"Weiße Weihnacht" vermisse ich schon

Dieter Caspari aus Hirschhausen ist vor 37 Jahren nach Australien ausgewandert

Wir haben heute bestes Novemberwetter, grau, kalt und nebelig...
Caspari: Bei uns ist Frühling. Heute Mittag hatten wir knapp über 30 Grad. Dann kam ein Gewitter und es hat sich jetzt auf 25 Grad abgekühlt.

Das klingt nicht so, als ob sie Deutschland vermissen müssten.
Caspari: Manchmal vermissen ich die alten Schlösser und Burgen. Oder im Weilburger Schlossgarten spazieren zu gehen. Und kalte, weiße Weihnacht, wo der Schnee unter den Sohlen knirscht.

Warum sind Sie 1974 ausgewandert?

Caspari:
In 1972 sahen wir im Fernsehen eine Dokumentation über Australien. Dort hieß es, dass die australische Regierung für bestimmte Berufe unterstützte Überfahrt gewährte. Die Überfahrt für meine Frau, meinen damals fünf Jahre alten Sohn und mich hat uns damals 199,50 D-Mark gekostet. Allerdings mussten wir einen Zuschlag für die Fracht bezahlen, da wir mit unserem Hausstand etwa eine Tonne über dem erlaubten Gewicht lagen. Die einzige Bedingung für diese billige Reise war, dass man zwei Jahre in Australien bleiben musste. Wer früher zurückging, musste die vollen Kosten an den Staat zurückzahlen. Wir wohnten damals zur Miete und waren nicht ortsgebunden. Es war Abenteuerlust. Langweile. Wir konnten nur gewinnen. Im schlimmsten Fall wären wir nach zwei Jahren zurückgekehrt.

Trotzdem erscheint es mutig mit Kind so viel auf sich zu nehmen.

Dieter Caspari mit dem zahmen Vogel Codie. (Fotos: privat)
Dieter Caspari mit dem zahmen ... | Foto: mittelhessen.de
Caspari: Es gab auch andere Gründe. Die damalige deutsche Mentalität wie der Wettbewerb unter Nachbarn, die Klassenunterschiede und Grenzen im Volk. Die polierten Wohnzimmer, die nur für besondere Tage genutzt wurden. Alles erschien mir etwas eng und verklemmt. Die politische Unsicherheit in Europa, der eiserne Vorhang, der kalte Krieg, der israelische Konflikt und die damit verbundene Ölkrise. Da versprach das weit entfernt liegende Australien mit seinen riesigen Bodenschätzen und einem stabilen politischen System eine sichere Zukunft für mich und meine Familie.

Was ist in Australien anders als in Deutschland - zum Beispiel in der Nachbarschaft?
Caspari:
Einem typischen Deutschen - wie er mir damals erschien - wird es schwer fallen sich in Australien einzuleben. Keine Ahnung, wie die neuen Deutschen denken. Man kann tiefer atmen in Australien. Und das hat nichts mit der Luftqualität zu tun. Die australische Lebensschablone ist großzügiger. In einer typischen Siedlung findet man gepflegte Häuser mit hübschen Gärten und daneben ein vernachlässigtes Haus mit einem riesigen Motorboot und Wohnwagen davor. Deshalb sind das aber keine Asozialen. Die australischen Nachbarn stecken ihre Nase nicht in deinen Kochtopf.

