Der Tod steht mir gut

Wie Menschen im Krimi erschossen werden: hr zeigt beim Hessentag Spezialeffekte

Und nun stehe ich im hr-Bürozelt hinter dem Parkhotel. Reiner Hildebrand aus der Spezialeffekte-Abteilung legt mir einen weißen Gurt um den Bauch. Daran hängt ein Mikrosprengzünder der Stärke eins. "Stärke vier zerfetzt eine Hand", erfahre ich. Doch auch Nummer eins "darf man nicht unterschätzen", erklärt der Pyrotechniker und montiert eine Metallplatte zwischen die Sprengkapsel und meine Haut. Die Sprengwirkung soll nur nach außen wirken, das T-Shirt zerfetzen und einen Blutbeutel aufreißen, der auf der Kapsel ruht.

Gezündet wird die Sprengkapsel per Funk. In die Hosentasche steckt Hildebrand den Empfänger. Sobald der Schuss mit der Schreckschusspistole fällt, drückt er auf den Sender, der Empfänger gibt Strom auf die Sprengkapsel, mein T-Shirt explodiert, Kunstblut spritzt. Dann werde ich mich winden, dahinsinken, ein endloser Todeskampf beginnt. Das steht nicht im Drehbuch, aber so stelle ich mir eine handfeste Bauchwunde eben vor.

Apropos Bauch: Die Sprengkapsel sitzt auf meiner rechten Seite, etwa auf Höhe des Bauchnabels. "Herz und Kopf vermeiden wir", sagt Hildebrand und verweist auf die Wirkung des Sprengzünders. Wenn ein Regisseur am Kopf oder Herzen Blut wolle, arbeite man meist mit Schläuchen, über die Blut an die gewünschte Stelle gepumpt werde. "Der eine Regisseur will viel Blut, der andere wenig", sagt Hildebrand. Der 2009er-Tatort "Weil sie böse sind" sei ein Beispiel für eine Riesenmenge. Ich bekomme nur wenige Milliliter aus der Literpulle, eingeschweißt im Plastikbeutel. "Das machen wir selbst", sagt Hildebrand. "Mit der Schweißmaschine. Wie der Metzger mit seiner Fleischwurst."

Sieben Spielfilme produziert der Hessische Rundfunk im Jahr. Darunter ein bis zwei "Tatorte". Immer ist die Spezialeffekte-Abteilung mit von der Partie. Die rund 20 Mitarbeiter von Abteilungschef Stefan Dannewitz arbeiten beim hr im Hauptberuf als Schlosser oder Schreiner oder warten in hunderten Metern Höhen Sendeanlagen. Sie kommen immer dann als Team zusammen, wenn für eine Produktion Spezialeffekte gebraucht werden.

Die Sprengladung explodiert mit dem Gefühl, ein Pflaster von der Haut zu ziehen

Dannewitz selbst ist gelernter Metallbauer und hat sich vor neun Jahren zum Pyrotechniker ausbilden lassen. Auch sein Kollege Reiner Hildebrand hat diese Ausbildung. Nun dürfen beide sich "Spezialeffekter" nennen. "Wir dürfen allen Sprengstoff kaufen, den es auf der Welt gibt. Aber wir dürfen keine Gebäude zerlegen und nicht im Steinbruch tätig werden", sagt Dannewitz. "Außer, es ist szenisch bedingt."

Szenisch bedingt ist auch der heutige Einsatz. Vor dem hr-Treff in der Niederkleiner Straße hat das Spezialeffekteteam bereits künstlichen Schnee erzeugt. Außerdem wurde einem braven Eheman von seiner Gattin eine künstliche Glasflasche über dem Schädel zertrümmert. Die Gefährlichkeit einer Schreckschusspistole wurde demonstriert, zwei Stuntmen haben sich geprügelt. Später soll noch ein Auto explodieren. Und ein Stuntman geht in Flammen auf. Da habe ich es mit meiner Bauchwunde, im Fachjargon "Körperschuss", ja noch gut getroffen.

Mord und Totschlag sind nur ein Aufgabenbereich der Abteilung. Die hr-Techniker können auch 200 Meter Straße beregnen und Sonnenschein erzeugen. Sie arbeiten mit künstlichem Wasser und ermöglichen Stunts. Beim hr ist man stolz darauf, alle Spezialeffekte selbst zu machen. "Mittlerweile werden in viele Produktionen bestimmte Effekte eingebaut, weil wir sie können", ist Dannewitz zufrieden.

Der Körperschuss gehört da eher zu den kleinen Fischen. Allein auf dem Hessentag sind in diesem Jahr schon zwei Freiwillige vor mir "erschossen" worden. Auch bei mir ist es gleich soweit. Meinen Platz habe ich eingenommen. Die Zuschauer warten. Schütze Daniel mit seiner Schreckschusspistole wird eingewiesen, ich bekomme den Hinweis, den Arm von der Sprengladung wegzuhalten. Moderator Thomas Ranft zählt von drei runter, Daniel schießt, fast zeitgleich zündet Reiner Hildebrand die Sprengladung. Ich spüre ein Ziepen, wie, wenn ein Pflaster abgerissen wird. Im T-Shirt ist ein Loch, Kunstblut fließt und ich versuche, einen guten Sterbenden abzugeben und sinke zu Boden, um kurz darauf wieder aufzustehen, rumzugehen und dem staunenden Publikum die Sprengvorrichtung und das Loch im T-Shirt zu zeigen. Die Leute staunen, freuen sich, zücken die Kameras. Ein japanischer Tourist knipst mich für sein Fotoalbum. Der Tod steht mir offenbar gut.


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