"Alle acht Minuten wird ein Kind missbraucht"

Kieler Sexualmediziner: Nur ein Viertel der Übergriffe geschieht durch Fremde

Hartmut Bosinski: Wenn man bedenkt, das acht bis zehn Prozent aller Mädchen und drei Prozent aller Jungen im Kindesalter sexuell missbraucht werden, überrascht mich die Zahl keineswegs. Dunkelfeldstudien zufolge werden pro Jahr 70 000 Kinder Opfer sexueller Übergriffe. Das bedeutet, etwa alle acht Minuten wird irgendwo in Deutschland ein Kind missbraucht. Lediglich ein Viertel der Übergriffe erfolgt durch Fremde. In den meisten Fällen kommt der Täter aus der Familie oder aus dem Bekanntenkreis.

Wie kann es - etwa im Fall der Odenwaldschule - so lange dauern, bis die Übergriffe bekanntwerden?

Bosinski: Das Kartell des Schweigens innerhalb der Familie kennen wir - das Kind kann sich dem Einfluss des Täters nicht entziehen, da er ja gerade die Nähe und Vertrautheit ausnutzt. Auch Internate oder kirchliche Einrichtungen sind in gewisser Weise geschlossene Systeme. Wenn dort etwas passiert, ist die Chance zunächst geringer, dass es zur Anzeige kommt. Doch wenn dann jemand anfängt zu sprechen, ist es, als ob eine Eiterbeule geöffnet wird.

Sind all diese Täter pädophil?

Bosinski: In Familienkonstellationen sind die Täter eher nicht pädophil motiviert. Aber sie nutzen ihre Machtposition, um sich an den ihnen ausgelieferten Kindern zu vergehen. Dagegen sind exklusiv Pädophile sexuell ausschließlich auf vorpubertäre Kinder ausgerichtet. Wir wissen, dass solche Männer häufig Tätigkeiten wählen, die sie mit Kindern in Kontakt bringen. Sei es als Erzieher, als Jugendbetreuer oder in einem Sportverein.

Wie viele Pädophile leben in Deutschland?

Bosinski: Zuverlässige Zahlen gibt es nicht. Dunkelfeldstudien zufolge sind knapp ein Prozent der erwachsenen Männer zumindest pädophil ansprechbar und haben diese Neigung zum Teil schon ausagiert. Zudem gilt: Pädophile gibt es in allen sozialen Schichten. Das reicht vom Hilfsarbeiter bis zum Politiker. Bei Frauen ist Pädophilie übrigens so gut wie unbekannt.

Die Störung macht sich meist schon in der Pubertät bemerkbar. Ist die Pädophilie überhaupt heilbar?

Bosinski: Nein, niemand sucht sich seine sexuelle Präferenz aus, sie ist fester Bestandteil der Persönlichkeit und als solche nicht zu ändern. In der Therapie können diese Männer aber lernen, mit ihrer Neigung umzugehen, damit daraus keine Taten werden. Zu Taten zählen wir natürlich auch die Nutzung von Kinderpornografie - denn hinter jedem Kinderporno steckt ein Missbrauch. Letztendlich müssen sich exklusive Pädophile mit einem asexuellen Leben abfinden. Mit Hilfe von Medikamenten kann ihr Sexualtrieb aber ausgeschaltet werden.
(dpa)


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