Wie wohnen Sie in Australien?
Caspari: Silverdale liegt in den Blauen Bergen (Blue Mountains). Bauplätze sind mindestens 1000 Quadratmeter, oft größer als 4000 Quadratmeter groß. Es gibt Farmen, 3300 Einwohner. An einem klaren Tag kann man Sydney von hier aus sehen. Es ist ruhig, wenig Verkehr, kaum Industrie.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?
Caspari:
Jeder hat seinen Freundeskreis und man trifft sich regelmäßig entweder für ein "BBQ" (Grillfest, Anm. d. Red.) zu Hause oder im Klub für ein Abendessen. Dann und wann werfen wir 20 australische Dollar (umgerechnet 15 Euro, Anm. d. Red.) in die Pokermaschinen und danach gucken wir uns eine Show aus Musik und Kabarett an oder gehen mit Freunden zum Tanz. Ein großer Teil meiner Freizeit wird von meiner Orgelsammlung beansprucht. Meine Frau hat dafür - Gottseidank - Verständnis. Ich liebe Musik und daran ist mein lieber, verstorbener Bruder Klaus schuld. Er hat für ein halbes Jahrhundert in Hessen und darüber hinaus mit seiner Kapelle zum Tanz aufgespielt. Und sein Sohn, Jürgen Caspari, führt die Tradition weiter mit der Band "die Weiltaler" aus Weilmünster.

Sie sind Rentner - wie sieht es mit dem Sozialsystem aus?

Dieter Caspari (rechts) nimmt während eines Urlaubs 1987 Abschied von Bruder Klaus ( ).
Dieter Caspari (rechts) nimmt ... | Foto: mittelhessen.de
Caspari: Die australische Regierung bezahlt mir 110 Dollar pro Woche, also 83 Euro. Davon kann wohl keiner leben. Ich bekomme keine volle Grundrente, weil meine Frau noch arbeitet. Wir haben ein zweites Haus, das vermietet ist. Das alles reduziert meinen Rentenanspruch. Selbst die volle Rente würde mir nur ungefähr 350 Dollar (zirka 260 Euro) pro Woche bringen. Wenn meine Frau 65 Jahre alt wird gibt es knapp das Doppelte. Also: Es gibt eine Grundrente für die kein Beitrag bezahlt wird. Das wird mit der Lohn- und Einkommensteuer finanziert. Es gelten bestimmte Einkommen- und Besitzregeln. Darüber hinaus hat man die gesetzliche "Superannuation", bei der Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine bestimmte Summe vom Lohn in ein steuerfreies Investment-Portfolio bezahlen das dann im Rentenalter freigegeben wird. Bis jetzt habe ich meine "Superannuation" noch nicht angefasst. Für Arbeitslose bestehen ähnliche Zahlungen. Aber wir haben kaum Arbeitslose.

Und die Krankenversicherung?
Caspari: Medicare ist unsere gesetzliche Krankenversicherung. Wer Einkommensteuer bezahlt, muss einen bestimmten Prozentsatz vom Einkommen an diese Staatsversicherung bezahlen. Für Rentner, Arbeitslose und Leute mit geringen Löhnen ist die Versicherung frei und Rezeptkosten sind meist auf maximal 6,50 Dollar (unter fünf Euro) begrenzt. Wer sich im Krankenhaus seinen Arzt aussuchen will und ein Einzelzimmer beansprucht, muss sich privat versichern.

Haben Sie noch Kontakt nach Deutschland?
Caspari: Wie sich die Zeiten ändern! In den 70er Jahren hat man sich Briefe geschrieben oder zu besonderen Anlässen wurde auch mal für wenige Minuten übers Telefon gesprochen. Das war sündhaft teuer. Heute kann ich stundenlang für ein paar Cents per Video chatten. Ich habe noch Kontakt mit meiner Verwandtschaft und Freunden. Aber leider wird der Kreis durch Krankheit und Alter immer kleiner. Durch die Internetplattform "Wer-kennt-wen", wir nennen es das deutsche Facebook, habe ich viele Bekannte wiedergefunden.

