Den Wolf einfach in Ruhe lassen

INTERVIEW Expertin Elli Radinger erforscht diese Tiere seit 20 Jahren

Beim Kaffee in der heimischen Küche steht Elli Radinger Rede und Antwort. (Foto: Heiland)

Dieser Wolf ist nicht im mittelhessischen Wald unterwegs, sondern lebt in einem Gehege im Tiergarten Weilburg. (Foto: Archiv)

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Was nicht jeder gut findet, viele haben noch immer "Rotkäppchen" im Kopf. Diese Zeitung hat Wolfsexpertin Elli Radinger aus Wetzlar befragt.

Frau Radinger, der Wolf ist zurück in Hessen. Ist das ein Anlass zur Freude und vor allem: Ist Hessen vorbereitet?

Elli Radinger: Wir dürfen uns schon freuen, wenn es auch nicht jeder tun wird, aber vorbereitet ist Hessen nicht. Hessen hat bisher noch keinen Wolfsmanagementplan. Zum Beispiel: Was passiert, wenn Wölfe Schafe angreifen? Bekommen Schäfer Geld für vorbereitende Schutzmaßnahmen wie Herdenschutzhunde oder Zäune? Wie werden sie entschädigt? Alles offene Fragen. Wir sind in Hessen noch lange nicht auf den Wolf vorbereitet.

An der Stelle die übliche Frage: Muss ich Angst haben, wenn ich im Wald spazieren gehe?

Radinger (lacht): Nein, ich muss keine Angst haben, weil - und jetzt kommt die übliche Antwort - die Wölfe Menschen nicht angreifen.

Auch nicht, wenn ich meinen Hund dabei habe?

Radinger: Wenn ich meinen Hund dabei habe, sollte ich sicher sein, dass er hört und sich abrufen lässt. Wenn ein Hund unkontrolliert allein im Wald rum rennt und jagt, kann es passieren, dass der Wolf ihn als Beute oder als Konkurrenten sieht. Beides geht nicht gut aus.

Wenn ich ihn an der Leine habe, ist die Gefahr gering?

Radinger: Dann besteht überhaupt keine Gefahr, weil der Wolf den Menschen meidet.

Sie bieten Veranstaltungen an, um mehr Verständnis für den Wolf zu erreichen, gehen zum Beispiel in Schulklassen. Wie oft geschieht das im Jahr?

Radinger: Das sind im Monat ein, zwei Auftritte, aber ich halte überwiegend Vorträge bei den "Großen". Ansonsten ist es ja meine Hauptarbeit, durch mein Wolf-Magazin und meine Bücher aufzuklären. Und ich bin ja auch viel in Wolfsgebieten unterwegs.

In Deutschland?

Radinger: Nein, Deutschland ist nicht mein Revier, sondern der Yellowstone-Nationalpark in Montana.

Sie kennen wilde Wölfe gewissermaßen persönlich?

Radinger: Ja - und das bringt mich auf etwas, das ich jetzt loswerden muss ...

Und zwar?

Radinger: Ich ärgere mich furchtbar über diese ganzen so genannten "Wolfsexperten". Wir verlieren hier völlig den Überblick vor lauter Wolfsbetreuern, Wolfsberatern, Wolfsexperten. Da werden an einem Wochenende Menschen zum Wolfsberater geschult und wollen nun beurteilen, ob ein Wolf sich normal verhält, oder aggressiv ist und gefährlich werden könnte. Sie empfehlen dann, ein "verhaltensauffälliges" Tier zu vergrämen und eventuell sogar zu erschießen. Das kann doch nicht wahr sein. Ich verstehe nicht, wie sich solche Leute als "Experten" bezeichnen können.

Als Wolfsexperte muss ich wissen, wie sich ein Wolf verhält. Das lerne ich weder an einem Wochenendkurs noch in einem Gehege. Gehegewölfe verhalten sich anders als wilde Wölfe. Ich beobachte seit 20 Jahren wild lebende Wölfe und kenne ihr Verhalten. Und dann kommt jemand daher, der in seinem ganzen Leben noch keinen wilden Wolf gesehen geschweige denn über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet hat, und ist plötzlich der große "Experte" und schürt im schlimmsten Fall noch Panik.

