Und das Kirchenvolk hat seinem Unmut am Montagabend im Dillenburger Pfarrsaal Luft verschafft. Wenn die Christen von der katholischen Kirche sprechen, fallen auch Worte wie "Meinungsdiktatur", "Feudalismus", "hierarchischer Block", "Unglaubwürdigkeit" und eine vage Andeutung über "das, was in Limburg abgeht" - dort, wo Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst seinen Amtssitz hat. Er ist der Oberhirte der 677 000 Katholiken im Bistum Limburg, das sich von Frankfurt und Wiesbaden über Limburg-Weilburg und den Westerwald bis nach Haiger im Norden erstreckt. Im gesamten Lahn-Dill-Kreis leben rund 39 000 Katholiken.
Massive Kritik an den jetzigen Zuständen in der katholischen Kirche äußert Gerhard Zerfas, 70 Jahre alt, ehemaliger Pfarrer in Dillenburg und ehemaliger Dekan des katholischen Kirchenbezirks Lahn-Dill-Eder. Er sagt: "Im Laufe der Jahrhunderte haben wir in unserer Kirche eine ausgeprägte Herrschaftsstruktur entwickelt. Das fromme Kirchenvolk hat zu gehorchen und den Geldbeutel zu zücken." Zerfas spricht von "Feudalstrukturen" und sagt: "Die in der Kirchenleitung sitzen sind auf dem Stand von Thomas von Aquin stehen geblieben." Die katholische Kirche habe sich zwar angepasst - aber immer ein paar Jahrhunderte zu spät. Er fordert eine Demokratisierung der Kirche, eine Kontrolle von unten ("wieso soll der Heilige Geist immer nur von oben nach unten wirken?").
"Beten allein hilft nicht. Sonst geht die Kirche den Bach runter"
Deutlich wird auch eine weitere Gesprächsteilnehmerin. Die Pracht und der Feudalismus passten nicht zu einer "armen und dienenden Kirche". Sie deutet an: "Was in Limburg abgeht, das wissen wir." Und das könnten die Menschen nicht mehr nachvollziehen. Das mache die Kirche unglaubwürdig - insbesondere wenn zur selben Zeit an der Basis gespart werde.
Konkreter ist das Nachrichtenmagazin "Spiegel" am Montag geworden. Es berichtet über Prunksucht und Verschwendung in der katholischen Kirche, und es führt den Limburger Bischof Tebartz-van Elst als Beispiel an. Seinen Schäflein an der Basis habe er das Motto "Sparen und Erneuern" verordnet - die Zahl von Gemeinden, Gottesdiensten und Seelsorgern werde zusammengestrichen. Zugleich werde eine neue Bischofsresidenz für viele Millionen Euro geplant. Einheimische hätten gespottet: "Unser Bischof will wohl wieder ein Fürst sein."
Für den Um- und Neubau in der Nähe des Limburger Doms kursierten zunächst die Summen von 6 bis 7 Millionen Euro, dann 3,5 Millionen Euro, und schließlich wurden die Kosten auf maximal 2,5 Millionen Euro gedeckelt. Wohlgemerkt: Diese Summe fließt aus dem Haushalt des Bistums, dessen Zahlen öffentlich sind. Weiteres Geld kann der Bischof selbst aus dem Vermögen des "Bischöflichen Stuhls" zuschießen, diese Summe macht er ebensowenig öffentlich wie dieses Vermögen.
Zum Vergleich: Tebartz-van Elsts Vorgänger Franz Kamphaus lebte bescheiden in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im Priesterseminar, er hatte auf einen Bischofssitz verzichtet.
Weitgehend einig sind sich die Teilnehmer der Dillenburger Diskussion mit den heimischen Vertretern der katholischen Kirche, wenn sie ihre Forderungen formulieren: Eine Erneuerung muss her. Eine Gesprächsteilnehmerin "möchte dafür werben, dass wir uns hier regelmäßig treffen und für die Erneuerung der Kirche beten".
Der Dillenburger Pater Andreas Reichwein sieht eine zu große Lücke zwischen Basis und Kirchenleitung und sagt: "Beten allein hilft nicht. Wir brauchen eine Stärkung der demokratischen Elemente. Sonst geht die Kirche den Bach runter."
Für den Pater steht die katholische Kirche an einer Weg-Kreuzung. Die Glaubwürdigkeitskrise sei so groß, "dass wir zu einer neuen Erkenntnis kommen müssen". Dann redet er unverblümt und rüttelt am Zölibat, einer Grundfeste der katholischen Kirche: "Ich möchte mich klar positionieren: Ich glaube, dass das Priesteramt auch für Frauen und Verheiratete geöffnet werden muss."
Ein Diskussionsteilnehmer kommentiert den Vorstoß so: "Das ist im Kirchenvolk längst ausdiskutiert. Am Zölibat hält kein Mensch mehr fest."
Am Bischofssitz in Limburg ist die Diskussion des Kirchenvolks offenbar vorbeigegangen. Dort heißt es gestern auf Anfrage dieser Zeitung zur Öffnung des Priesteramtes bloß: "Das ist eine schwierige Frage." Die Pressesprecherin werde Auskunft geben. Eine klare Position gibt es nicht. Es gibt auch keine Auskunft.
Allerdings wird das Bistum in den nächsten Jahren ein Problem mit seinen Priestern bekommen: es werden weniger. Und deshalb wolle das Bistum noch mehr Pfarreien zusammenlegen, sagt der Haigerer Pastoralreferent Robert Seither. Der hauptamtliche kirchliche Mitarbeiter erklärt: In zehn Jahren werde es im gesamten Bistum nur noch rund 80 Priester geben, zurzeit sind es etwa 200. Und da der Bischof die Vorgabe gemacht habe, jede Pfarrei solle mit zwei Priestern besetzt sein - damit keiner allein lebe, "wird die Zahl der Pfarreien von jetzt zirka 300 auf 40 eingedampft werden müssen". Die Fusion solle bis 2015 weitgehend abgeschlossen sein.
Robert Seither ist Pastoralreferent im Pastoralen Raum Dillenburg, ein Zusammenschluss der Pfarrei Dillenburg, der Pfarrei Eschenburg-Dietzhölztal sowie der Pfarrei Haiger mit Fellerdilln. Künftig solle daraus eine Pfarrei mit Dienst- und Verwaltungssitz in Dillenburg und Sprechzeiten vor Ort werden. Und mit der Vorgabe des Bischofs sei auch eine weitere Fusion nicht ausgeschlossen. Allerdings gebe es noch keine Informationen, wie und wo diese umgesetzt werden.






Kommentare (0)















