Analyse: Selbstbestimmt und typisch Koch

So hat er es bei dem aus Oppositionssicht "brutalstmöglichen" Sparpaket der Landesgeschichte gehalten und bei der bundesweit einmaligen Privatisierung einer Uni- Klinik. Mit dem überraschenden Rückzug zur Jahresmitte beendet er auch Spekulationen, was denn dieses politische Schwergewicht noch werden wolle. EU-Kommissar? Bundesfinanzminister? Koch geht in die Wirtschaft - ein logischer Schritt, denn schon als Regierungschef wirkte er wie der Vorstandschef der Hessen AG.

Eins hat sich - bislang jedenfalls - jedoch nicht bewahrheitet: der Spruch schon über den ganz jungen Koch "Der studiert auf Bundeskanzler". Koch konnte sich nie als ernsthafte Alternative zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) positionieren. Nach elf Jahren an der Regierungsspitze in Hessen und zwölf Jahren als CDU-Landeschef macht Koch etwas wahr, was er schon 2002 andeutete: "Ich habe den Hessen nie angedroht, mein ganzes Leben lang Ministerpräsident sein zu wollen." Der Abschied ist typisch für den brillanten Analytiker: In Hessen gibt es eine solide bürgerliche Mehrheit aus CDU und FDP, sein Nachfolger hat genug Zeit, sich zu profilieren, und Koch ist mit 52 Jahren noch jung genug für eine neue Karriere.

Die politische Karriere begann früh und war von Höhepunkten, aber auch Affären gekennzeichnet. Zweimal stand er knapp vor dem Aus. Als im Jahr 2000 die schwarzen Auslandskassen der Hessen-CDU aufflogen, sagte Koch bei einem Detail die Unwahrheit. Eine Beteiligung an der Schwarzgeld-Affäre wurde ihm nie nachgewiesen, obwohl viele Gegner es versuchten. Koch hielt sich letztendlich im Amt, weil die FDP zu ihm hielt. Die SPD-Reizfigur Andrea Ypsilanti brachte Kochs CDU mit einem couragierten Wahlkampf Anfang 2008 um die Mehrheit im Landtag. Koch musste zeitweise geschäftsführend und gegen eine Mehrheit von SPD, Grünen und Linken im Landtag regieren - bis Ypsilantis Griff zur Macht an Abweichlern aus den eigenen Reihen scheiterte. Koch hatte schon begonnen, sein Amtszimmer in der Staatskanzlei auszuräumen.

Der Jurist aus Eschborn vor den Toren Frankfurts hat sich nie gescheut, heiße Eisen anzufassen. Er ist der festen Überzeugung, Wähler könnten auch von umbequemen Wahrheiten überzeugt werden. Dementsprechend übernahm er es zusammen mit dem Sozialdemokraten Peer Steinbrück, eine Streichlisten von Subventionen aufzustellen. Zuletzt ärgerte er selbst seine Parteifreunde mit dem Argument, in Zeiten der öffentlichen Finanznot müsse auch bei der Bildung gespart werden. Er habe sich bemüht, das Problem deutlich zu machen, und dabei vielleicht auch ein Stück provoziert, räumte er ein.

Rücksichtnahme auf herrschende Meinungen sind Kochs Sache jedenfalls nicht. Mit seinen oft provokanten Aussagen hat er viele Klischees bedient. Spalter, Rechtsaußen, knallharter Machtpolitiker. Dass er einer der begabtesten Politiker in Deutschland ist, darin sind sich Freund und Feind dennoch einig. Koch sog Politik schon im Elternhaus ein, sein Vater Karl-Heinz brachte es bis zum hessischen Justizminister.

Seinen ersten Wahlsieg als CDU-Landesvorsitzende fuhr er 1999 ein, weil er seiner Kampagne ausländerfeindliche Untertöne gegeben hatte. Im Wahlkampf 2007/2008 zog er gegen kriminelle junge Ausländer vom Leder, erntete Empörung und konnte nicht punkten. Bei der Neuwahl Anfang 2009 blieb Koch mit Hilfe einer starken FDP an der Macht.

Im persönlichen Gespräch lässt sich ein anderer Roland Koch erleben. Der mit seiner Jugendliebe Anke verheiratete Vater zweier Söhne ist dann charmant, witzig und uneitel, wenngleich ohne jeden Anflug auf Kumpelhaftigkeit.

Lebenslauf: http://dpaq.de/kochs_vita


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