Wie meinen Sie das?

Radinger: Momentan wird viel von Wölfen in Niedersachsen oder Schleswig Holstein berichtet, die Schafe gerissen, Spaziergängern genähert haben oder durchs Dorf gelaufen sind. Das alles ist ein völlig normales Verhalten für einen Wolf. Es gibt nicht den Wolf per se, sondern jeder Wolf ist eine individuelle Persönlichkeit. Es gibt scheue Wölfe und es gibt dreistere Tiere, die sich auch einmal einem Menschen nähern können oder nachts durch ein Dorf laufen. Gerade Jungwölfen sind sehr neugierig. Das alles muss ich als als Fachmann wissen, wenn ich ein Verhalten beurteilen will.

Ich würde mir wünschen, dass Wolfsberater, gerade bei einer solchen Beurteilung, von echten Experten geschult werden.

Aber nun sind Wölfe keine Schoßtiere. Wann können sie gefährlich werden?

Radinger: In allen Fällen, in denen bisher Wölfe Menschen angegriffen haben, wurden sie zuvor von ihnen gefüttert. Wölfe füttern ist ein absolutes no-go.

Erkennt man denn in der freien Wildbahn, dass man es mit einem Wolf zu tun hat und nicht mit einem Schäferhund?

Radinger: Der Laie kann das oft nicht erkennen. Außerdem gibt es auch sehr wolfsähnliche Hunde wie beispielsweise den Tschechoslowakischen Wolfhund, der sich für den Laien fast nicht vom Wolf unterscheiden lässt. Aber normalerweise sollte grundsätzlich auch kein Hund allein im Wald herumlaufen. Hier werden wir Hundehalter in die Pflicht genommen.  

Was wünschen Sie sich für die Wölfe, nicht nur in Hessen?

Radinger: Ich wünsche mir für die Wölfe, dass die Menschen sie einfach nur in Ruhe lassen, ihnen nicht hinterherlaufen, weil sie sie so toll finden, oder sie verscheuchen wollen, sondern dass sie sie einfach in Ruhe ihr Leben leben lassen.

Kontakt und weitere Informationen findet man auf www.elli-radinger.de und www.wolfsmagzin.de.


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Kommentare (3)
Muss Fr Radinger Recht geben....ich konnte bei all den Vorkommnissen, Grad in Niedersachsen keinerlei Anzeichen von Aggression bei den Jungwölfen feststellen, lediglich Neugier und Vorsicht. Zudem zur Frage mehr
Wolfsbotschafter: ich weigere mich eigentlich durch nen Wochenendkursus, der noch Geld kostet, im Blitzverfahren zum Experten zu werden. Das kann meiner Meinung nach nicht funktionieren.... da braucht es mehr
So mancher hat eben Angst vor seinem eigenen Schatten. Schisser eben...
Das hört sich ja echt toll an - der Wolf als friedlicher Waldbewohner. Leider sieht die Realität doch etwas anders aus.
Ich empfehle jeden mal auf YouTube nach Wolfssichtungen zu suchen- man wird verwundert sein, mehr
wieviele "neugierige Jungtiere" es zum Beispiel in der Lüneburger Heide geben muss...
Bei Treibjagden in Brandenburg überlegen sich Jäger mittlerweile, ob Sie ihre Hunde von der aleine lassen und damit Gefahr laufen, dass dieser an ein Rudel Wölfe gerät.
Ich frage mich ob das in unserer dichtbesiedelten Zivilisation, wie sie Hessen nunmal ist, unbedingt sein muss solvh ein Tier wieder anzusiedeln?!
Denn kein Mensch ist heute mehr bereit auf seine Freizeitaktivitäten, wie Mountenbiken, MotorCross, Reitsport mit dem freilaufenden Hund, Nachts GeoCachen oder NordicWalking zu verzichten...und da kommt es früher oder später zu schmerzlichen Konflikten.
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