Hintergrund: Der Bundeswehreinsatz in Kundus

Kundus war der erste Einsatzort der Bundeswehr in Nordafghanistan, wo inzwischen der deutsche Einsatzschwerpunkt liegt. Im Vergleich zum umkämpften Süden des Landes galt die Region lange als eher ruhig. Mittlerweile kommt es aber auch dort immer wieder zu schweren Anschlägen der radikal-islamischen Taliban. "Jetzt ist der Krieg in den Norden gekommen", sagte jüngst Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU).

Die Provinz ist mit rund 8000 Quadratkilometern halb so groß wie Schleswig-Holstein. Über die Einwohnerzahl gibt es keine genauen Angaben. Nach Schätzungen liegt sie etwa bei 850 000. Wegen seiner fruchtbaren Böden wird die Region Brotkorb Afghanistans genannt. In Kundus werden unter anderem Baumwolle, Reis und Weizen geerntet. Der Anbau von Schlafmohn, der Basis von Heroin, ist zurückgegangen.

Als gefährlichster der sechs Distrikte, die einen Ring um die Provinzhauptstadt Kundus bilden, gilt Char Darah. Die Taliban haben Teile des Gebietes unter Kontrolle. Immer wieder greifen sie Patrouillen der Bundeswehr an, mehrere deutsche Soldaten haben bereits ihr Leben in dem Distrikt verloren. Von Char Darah aus wurden in der Vergangenheit auch mehrfach Raketen auf das Bundeswehr- Feldlager in Kundus abgefeuert.

Seit 2009 wird der Name Kundus auch mit einem von der Bundeswehr befohlenen Luftangriff in Verbindung gebracht. Dabei wurden am 4. September bis zu 142 Menschen verletzt oder getötet. Der Vorfall ist bis heute nicht aufgeklärt. Der Bundestag hat einen Untersuchungsausschuss eingerichtet, die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen den Bundeswehr-Oberst Georg Klein und seinen Flugleitoffizier wegen eines möglichen Verstoßes gegen das Völkerstrafgesetzbuch.

Für den Tod afghanischer Zivilisten war die Bundeswehr nach offiziellen Angaben erstmals am 28. August 2008 verantwortlich. Damals erschoss ein Soldat an einem Checkpoint von afghanischer Polizei und deutschen ISAF-Soldaten eine Frau und zwei Kinder. Vier weitere Menschen wurden verletzt. Wie bei dem aktuellen Fall, bei dem die Bundeswehr aus Versehen mindestens fünf afghanische Sicherheitskräfte erschoss, ging auch dem damaligen Unglück ein Angriff voraus: Am 27. August 2008 war eine Patrouille der Bundeswehr nahe Kundus in eine Sprengfalle geraten, ein Soldat starb.


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