Von Jugendtreff bis Mekka-Fahrt

Religionsgemeinschaften im Gebiet des früheren Dillkreises / Serie, Teil 4

Und nicht jeder, der zum Beten in die Moscheen in Herborn, Haiger, Dillenburg oder Sinn geht, sei Mitglied der Moschee-Gemeinden, sagt Halit Erdemir (30, Foto). Seit zehn Jahren ist er Vorsitzender des Herborner Ausländerbeirats, außerdem arbeitet er im Landesvorstand der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) mit. Erdemir schätzt, dass zum Freitagsgebet allein in die Moschee in der Herborner Walter-Rathenau-Straße wöchentlich rund 300 Muslime kommen. Etwa die Hälfte der Muslime der Region schicke ihre Kinder auch zum Koranunterricht, schätzt Erdemir, nach seiner Meinung mehr als in der Türkei. Das habe vor allem damit zu tun, Identität zu fördern. "Wenn die Kinder 15 oder 16 sind, lässt das stark nach."

Neben dem Koranunterricht bieten die Moscheegemeinden Angebote, die denen vieler christlicher Gemeinden in nichts nachstehen - von Hausaufgabenhilfe über Fußballturnier bis Jugendtreff.

Wer steckt hinter den Moscheen im Dillkreis? In Dillenburg und Herborn gibt es die DITIB, kurz für Diyanet Isleri Türk Islam Birligi, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion. Die halbstaatliche, eng an die türkische Regierung angelehnte und von ihr mitfinanzierte Union hat ihren Sitz in Köln und betreibt nach eigenen Angaben bundesweit 896 Gemeinden mit 130 000 Mitgliedern.

Die Imame, Hodschas genannt, werden von der türkischen Regierung über die DITIB für jeweils vier Jahre in deutschen Moscheegemeinden eingesetzt. In ihrer Eigendarstellung zeigt sich die DITIB weltoffen, sie legt Wert auf Dialog zwischen den Religionen, und auf ihren Internetseiten nennt sie Nummern eines Sorgentelefons für Jugendliche - für alle Probleme von Schulnöten bis zur Zwangsheirat.

In Dillenburg gab es schon Treffen christlicher und muslimischer Geistlicher

Jedes Jahr öffnen die DITIB-Moscheen ihre Türen für Interessierte - auch in Dillenburg. Uwe Seibert, Referent für Ökumene beim evangelischen Dekanat Dillenburg, lobt gegenseitige Besuche, die es in Dillenburg zwischen evangelischer, katholischer und DITIB-Gemeinde auch schon gegeben hat. Aber: Bisher seien Fragen zu religiösen Inhalten vor allem auf Vorstandsebene der Gemeinden geklärt worden. "Ich würde mich freuen, wenn es Begegnungen auch auf Gemeindeebene geben würde", sagt Seibert.

In Haiger und Herborn betreibt auch die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) Moscheen. 373 Moscheen in Deutschland gehören zur IGMG, nach eigenen Angaben hat sie 87 000 Mitglieder. "Wir finanzieren uns über Mitgliedsbeiträge und Spenden", erklärt deren Landesvorstandsmitglied Halit Erdemir.

Im ehemaligen Dillkreis arbeiten die DITIB- und IGMG-Gemeinden eng zusammen. "Monatlich gibt es Treffen der Gemeindevorstände, um gemeinsame Projekte oder aktuelle Themen zu besprechen", erzählt Erdemir.

Bundesweit ist die IGMG mehrmals in die Schlagzeilen geraten, weil Verfassungsschützer sie mit Fundamentalisten in Verbindung bringen. Auch das hessische Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet nach eigenen Angaben die IGMG und teilt zu ihr mit: "Obwohl ihre Ideologie im Widerspruch zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung steht, stellt sich die IGMG als gemäßigt und dialogbereit dar, um als seriöse Ansprechpartnerin im politischen, sozialen und religiösen Raum zu erscheinen. Dabei versucht sie, die deutsche Rechts- und Gesellschaftsordnung im Sinne ihrer religiösen Vorstellungen zu beeinflussen."

IGMG-Funktionär Halit Erdemir sieht dagegen politisches Kalkül als Grund für die Islamisten-Diskussion. Die IGMG sei finanziell stark, der türkische konservative Ministerpräsident Erdogan sei lange ihr Jugendvorsitzender gewesen - das alles seien Gründe dafür, dass politische Gegner die IGMG auch ideologisch kritisierten. Tatsächlich seien die Unterschiede zu den Gemeinden von DITIB in Dillenburg oder des Verbands Islamischer Kulturzentren (VIKZ) in Sinn sehr gering, sagt Erdemir.

Arabische Muslime spielen im Dillkreis im Gegensatz zu größeren deutschen Städten kaum eine Rolle, wie Halit Erdemir sagt Vereinzelt besuchten bosnische oder afrikanische Muslime die Moscheen.

Jedes Jahr gehen auch aus dem altem Dillkreis Muslime auf Pilgerfahrt nach Mekka. Religiöse Verbände organisieren die "Hadsch" oder "Umra" genannten Reisen. Sie dauern zwischen drei und vier Wochen. Wer mitfährt, zahlt in der Regel zwischen 2500 und 3000 Euro. "Wer es finanziell schafft, fährt einmal im Leben mit", sagt Halit Erdemir.

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Dokument erstellt am 17.05.2010 um 18:08:08 Uhr
Letzte Änderung am 17.07.2012 um 15:42:11 Uhr
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