"Greifen Sie nach den Sternen"

FESTAKT Blista und Blindenverein DVBS feiern 100-jähriges Bestehen in Marburg

Der Saal der Stadthalle war zum Doppeljubiläum voll besetzt. (Foto: Krause)

Festredner Horst Köhler. (Foto: Krause)

Staatsminister Stefan Grüttner überbrachte die Glückwünsche der Landesregierung. (Foto:  Krause)

Claus Duncker (links) und Uwe Boysen begrüßten von den Sesseln Carl Strehls. (Foto: Krause)

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Unter dem Motto „100 Jahre – 100 Talente“ begrüßten, passend zur Gründung im Jahr 1916, Blista-Direktor Claus Duncker und DVBS-Vorsitzender Uwe Boysen die etwa 400 Gäste. Die beiden Gastgeber saßen in alten braunen Sesseln, die original im Büro von Carl Strehl standen, der beide Institutionen mit ins Leben gerufen hatte.

„Aber wir wollen nicht nur an alte Größen erinnern, sondern auf 100 Jahre erfolgreiche Arbeit zurückblicken“, sagte Boysen. Duncker hob hervor: „Wir haben gemeinsam alles für effektive Teilhabe Blinder und Sehbehinderter im Arbeitsmarkt getan“. Ziel müsse es sein, weiter Inklusion im Sinne gleichberechtigter Kollegen und verlässlicher Partner umzusetzen. Moderator Andreas Bethke, Geschäftsführer des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV), berichtete, dass beide Jubilare in vier Jahren den Kongress für Blinden und Sehbehindertenqualifizierung nach Marburg holen und somit erstmals ein Selbsthilfeorgan und eine Bildungseinrichtung diesen gemeinsam ausrichten werden. Das zeige die Verbundenheit.

Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler erinnerte daran, dass seine Tochter im Internat der Blista war. Es seien seinerzeit jene   Schüler dort gewesen, die die Bedenken der Eltern weggewischt hätten. Demnächst werde sie ihre Doktorarbeit verteidigen, „und ich bin stolz, dann nicht mehr der einzige Dr. Köhler in der Familie zu sein.“

Aber noch immer studierten weniger Menschen mit Einschränkungen, als ihr Anteil an der Bevölkerung, sagte Köhler. „Die Politik muss konsequenter Barrieren abbauen“, forderte er. „Es braucht die Grundlage, dass jeder seine individuellen Fähigkeiten einbringen kann“. Deshalb hoffe er, so das ehemalige Staatsoberhaupt, dass beim zu verabschiedenden Bundesteilhabegesetz, massive Sorgen und Einwände einfließen werden.

„Die meisten Barrieren bestehen aber noch in den Köpfen“, so Stefan Grüttner

„Er war seiner Zeit weit voraus“, sagte Köhler über den 1907 bei einem Arbeitsunfall erblindeten Carl Strehl, der nach Abitur und Studium zusammen mit dem Augenarzt Alfred Bielschowsky die Blista gründete, die sich laut Köhler von damals gängigen Fürsorgeanstalten deutlich unterschied. Die Institution habe sich immer weiterentwickelt, „wenn auch nicht frei vor Irrungen“. So habe sich Strehl mit den Nationalsozialisten arrangiert, was dankenswerterweise jetzt aufgearbeitet werde.

Bei der Blista stehe die Förderung individueller Talente im Mittelpunkt, lobte der Festredner. „Befähigungen, nicht Beschränkungen müssen im Vordergrund stehen“. Der DVSB biete ebenfalls vielfältige Unterstützungen, hob Köhler hervor. „Er ist von unschätzbarem Wert für den Einzelnen und die Gesellschaft“. „Ich möchte beide Geburtstagskinder ermutigen, sich im Wandel treu zu bleiben“, schloss der ehemalige Bundespräsident. „Deutschland braucht Sie alle mit ihren Talenten. Greifen Sie nach den Sternen und lassen Sie sich von niemandem sagen, dass die Sterne unerreichbar sind.“

Die Grüße der Landesregierung überbrachte der hessische Minister für Soziales und Integration, Stefan Grüttner (CDU). „Es braucht eine barrierearme Gesellschaft“, erklärte er. Hessen habe bereits einen Aktionsplan, laut dem Gesetze und Verordnungen darauf geprüft werden, ob die mit der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen in Einklang stehen, die bedingungslose Teilhabe aller vorschreibt. „Die meisten Barrieren bestehen aber noch in den Köpfen und die müssen abgebaut werden“, so Grüttner.


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