Über tiefsitzende Probleme in einer fremden Sprache reden, das ist schwierig
In Maryam Zokai hat sie diese Hilfe gefunden. Zokai ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und vor allem: Auch sie ist gebürtige Iranerin, sie spricht dieselbe Sprache wie ihre Patientin: "Wir konnten uns auf Farsi unterhalten, der Sprache unserer gemeinsamen Heimat", erklärt sie.

Das hilft, denn es baut Hemmungen ab: Über tief sitzende Probleme in einer fremden Sprache reden, das ist schwierig. Zokai leitet auch die ethno-psychiatrische Arbeitsgruppe an der Vitos Klinik.
Jeder fünfte Deutsche habe einen Migrationshintergrund, erklärt Zokai. "Also sind auch unter den Patienten der Psychiatrien entsprechend viele Migranten." Und für die brauche es besondere Hilfe.
Das Spektrum ihrer Arbeit umfasst zwei Ansatzpunkte: Hilfe für Migranten, die unabhängig von ihrem transkulturellen Schicksal psychiatrische Unterstützung brauchen. Und für Menschen, die gerade wegen ihrer Migrationserfahrungen erkranken. Das komme oft vor, sagt Zokai. "Sprachprobleme, der Verlust der Heimat, Diskriminierung", zählt sie auf.
Menschen gehen durch mehrere Phasen, wenn sie ihre Heimat verlassen, um in der Fremde ein neues Leben zu beginnen. "Auf die Migration folgt meist eine Zeit der Euphorie, des unbedingten Willens, sich anzupassen", sagt Zokai. Dann folgt meistens eine kritische Phase, die Erinnerung an die Heimat lässt den Neuankömmling in Trauer stürzen. Da braucht es oft professionelle Begleitung.
Aber es gibt noch ganz andere Probleme: "Schon die Konfrontation mit den anderen Wertvorstellungen kann schwer sein", sagt Zokai.
Auch ihre iranische Patientin musste das erleben. Als sie mit 24 Jahren in Deutschland ankam, musste sie erfahren, dass plötzlich ihr Mann Halt brauchte. "Ich musste selbst zurückstecken und ihn unterstützen, als er arbeitslos wurde." Dabei sei in vielen Kulturen der Mann traditionell der starke Part, erklärt die Ärztin.
"Wir müssen aufgreifen, was diese Menschen glauben, und darauf aufbauen"
Familiäre Probleme tun sich auf, wenn sich die Rollenverhältnisse in der neuen Heimat umkehren. Auch bei den Menschen, die nicht an ihren Migrationserlebnissen erkranken, braucht es eine besondere Sensibilität. Zokai hat ein Beispiel parat: Zum Beispiel in vielen afrikanischen Ländern sei Geisterglaube weit verbreitet. Die Diagnose "Schizophrenie" wäre aber ganz falsch, sagt die Ärztin: "Menschen aus anderen Kulturen haben eben oft ein anderes Krankheitsverständnis und einen anderen Krankheitsausdruck."
"Wir müssen aufgreifen, was diese Menschen glauben, und darauf aufbauen." Wer an Geister glaube, suche eigentlich einen Heiler, keinen Arzt. Nun ist Zokai zwar Medizinerin und keine Heilerin. Aber "kultursensibel" an die psychiatrische Arbeit herangehen, dass heißt für sie, die Vorstellungen der Migranten anzuerkennen. "So fühlt man sich aufgehoben und öffnet sich für die Behandlung", weiß Zokai.
Ganz wichtig ist die muttersprachliche Therapie. Das verbessere die Zusammenarbeit, weil man "rasch eine vertrauensvolle Beziehung aufnehmen kann", erklärt die Ärztin. In der Vitos-Ambulanz arbeiten Mediziner, die Farsi, Russisch und Griechisch sprechen. "Für die anderen Sprachen holen wir uns Mediatoren ins Haus, die uns übersetzen", erklärt Zokai. Damit Brücken geschlagen werden, wo die Sprache trennt. Und die Mediziner die richtigen Fragen stellen können. "Erst, wenn wir gelernt haben, die Fragen anders zu stellen," sagt die Psychiaterin, "verändern sich auch unsere Antworten."







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