"Ich kann den Hass nicht ertragen"

Porträt Irmela Mensah-Schramm

Irmela Mensah-Schramm zeigt ein Foto, das ihre Aktivitäten dokumentiert. (Foto: Weil)

Mensah-Schramm begrüßt in Limburg die Brüder "im Geiste", Ralf und Reiner Bender. (Foto: Weil)

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Die Menschenrechtsaktivistin aus Berlin hat jetzt im Kunstzentrum "LahnArtists" in Limburg auf Einladung von Irmgard Becker vom "Bündnis Courage" aus ihrem aufregenden Leben zwischen "Intensivtäterin" und Friedenspreisträgerin erzählt.

"Ich kann den Hass nicht ertragen", sagt sie, wenn sie Sprüchen wie "Kanaken raus", "Judenpresse halt die Fresse" und Schlimmerem oder Hakenkreuz-Schmierereien begegnet. "Ich bin entsetzt, wenn Menschen gleichgültig wegschauen und halte es für meine staatsbürgerliche Pflicht, einzuschreiten." Etwa 130 000 Mal ist sie eingeschritten.

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Zu oft habe sie erlebt, dass Behörden nicht reagierten. Oder erst dann, wenn sie wegen Sachbeschädigung angezeigt wurden. Aktuell geht sie beim Berliner Landgericht in Berufung gegen einen Strafbefehl über 1800 Euro. Eine junge Staatsanwältin habe ihr vorgeworfen, dass sie keine Reue zeige. Das gibt sie auch zu, für sie sind ihre Taten allerdings "Beschädigung einer Sachbeschädigung".

Eigentlich müsse die Polizei darauf dringen und überwachen, dass zum Beispiel nach Paragraf 86 des Strafgesetzbuches verbotene rechtsextreme Symbole auf Mauern oder Laternen von Eigentümern zeitnah entfernt werden. Zustimmendes Nicken auch bei den Brüdern Bender, die unter den Zuhörern sitzen: "Auch wir wollten vor allem unsere Schüler auf ihrem Schulweg vor menschenverachtenden Inhalten schützen."

Aus "Merkel muss weg!" wird ganz fix "Merke! Hass muss weg!"

Irmela Mensah-Schramm, als heilpädagogische Lehrkraft für geistig Behinderte Jahrzehnte im Beruf, hat sich schon früh in Öko- und Friedensbewegung und in der Flüchtlingsberatung bei Amnesty International engagiert. 1986 begann sie mit dem Entfernen von Nazisymbolen, wenn nichts anderes zur Hand war, auch mal mit Nagellack. Immer mit dem Anspruch, wie er sich auf ihrer Homepage widerspiegelt: "hassvernichtet.de". Sie sagt: "Man darf Hass nicht mit Gegenhass begegnen!"

So hat sie auch Spaß daran, Hass-Botschaften in Liebes- oder Friedenssymbolik zu verwandeln, durch Übermalen mit roten Herzen oder durch einfache Veränderungen. So wurde etwa aus "Merkel muss weg!" "Merke! Hass muss weg!"

Sie ist bundesweit unterwegs, hat ihre Aktivitäten in Ausstellungen dokumentiert und in Workshops mit Kindern und Jugendlichen in fast allen Bundesländern eingebracht, Titel: "Mit bunten Farben gegen braune Parolen".

Sogar der amerikanische Fernsehsender CNN brachte am 12. Dezember 2016 eine Reportage über sie mit dem Titel: "Grandmother uses graffiti to fight hate". Am 23. Mai zeigt auch der SWR um 21 Uhr einen ähnlichen Bericht. 2015 erhielt sie den Göttinger Friedenspreis, 2005 den Erich-Kästner-Preis der Stadt Dresden. Besonders gefreut hat sie ein von Gerhard Schöne, Liedermacher aus Coswig bei Dresden, 1997 eigens für sie komponiertes Lied "Die couragierte Frau".

Die Bundesverdienstmedaille hat sie zurückgegeben, weil sie sich von der Justiz zu Unrecht kriminalisiert fühlt.

Bedrohungen von Neonazis hat sie schon oft erleben müssen, die Gefahren seien groß. Auch die Diskussionsteilnehmer berichten von furchteinflößenden Szenarien. Aber der, leider eher seltene, Ausstieg eines jungen Mannes aus der rechten Szene, Begegnungen wie jetzt mit Mitgliedern des im Raum Limburg-Diez aktiven Bündnisses "Courage gegen rechts", den anwesenden Jugendlichen im Publikum, den Bender-Brüdern und viele Einladungen von Schulen stimmen Irmela Mensah-Schramm jedoch grundsätzlich positiv: "Es ist wichtig, nicht alleine zu sein. Nur gemeinsam sind wir stark."


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