
Carina Gottschall: Urlaub zu Hause quasi. Mein Vater ist 60 geworden. Ich versuche, einmal im Jahr nach Hause zu kommen, weil meine Familie hier lebt.

Haben Sie Heimweh?

Gottschall: Eher nicht. Aber es kommt schon mal vor, dass ich etwas typisch Deutsches vermisse.

Beispielsweise?
Gottschall: Als ich in Spanien gelebt habe, war es das deutsche Essen. Dann habe ich zuhause angerufen und gesagt: „Könnt ihr mir mal wieder ein ,Care-Paket“ mit Rotkraut und Eingelegtem schicken?“
Das spanische Essen war nicht nach Ihrem Geschmack?
Gottschall: Doch, das war sehr gut. Aber in Spanien konnte ich nichts kaufen, was typisch deutsch ist. Jetzt in Irland gibt es viele polnische Geschäfte und die haben ungefähr das gleiche Sortiment wie deutsche Läden.
Wie sind Sie überhaupt nach Spanien gekommen?
Gottschall: Ich habe an der Knappschule meinen Betriebswirt im Schwerpunkt Touristik gemacht. Und durch die Schule bekam ich ein sechsmonatiges Praktikum auf Teneriffa. Dort habe ich viele Kontakte geknüpft und so bin ich an den Job in Barcelona gekommen.
Wie arbeitet es sich dort, wo andere Urlaub machen?
Gottschall: In Deutschland geht man früh ins Büro, in Spanien eher später und arbeitet dafür am Abend länger. Und die lange Mittagspause, Siesta, die gibt es im Süden oder auf den Kanaren, weil es da in der Mittagssonne zu heiß ist. Aber im Norden, da gibt es keine Siesta. Ich konnte mittags nicht schlafen. Und man geht auch nicht jeden Tag an den Strand.
Barcelona ist eine sehr lebendige Stadt. Wie haben Sie das Leben dort genossen?
Gottschall: Barcelona ist eine sehr, sehr tolle Stadt, die alles bietet: Ausgehmöglichkeiten, Sehenswürdigkeiten, Strand. Das ist das Schöne an der Stadt – es ist immer wieder anders.
War es schwer, dort Fuß zu fassen?
Gottschall: Anfangs war es gewöhnungsbedürftig. Ich sprach zwar Spanisch, aber in Barcelona spricht man Katalan. Die Stadt bietet Ausländern aber Gratissprachkurse. So habe ich viele Leute kennen gelernt.
Was hat Ihnen in der spanischen Metropole Barcelona am besten gefallen?
Gottschall: Das kann ich gar nicht sagen. Es gibt so viel. Ich fotografiere gern. Für mich sind die ganzen Gaudí-Bauten das Beste. Und den Strand vor der Haustür zu haben, ist toll.
Warum haben Sie sich nach drei Jahren entschieden, Barcelona zu verlassen?
Gottschall: Die wirtschaftliche Lage in Spanien wurde sehr, sehr schlecht. Und ich habe meinen Job verloren. Anfangs bin ich in Spanien geblieben, aber es gab keine Jobs mehr.
Wie sehr beherrscht die Eurokrise den Alltag in Spanien?
Gottschall: Sehr. Die Arbeitsämter sind voll. Von meinen Freunden, die noch dort leben, höre ich immer: „Es könnte sein, dass es mich morgen trifft. Es kommen keine Aufträge mehr rein.“
Ist es Ihnen schwer gefallen, Barcelona zu verlassen?
Gottschall: Am Anfang schon. Weil aber in Spanien nichts mehr zu machen war, gab es keine Alternative. Ich hätte mich zwar im Supermarkt an die Kasse setzen können, aber das wollte ich nicht. Also habe ich meinen Lebenslauf online gestellt und zwei Wochen später bekam ich den Anruf von einer Agentur, die mir den Job in Irland angeboten hat. Und dann habe ich am 1. März dort angefangen. Da musste ich dann innerhalb einer Woche umziehen.
Wie unterscheidet sich das irische vom spanischen Leben?
Gottschall: Die Iren sind sehr neugierig und direkt. Sie reden nicht drumherum, sondern kommen gleich auf den Punkt. Das gefällt mir gut. Ans Wetter muss man sich gewöhnen. Das ist im Gegensatz zu Barcelona sehr regnerisch. Aber es macht alles ganz grün.
Und wie klappt es mit dem Linksverkehr?
Gottschall: Daran musste ich mich erst gewöhnen. Als ich am Anfang mal in ein Taxi einsteigen wollte, wunderte ich mich: Wo ist denn der Fahrer? Erst dann merkte ich, dass ich auf der falschen Seite Platz nehmen wollte. Selbst hinters Steuer habe ich mich aber noch nicht gesetzt.
Machen Sie mal Werbung für Cork, das kennen viele sicher nicht so gut.
Gottschall: Cork ist schön klein, gilt aber als Stadt. Es hat sehr viele Kirchen. Dann natürlich die Pubs. Bei uns in Cork gibt es Beamish & Crawford, eine Brauerei, die man auch besichtigen kann. Genauso die Heineken-Brauerei.
Irland ist für seinen Whiskey weltweit berühmt. Schon mal gekostet?
Gottschall: Ja. Aber ich bleibe lieber beim Guinness.
Ist das Leben in Irland teurer als in Deutschland?
Gottschall: Lebensmittel sind sehr teuer, in Spanien kosten die Lebensmittel nur ein Drittel. Dafür sind in Irland aber auch die Löhne höher. Die Mieten in Cork haben Stadtniveau, zwischen 600 und 1000 Euro muss man pro Monat hinlegen, je nach Lage und Größe. Mein kleines Ein-Zimmer-Appartment kostet mich 150 Euro pro Woche. Und wer ausgehen will: Das Pint Guinness kostet zwischen drei und sechs Euro.
Sowohl Barcelona als auch Cork liegen in stark katholisch geprägten Regionen. Wie stark prägt die Religion den Alltag?
Gottschall: Die Spanier gehen sonntags in die Kirche, aber sonst merkt man das nicht so stark. In Irland gehen die Gläubigen auch unter der Woche in die Kirche. Und ich sehe viele, die sich bekreuzigen, wenn sie an einer Kirche vorbeifahren oder -gehen. Sie sind sehr gläubig, aber auch sehr verliebt in ihre Pubs.
Wie ausgeprägt ist die Pubkultur in Cork?
Gottschall: Man findet an jeder Ecke mindestens ein Pub. Die meisten Iren gehen abends zu einem After-Work-Drink. Dort kommt man auch sehr leicht ins Gespräch mit Iren. Sie sind wirklich sehr aufgeschlossen.
Können Sie sich vorstellen, länger in Irland zu bleiben?
Gottschall: Ja. Ich schaue nach einem Jahr, wie es mit dem Job läuft. Dann sehen wir weiter, ob es noch Irland ist oder ob es woanders hingeht.
Schon mal mit dem Gedanken gespielt, nach Löhnberg zurückzukommen?
Gottschall: Im Moment ist das Ausland reizvoller. Ich sehe Löhnberg nur als Plan B, als Auffangbecken, wenn etwas passiert. Dann weiß ich, dass ich immer wieder zu meinen Eltern kommen kann.







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