
Es ist ein Samstag Anfang August 2011. Regenwetter über dem Westerwald. Die Eheleute Pulz wollen schon vormittags einkaufen, doch weil es stark schüttet, warten sie bis Nachmittag. Fahren dann die drei Kilometer von Waldernbach nach Fussingen. Während Burkhard Pulz einen Wagen sucht, geht Anneliese vor. In der Hand einen Korb mit fünf Flaschen.

Hinter der ersten Automatiktür will sie den Pfandautomaten ansteuern, doch so weit kommt sie nicht. "Ich habe einen Schritt nach rechts gemacht, von der Bodenmatte runter, und in dem Moment geht mein rechtes Bein im Spagat nach hinten weg", sagt die heute 57-Jährige. Grund: "Es war pitschnass." Ehemann Burkhard liest sie wenig später auf. Da ist bereits ein junger Mann bei ihr, der sich später als Rettungsassistent vorstellt. "Gebrochen ist nichts", wird er Anneliese Pulz sagen. Woraufhin die ihren Mann bittet, sie nach Hause zu fahren. "Ich hatte damals junge Hunde daheim und wollte schnell nach Hause", erzählt sie. "Das war ein Fehler."
Daheim schleppt sie sich die Treppe hoch, dann ruft ihr Mann den Notarzt
An der Kasse hinterlässt sie der Kassiererin noch ihren Namen und die Anschrift. Legt sich dann zu ihrem Mann ins Auto. Sitzen geht nicht mehr, vor lauter Schmerzen. Daheim angekommen, schleppt sich Anneliese Pulz die Treppe zum Haus hoch. Ehemann Burkhard greift zum Telefon und ruft den Notarzt.
Wochen später und nach Arztbesuchen in Weilburg, Gießen, Marburg und Heidelberg steht fest: Bei dem Sturz hat Anneliese Pulz einen Muskelabriss am Sitzbeinhöcker erlitten. Irreparabel sei das, zitiert ihr Ehemann einen Arztbericht. "Durchgerissen hätte man heilen können. Abgerissen nicht. Das bleibt so."
Seither hat sie unzählige Stunden in der Krankengymnastik verbracht. Besserung? Im Gegenteil. Weil sie das rechte Bein schont, macht das linke Probleme. Das Knie wir immer schlimmer. Gegen die Schmerzen im rechten Bein schluckt sie Morphium. Wenn abends im Wohnzimmer der Fernseher läuft, sitzt Burkhard auf dem Sofa und Anneliese liegt im Pflegebett. Mit 57.
Zwei Aktenordner sind voll mit Diagnosen, Schriftverkehr mit Anwälten und Rechnungen. Von Lidl ist auch ein Brief dabei: Der Discounter entschuldigt sich kurz und verweist dann auf seine Versicherung, die im Oktober 2011 alle Verantwortung zurückweist (siehe Kasten).
Nun klagt Familie Pulz auf Schmerzensgeld und Verdienstausfall für die ehemalige Handelsvertreterin, die nach eigenen Worten "nicht mehr als zehn Meter am Stück laufen" kann. Für den 12. November hat das Landgericht Limburg einen Gütetermin anberaumt. Anwalt Tobias Lechner glaubt nicht an eine Einigung. "Lidl sagt jetzt: Es war gar nicht nass."
Die Pressestelle des Discounters äußert sich nicht dazu. Sie verweist auf das laufende Verfahren.







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