hausrezept bei seiner Ketchup-Firma kochen und abfüllen lassen. Wir beliefern bereits einige Sauerkraut-Fans.

Ein weiterer Schritt auf dem Weg vom Tellerwäscher zum Millionär?

Müller: Eventuell. Es wäre schön, wenn das klappt. Alles ist hier möglich. Wir lassen nichts unversucht.

Hört sich danach an, dass es kein Zurück mehr gibt?

Müller: Das weiß man nie, momentan nicht. Heimat ist nie schöner, als wenn man in der Ferne von ihr spricht.

Also ist Montgomery nur ein Zuhause, noch nicht Heimat?

Müller: Home is where your heart is (Zuhause ist, wo dein Herz ist, die Red.). Die alte Heimat Weilburg werden wir nicht vergessen.

Ein schönes Schlusswort, aber ein paar Fragen habe ich noch: Welchen Tipp haben Sie denn für Menschen, die es Ihnen gleich tun wollen?

Müller: Gut vorbereiten, viele Male vorher hinfahren und nicht nur Urlaub machen, auch mit anderen Augen sich alles anschauen, mehrere Arbeitsmöglichkeiten ausloten, sich nicht auf eine Sache versteifen, mehrere Optionen in der Hand halten, flexibel sein. Und immer daran denken: Es wartet niemand auf dich in dem neuen Land, du musst dich erst bewähren und bereit sein, mehr als 50 Stunden in der Woche zu arbeiten.

Perfektes Englisch wäre sicher auch nicht schlecht, oder?

Müller: Nicht unbedingt. Du lernst hier mehr als in jeder Schule. Keiner lacht hier, wenn du es nicht gleich richtig sagst. Im Gegenteil: Die helfen dir, das richtige Wort zu finden. So perfekt kann ein Englisch gar nicht sein. Ich lerne jeden Tag neue Wörter. Du lernst nie aus.

Ihre Antworten hören sich so positiv an. Sie sind mit ihrem Entschluss offensichtlich absolut zufrieden?

Müller: Wir haben unser Schicksal in die Hand genommen und unser Ziel nie aus den Augen verloren. Es hat sich gelohnt. Wir haben es nicht bereut und würden es wieder tun.

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Copyright © mittelhessen.de 2012
Dokument erstellt am 04.02.2012 um 20:40:37 Uhr
Letzte Änderung am 18.07.2012 um 13:18:50 Uhr
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