Der rätselhafte Herr Koch

Von Alois Kösters
Von Alois Kösters

Der rätselhafte Herr Koch. Vielleicht haben Medien und Öffentlichkeit so gereizt auf diesen Politiker reagiert, weil er sich immer wieder einer endgültigen Interpretation entzogen hat. Einerseits der feinfühlige, kluge Redner, der die Übergabe der Wilhelm-Leuschner-Medaille oder des Hessischen Friedenspreises zu einer würdigen Veranstaltung machen konnte. Oder der glänzende Rhetoriker, der jedes Fachpublikum mit Kenntnissen und eigenständigen Gedanken - in freier Rede locker-launig verknüpft - verblüffen kann. Sie haben es dem intelligenten Mann, dem man kein primitives Weltbild zutrauen mag, besonders übel genommen, wenn er in der "Bild"-Zeitung zur Ausländerkriminalität keilte, Schikanen für Hartz-IV-Empfänger forderte oder radikalstmöglich am falschen Ende sparen wollte. Einen Taktiker und Strategen nennen ihn Freunde und Feinde gleichermaßen. Aber den politischen Polterer aus Überzeugung haben auch die Hessen ihm nie abgenommen. Der nicht weniger intelligente Franz-Josef Strauß brachte es in dieser Rolle zu großer Popularität. Koch hat seine Rolle nie gefunden, sich gegen keine Rolle gewehrt und wohl auch nie konsequent an einer Rolle gearbeitet. Vielleicht war er deswegen nie populär. "Gefährlich ehrlich" hat in der vergangenen Woche die als linksliberal geltende " Zeit" einen Artikel über ihn betitelt. Er ist eben noch nicht zu Ende interpretiert. Selbst in seiner eigenen Partei, deren unbestrittenes Zentrum er seit einem Jahrzehnt ist, wirkt er manchmal wie ein freundlicher Fremder. Ein emotionales Vakuum wird er dort nicht hinterlassen. Volker Bouffier ist der Basis näher als der bewunderte Ministerpräsident, der immer ein wenig fremdelt, wenn er Säle betritt.

Selbst gestern haben es ihm einige nicht abgenommen, dass er souverän, aus freien Stücken abdankt. Betrachtet man aber die Chronik seines sich ankündigenden Rücktritts, war es ein Meisterstück. Kein Wort ist aus seiner Umgebung nach außen gedrungen. In allen führenden Medien hat er in den vergangenen Wochen noch einmal das Wort ergriffen und wurde gehört. Und der Zeitpunkt ist genau richtig: Seine Partei braucht mindestens die verbleibende Zeit bis zur nächsten Wahl, um sich neu aufzustellen. Denn eines hat ihr Parteivorsitzender nicht vermocht: rechtzeitig politische Hoffnungsträger zu installieren. Außer Volker Bouffier, der nicht als Zukunftslösung gelten kann, ist aktuell niemand in Sicht, der die Partei führen könnte oder als Ministerpräsident in Frage käme. Koch hat zu lange mit der gleichen Mannschaft gespielt und zu wenig Talentförderung betrieben. Selbst Silke Lautenschläger kehrt der Politik zeitgleich mit ihrem Förderer den Rücken.

Ein Roland Koch wäre aber in drei Jahren nicht mehr als Spitzenkandidat infrage gekommen. Schon weil er seiner Partei Optionen gekostet hätte, auf die sie vielleicht bald angewiesen ist. Denn Schwarz-Rot oder Schwarz-Grün sind auch in Hessen nicht für immer undenkbar.

Im August wird ohne Zweifel ein bedeutender Ministerpräsident auf höchst respektable Weise seinen Dienst beenden. Bedeutend deshalb, weil sein persönlicher Anteil an der Modernisierung des Landes ungewöhnlich hoch ist. Er hat nie Minister an seiner Seite gehabt, die herausragend waren. Er hat eine Verwaltung vorgefunden, die von seinen Vorgängern politisch geformt worden war, aber nicht nach Kriterien der Effizienz. Die handwerklichen Fehler bei Schulreformen, die ihm viele Stimmen gekostet haben, liegen auch darin begründet. Koch hat seine durchschnittliche Mannschaft manchmal überfordert. Es zeugt von einer enormen Arbeitsleistung, dass er nebenbei immer eine herausragende Rolle in der Bundes-CDU spielen konnte. Dort wird nach seinem Abschied eine Unwucht herrschen. Angela Merkel verliert mit Koch einen berechenbaren Sprecher der Unzufriedenen, der stabilisierend wirkte. Schlichtere Politiker wie der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus, der sich zurzeit bewirbt, werden dieser wichtigen Funktion nicht gerecht.

Und Koch wird bald wieder von sich reden machen. Nicht ausgeschlossen, dass aus dem umstrittenen, aber zweifellos bedeutenden hessischen Politiker ein unbestritten bedeutender Mann wird.


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