Auf der Beerdigung des 1996 erst 49-jährig verstorbenen Schriftstellers sagte Pfarrer Burkhard Heim, Feldes habe der Region "ein Denkmal gesetzt" und "uns den Spiegel vorgehalten". "Seine Geschichten vom Dorf bezeugen den Wandel in der Welt", sagt der Vorsitzende der Feldes-Gesellschaft, Albrecht Thielmann. Literaturwissenschaftler Anton Thuswaldner schrieb über Feldes: "Indem er vorführt, wie sich Menschen eine Welt des schönen Scheins errichten, sich einer von außen importierten Einheitskultur unterwerfen, macht er deutlich, dass die angestrebten Verbesserungen oder Modernisierungen mit realen Bedürfnissen kaum etwas zu tun haben."
Für die Texte von Feldes gilt - auch in Bezug auf Religionsgemeinschaften -, "dass er nicht anklagt oder verurteilt. Es geht ihm um den Versuch, bestimmte Haltungen und ihre Widersprüche darzustellen", sagt Thielmann: "Feldes ging es vor allem um vielschichtige Darstellung, um den Gläubigen gerecht zu werden." "Lilar" (1980)
"Lilar" war der erste Roman von Roderich Feldes. Titel gebend ist die Farbe lila inklusive des gerollten Dillkreis-R, das ein Schüler im Diktat mit aufschreibt. Ein junger Mann, Alexander Durow, kehrt aus der Großstadt in sein Heimatdorf zurück. Es heißt Birkenroth und ist in diesem Buch stark inspiriert von Offdilln. Die Religionsgemeinschaften beschreibt der Autor als ein "Gesellschaftssystem mit streng geregelten Verbindungen untereinander".
Es wäre undenkbar, schreibt Feldes, dass sich ein Gasthäusler mit einem Mädchen trifft, das nur ins Vereinshaus geht. Verschiedene Gemeinden und Lebensformen sind hier geschlossene Systeme.
Einige gehen nur in die Kirche. Viele gehen nur ins Vereinshaus. Einige gehen nur ins Gasthaus. Wenige sind katholisch, aber die zählen nicht.
Wer nur in die Kirche geht, ist evangelisch.Wer in die Kirche geht und ins Vereinshaus, ist evangelisch landeskirchlich orientiert. Wer nur ins Vereinshaus geht, gehört einer freien Gemeinde an. Wer nur ins Gasthaus geht, ist evangelisch und hat seine eigenen Ansichten über Gott.
Wer katholisch ist, ist erstens Flüchtling und darf sich zweitens nicht beschweren, dass sich alle vierzehn Tage die Kirchgänger über den Weihrauchgestank beschweren, aber das zählt weiter nicht.
Während die Kirche nur alle vierzehn Tage frühmorgens katholisch ist, ist das Vereinshaus zweimal in der Woche landeskirchlich, zweimal christlich, zweimal freievangelisch und einmal methodistisch.
"Das Verschwinden der Harmonie" (1981)
In "Das Verschwinden der Harmonie" zeigt Roderich Feldes an einem Ereignis und seinen Folgen den Zerfall der Dorfgemeinschaft auf: Beim Fest des Männergesangvereins "Harmonie" kommt die Kasse abhanden. Unschuldsbeteuerungen. Verdächtigungen. Misstrauen sind die Folge. Das Dorf ist in dieser Geschichte ein sensibles soziales Konstrukt. Die Kasse verschwindet in einer Zeit, in der Vereinsgemeinschaften auseinander brechen.
Figuren des Romans konstatieren, dass sich verbindliche Werte des alten Dorfs auflösen. Mitten in diesen Niedergang der Dorfkultur stellt der Autor Manfred Weber, den Laienprediger einer Brüdergemeinde. Er begründet anders:
"Nein, es wundert mich nicht. Die Zeit geht zur Neige und tut es natürlich auch in Birkenroth. () Kann ich mich daher wundern, wo wir schon tief in der Zeit des Chaos sind, dass hier ein Vereinsmitglied in der Nacht die Trunkenheit seiner Kameraden nutzt? Wir stürzen alle auf das Ende aller Tage zu, und wir Christen spüren es."
Feldes-Figuren sind Sinnsucher, die sich um eine eigene Haltung bemühen
Feldes weist hier auf eine Art Fatalismus hin, den er bei manchen Gruppen beobachtet hat. Wenn die Welt ohnehin untergeht, so die Haltung von Weber, braucht man sich den gesellschaftlichen Entwicklungen auch nicht in den Weg zu stellen. Alles scheint zu einem größeren Plan zu gehören.
