"Er ist sich treu geblieben"

Heimische Politiker kommentieren Kochs Rücktrittsabsichten

Kochs angekündigter Rücktritt von allen Ämtern sei für ihn überraschend gekommen, obwohl es im Vorfeld viele Spekulationen gegeben habe. "Einer der intelligentesten und besten Politiker Deutschlands verlässt die politische Bühne", bedauerte Gotthardt. "Man hat sicher Verständnis dafür, dass er andere Prioritäten setzt."

Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU) ist als möglicher Nachfolger Kochs im Gespräch. "Bouffier ist einer der Namen, die gehandelt werden", sagte Gotthardt. "Das ist nicht überraschend - er ist ein sehr geeigneter Kandidat mit einem ausgleichenden Wesen." Daher wäre eine Entscheidung für Bouffier "nicht die schlechteste".

Dass Umweltministerin Silke Lautenschläger angekündigt hat, nicht mehr für ihr Amt zur Verfügung zu stehen, bedauere er sehr, erklärte der 39-Jährige. "Aufgrund unseres Alters und unseres politischen Werdegangs haben wir viel miteinander zu tun", meinte Frank Gotthardt. "Ich hoffe, dass sie sich nicht aus der Politik zurückzieht." Lautenschläger sei von Roland Koch ins Kabinett geholt worden: "Sie ist seine Entdeckung."

Politik müsse sich nach vorne richten, befand Landrat Robert Fischbach (CDU). Zwar bedauere er Lautenschlägers Ankündigung, weil sie als Ministerin eine wichtige Rolle in Hessen spiele. "Aber Wechsel gehören eben zur Politik und setzen manchmal auch Veränderungen frei", sagte Fischbach. Kochs angekündigter Schritt habe ihn wie viele überrascht: "Er hat sich um dieses Land sehr verdient gemacht", lobte der Landrat.

Seine Entscheidung sei jedoch zu akzeptieren. "Roland Koch ist ein absoluter Fachmann für Wirtschaftsfragen", meinte Fischbach. "Er hat elfeinhalb Jahre für dieses Land gewirkt, und es wird sicher viele geben, die sich um ihn reißen werden." Man werde vom scheidenden Ministerpräsidenten noch viel hören, kündigte der Landrat an.

Auch Stadtallendorfs Bürgermeister Manfred Vollmer (CDU) war eigenen Angaben zufolge überrascht über die Entscheidung des Ministerpräsidenten. Und auch er stellt klar, dass diese zu akzeptieren sei. "Ich bedauere es, dass Roland Koch sich offenbar aus der Politik zurückziehen will", sagte Vollmer.

"Deutschland verliert einen seiner fähigsten politischen Köpfe", bedauerte das Stadtallendorfer Stadtoberhaupt.

Ob Kochs Entscheidung Auswirkungen auf die Eröffnung des 50. Hessentags in Stadtallendorf haben wird, die am Freitag, 28. Mai, um 16 Uhr ansteht, konnte Vollmer nicht sagen. Er gehe jedoch nicht davon aus, da der Ministerpräsident bekannt gegeben habe, in den kommenden Wochen wie gewohnt weiterzuregieren. Als einen Verlust für die Bundesrepublik bezeichnete Biedenkopfs Bürgermeister Karl-Hermann Bolldorf (CDU) Kochs Rückzug aus der Politik.

Ohne Zweifel sei der Ministerpräsident fachlich einer der kompetentesten deutschen Politiker. Zu seinen Leistungen gehöre beispielsweise, in Hessen eine bürgerliche Mehrheit zu etablieren. Das persönliche Miteinander habe er dort, wo er mit ihm zu tun hatte, immer als gut und freundschaftlich erlebt. "Ich bedauere den Rückzug außerordentlich", sagte Bolldorf. Allerdings könne er die Beweggründe, die Koch mittags genannt habe, sehr gut nachvollziehen.

"Die wahren Hintergründe für Roland Kochs Entscheidung sind mir nicht bekannt", sagte der Gladenbacher Bürgermeister Klaus-Dieter Knierim (CDU). Koch werde seine Gründe haben, meinte er - und zu denen werde der scheidende Ministerpräsident sich sicher zu gegebener Zeit äußern. "Ich unterstelle Herrn Koch, dass diese Gründe nachvollziehbar sind", sagte Knierim.

Auch Silke Lautenschlägers Rückzug bedauere er sehr, meinte der Rathauschef - zumal sie sehr engagiert in ihrem neuen Ressort gearbeitet habe.

"Wir sind unseren Weg gemeinsam und in enger Zusammenarbeit gegangen", sagte Staatssekretär Thomas Schäfer aus Biedenkopf über Roland Koch. Dessen Entscheidung bedeute einen Verlust für die hessische Landespolitik.

Wie Silke Lautenschlägers Entschluss sei auch der des Ministerpräsidenten ein persönlicher und verdiene Respekt.

Parteifreunde loben den Weggefährten, Gegner üben scharfe Kritik

"Wurde auch Zeit." So lautete die spontane Reaktion des Marburger SPD-Landtagsabgeordneten Thomas Spies auf die Ankündigung des christdemokratischen Ministerpräsidenten. "Roland Koch hatte den größten Skandal der Nachkriegsgeschichte am Bein, er war ein Spalter in der Politik, hat die soziale Infrastruktur ramponiert und hatte das Gleiche gerade mit der Bildungsinfrastruktur vor", führte Spies seine Kritik am scheidenden CDU-Politiker aus.

"Wichtig ist: Es geht nicht um die Person Koch, sondern um das System Koch", befand der Sozialdemokrat. Damit meine er die gesamte hessische CDU. "Ich spekuliere nicht über eine mögliche Nachfolge für Herrn Koch, sondern sehe in diesem System einen politischen Ansatz, der Macht über alles setzt", meinte Spies. "Und ich sehe nicht, wo etwas anderes herkommen soll."

Auch Sören Bartol aus Marburg, der für die SPD im Bundestag sitzt, fand: "Das ist ein längst überfälliger Schritt." Inhaltlich liege Koch "völlig am Boden". "Sein letzter misslungener Vorschlag war, im Bildungswesen zu sparen", sagte Bartol, "und das ist nicht das, was ein Land braucht."

Koch hinterlasse eine katastrophale Bilanz, die Schuldensituation spreche Bände.

Über die Frage der Nachfolge des hessischen Ministerpräsidenten sagte der Sozialdemokrat: "Wer soll ihm folgen? Die hessische CDU ist personell völlig abgewirtschaftet, das halbe Kabinett steckt in irgendwelchen Skandalen." Daher stehe für ihn fest: "Wir brauchen Neuwahlen - nur dann wäre ein Nachfolger für Roland Koch legitimiert."


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