Sprechen Sie noch viel deutsch?
Caspari:
Als wir ankamen sprachen wir kaum Englisch und mussten uns sehr anstrengen und haben einen schrecklichen Kauderwelsch von uns gegeben. Aber die Australier sind das gewohnt und hilfsbereit. Für die ersten sechs Monate wohnten wir in einer staatlichen Einwanderer-Siedlung. Abends konnte man dort Englisch lernen. Wir hatten die Sprache erstaunlich schnell im Griff und haben dann auch zu Hause Englisch geredet. Mein Sohn kann noch etwas Deutsch. Meine in Australien geborene Tochter spricht mehr schlecht als recht. Ich habe meine Kinder nie gezwungen deutsch zu reden. Und meine deutsche Frau Irmtraud verstarb 1994 an Leukämie. Ich habe 2001 meine jetzige Frau Connie geheiratet. Sie stammt von den Philippinen und ihr australischer Mann war ebenfalls an Krebs gestorben.

Dieter und Irmtraud Caspari 1974 während der Überfahrt.
Dieter und Irmtraud Caspari ... | Foto: mittelhessen.de
Gibt es in Silverdale Klubs oder Kulturvereine, die deutsche Traditionen pflegen?
Caspari:
Einmal im Monat gehen wir zum Tanz zur "Ooompa Kapelle" in den Deutschen Hubertus-Klub. Das ist zehn Minuten von hier. Außerdem findet man in und um Sydney weitere deutsche Klubs und Gaststätten. Doch es fehlt "der Nachwuchs". Für Deutsche gibt es heute keinen wirtschaftlichen Grund auszuwandern. Meine Generation war wohl die letzte und die Nachkommen interessieren sich nur vielleicht für die Wurzeln der Eltern.

Wann waren Sie zuletzt in Deutschland?
Caspari: Connie und ich haben 1998 eine dreimonatige Europareise unternommen und meine alte Heimat besucht. Es war herrlich, mal wieder Verwandte und Bekannte zu sehen. Der Abschied war schwer. Es war ein unvergessliches Erlebnis.

Wie sehen Sie ihre zweite Heimat wirtschaftlich, heute und in der Zukunft?

| Foto: mittelhessen.de
Caspari:
Ehrlich, wem es hier nicht gut geht, hat selber Schuld. Das Sicherheitsnetz des sozialen Systems erlaubt dem größten Faulenzer eine gemütliche Existenz. Leider. Globale Finanzkrise? Gab es hier nicht. Unsere Banken sind so reguliert, dass diese Art der Kriminalität kein Platz hat. Ich bin 66 Jahre alt und ich hoffe, dass die Chinesen und Inder weiter unsere Bodenschätze kaufen, bis ich das Zeitliche segne. Denn sobald die nichts mehr von uns kaufen, wird Australien leiden. Unsere Industrie ist faul geworden und wird den jetzigen Standard nicht halten können.

Was Sie schon immer über Australien sagen wollten ist, ...
Caspari:
Niemals habe ich es bereut, nach Australien auszuwandern. Ich habe wirklich keine Träne vergossen. Ein Urlaub auf den Fiji-Inseln oder in Neuseeland ist ein Katzensprung. Und eigentlich nicht nötig. Denn von Silverdale bin ich in einer Stunde an den schönsten Stränden der Welt. Ich kann aber auch am selben Tag Schlittenfahren in den "Snowy Mountains" und dann am Nachmittag an der Südküste im Meer schwimmen. Es ist absolut kein perfektes Land. Es hat seine Fehler. Aber ich würde es für nichts eintauschen.



Zur Person


  • Name: Dieter Caspari

  • Alter: 66

  • Wohnort: Silverdale, Australien (70 Kilometer westlich von Sydney)

  • Familienstand: verheiratet mit Connie; Sohn Peter (42) Tochter Michelle (35) aus erster Ehe mit Irmtraud.

  • Beruf: Schreiner/Holzbetriebstechniker im Ruhestand

  • ehemaliger Wohnort ind Deutschland: bis 1968 Hirschhausen, bis 1974 in Lieblos.

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Copyright © mittelhessen.de 2011
Dokument erstellt am 25.11.2011 um 08:19:34 Uhr
Letzte Änderung am 18.07.2012 um 12:53:52 Uhr
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