"Der Wal oder Mama, hörst du mich noch?" (1991)
Im "Wal", für Thielmann Feldes Hauptwerk, wird mit der Jona-Erzählung ein biblisches Motiv aufgegriffen. Wie bei Jona ist es die Geschichte einer Selbstfindung. Der Protagonist Alexander Kamp ist ein Jona der Neuzeit, der bei Feldes durch die technisch-rationale Zivilisation irrt. Ein junger Mann, der die Welt, so wie sie geworden ist, "nur mit stumpfen Sinnen" erträgt. Er findet schließlich aber durch eine tief greifende Erfahrung zu sich selbst.
Die Auseinandersetzung mit Religionsformen und Religionsgemeinschaften kann im "Wal" in drei Abschnitte unterteilt werden. In dem Kapitel "Das Zelt" wird eine bestimmte Form der Zeltmission einer kritischen Betrachtung unterzogen. Feldes beschreibt eine Art Großwerbeveranstaltung. Er erzählt vom Büchertisch und den darauf ausliegenden religiösen Waren. Die kommen direkt aus Amerika und bieten den richtigen Glauben als Massen-Import.
Im weiteren Verlauf der Handlung arbeitet die Romanfigur Alexander Kamp als Bibliothekar einer Brüdergemeinde, die im oberen Dillkreis angesiedelt ist. In den Schilderungen dieser Gemeinde lässt sich Respekt herauslesen, der Feldes den Versammlungschristen entgegenbringt. Er beschreibt ihre konsequente Haltung, erinnert an ihren Widerstand im Dritten Reich, wenn er von Christen der Brüdergemeinde berichtet, die in Konzentrationslager verschleppt wurden. Ältere Gemeindemitglieder erzählen im Roman von heimlichen Treffen während der Hitlerzeit.
Der Dillenburger Historiker Hans-Dieter Göbel bestätigt, dass es in den Versammlungen Widerstand gab und erinnert sich an ein Gestapo-Protokoll, in dem ein Oberschelder Mitglied der Alten Versammlung folgende Aussage gemacht hat: "Ich bin ein prinzipieller Gegner dieses Regimes. Hitler ist der Antichrist."
Feldes zeigt aber auch am Schicksal einer jungen Frau, dass Enge in der religiösen Lebenshaltung krank machen kann. Die sich im "Wal" glaubensstark gebende Tochter aus frommem Hause verfällt im Kapitel "Zungenreden" in eine Art Wahn.
Durch ihre Gefühle für den Protagonisten Kamp brechen unterdrückte Sehnsüchte und sexuelle Phantasien aus ihr heraus. Der kompromisslose Glaube und die Gemeinde-Ordnung, die eine Verbindung mit jemandem wie Kamp kaum erlauben, erscheinen bei ihr als ein Regelwerk wider die menschlichen Bedürfnisse.
Entwirft der Schriftsteller auch so etwas wie eine andere Form des Glaubens, eine Art Gegenmodell? Womöglich ja, denn das Thema Religion hat im "Wal" noch einen dritten Aspekt. Alexander Kamp trifft den pensionierten Lehrer Sonderhoff, einen zurückgezogen lebenden Mann. Der sagt und meint damit auch die Kirche:
Heute bin ich fehl am Platze, gehör nicht zu den Bibelchristen, die jedes Jota wörtlich nehmen und damit der Lächerlichkeit preisgeben. Aber zu den Wetterwendischen gehör ich erst recht nicht. Für mich braucht sich kein Pfarrer die Narrenkappe aufzusetzen. Ich brauch keinen Animateur, keine Friedenstaube im Talar. Jesus wird zum Sonderangebot der Woche. Jeder kann ihn als Entertainer für Familienfeste anmieten. (...) Hinter jeder Bewegung muss er herrennen, muss sich ein lila Tuch umbinden, Ringelreihen in Stadien tanzen und in jeder Menschenkette die Arme ausbreiten. Er ist kurzatmig geworden. Und an allen Ecken stehen Igel und rufen: Ich bin schon allhier. Ich kann da nicht mittun, da ist zuviel Mode und Hektik, und ich brauch Ruhe.
Sonderhoff bemüht sich, eine eigene Haltung zum Glauben zu finden und sich selbst zu erforschen. Damit ist er das, was so viele Feldes-Figuren sind: Sinnsucher, die sich die Frage stellen, wie sie in einer kommerzialisierten und von der Technik beherrschten Welt noch richtig leben können.






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