Winzling mit Kämpferherz

Vogel des Monats Dezember 2010 / Das Rotkehlchen

Und die Engländer haben den kleinen Vogel auch gleich in eine Christuslegende übernommen. Sie berichtet, ein kleiner brauner Vogel habe den sterbenden Jesus am Kreuz gesehen, dessen Anblick mit der Dornenkrone habe ihn so gedauert, dass er herbeiflog und ihm etwas vorsang. Dabei habe ein Blutstropfen seine Brust benetzt und sie rot gefärbt.

Doch zurück zur Ornithologen-Sicht: "Genau genommen hat das Rotkehlchen gar keine rote Kehle, sondern eher eine braunorange gefärbte Kehle und vordere Brust" schaut Kraft genau hin und berichtet, dass seit Untersuchungen der genetischen Verwandtschaft von Vögeln möglich sind, eine Neuordnung stattgefunden hat: "Das Rotkehlchen (Erithacus rubecula) wird jetzt zur die Familie der Schnäpperverwandten (Muscicapidae) gezählt, in der auch Grau- und Trauerschnäpper, Nachtigall, Blau-, Braun- und Schwarzkehlchen zu finden sind."

Rotkehlchen muten mit ihren großen dunklen Augen sehr friedfertig an, aber das sind sie ganz und gar nicht! Kraft: "Die orange gefärbte Kehle und Brust sind vor allem bei der Balz und der Verteidigung der Reviere sehr wichtig." Zunächst wird mit Gesang versucht, Rivalen aus dem Revier zu vertreiben. Und hier begegnen wir schon der ersten Besonderheit: Auch die Weibchen besetzen eigene Reviere und sie singen auch. Nicht ganz so kräftig wie die Männchen, aber immerhin.

Forscher haben sich viel mit dem Rotkehlchen beschäftigt. Und fanden heraus, dass die ihren "Grundbesitz" so energisch verteidigenden Vögel sehr genau unterscheiden, ob sie die Stimme des "Nachbarn" hören, oder ob ein Fremdling versucht, sich in dem besetzten Territorium breitzumachen. Der wird mit bis zu 100 Dezibel lautem Gesang "niedergebrüllt". Hilft das nicht, dann sieht das kleine Vögelchen im wahrsten Sinne des Wortes "Rot". Kraft: "Kommt ein Nachbar zu nahe, dann wird die rote Kehle präsentiert, noch heftiger gesungen und schließlich gekämpft, manchmal so heftig, dass die Federn fliegen."

In Untersuchungen dieses Revierverhaltens stellte sich heraus, dass Rotkehlchen so heftig auf die Farbe "Orangerot" reagieren, dass sie sogar Lappen dieser Farbe angriffen. Dies mag auch ein Grund sein, warum der Nachwuchs deutlich anders als Papa und Mama gefärbt ist. Den Rotkehlchenkindern fehlt das namengebende Merkmal, und sie sind so vor Attacken der eigenen Eltern geschützt. Weiterer Vorteil ihrer bräunlich gefleckten Färbung: Sie ist eine gute Tarnung, wenn die Kleinen nach dem Verlassen des bodennahen Nestes im Unterholz auf Fütterung durch die Altvögel warten.

Apropos Futter: Das Rotkehlchen liebt Insekten aller Art und Würmchen, es sucht sein Futter am liebsten am Boden. Sensationelle Fotos von Tierfotografen haben belegt, dass es Rotkehlchen gibt, die sich aufs Fischefangen spezialisiert haben - doch das ist sicher die Ausnahme. Folgten die cleveren Vögel früher den Boden umbrechenden Wildschweinrotten im Wald, so haben sie heute vielfach den Menschen als Ersatz "Großtier" erkoren. "Vor dem Menschen haben Rotkehlchen überhaupt keine Scheu, manchmal sitzen sie sogar auf dem Spaten, wenn wir bei der Gartenarbeit sind - immer auf der Suche nach kleinen Würmern und Insekten", beobachtet auch Kraft.

Im Herbst steigt das Kehlchen auf Beeren um, und es taucht im Winter regelmäßig an Futterstellen auf. "Wobei es meistens am Boden Haferflocken, getrocknete Beeren und ausgelegtes Weichfutter verzehrt.

Dabei lassen sich Rotkehlchen manchmal selbst von den größeren Amseln nicht vertreiben" so Kraft, der eine weitere Besonderheit ergänzt: "Rotkehlchen produzieren regelmäßig kleine Gewölle, das heißt, dass unverdauliche Nahrungsreste in Form eines kleinen Ballens hochgewürgt werden, vergleichbar mit den Würgern, Eulen und Greifvögeln."

Rotkehlchen spielten eine wichtige Rolle in der Forschung

Der Gesang des Rotkehlchens wird als "perlend" und "melancholisch" beschrieben. Er ist auch in den Wintermonaten zu hören. Es gibt nahezu keine Tageszeit, zu der Rotkehlchen "den Schnabel halten": Manch einer mag sie schon mitten in der Nacht in einer erleuchteten Innenstadt singen gehört haben. In der Regel beginnen die "Rotbrüstchen", wie sie im Hinterland auch genannt werden, schon eine Stunde vor Sonnenaufgang und sind auch noch nach deren Untergang zu hören. Ihre großen Augen fangen immer noch genug Licht für die Dämmerunsaktivitäten ein und an künstlichen Lichtquellen wie Straßenlampen kann man auch des nachts noch prima auf Insektenfang gehen.

Eine besondere Rolle hat das Rotkehlchen bei der Erforschung des Zugverhaltens gespielt. Der Frankfurter Biologie-Professor Wolfgang Wiltschko und sein Team entdeckten, dass Vögel - hier eben das Rotkehlchen - sich am Magnetfeld der Erde orientieren, quasi über einen "eingebauten Magnetkompass" verfügen.


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