Merkel verneigt sich vor den Toten von Kundus

Vor den Särgen der drei am Karfreitag in Afghanistan Gefallenen bleiben die beiden Politiker stehen. Sie erweisen den Soldaten die letzte Ehre. "Ich verneige mich vor ihnen, Deutschland verneigt sich vor ihnen", sagt Merkel später in ihrer Traueransprache über die Fallschirmjäger. "Sie haben den höchsten Preis bezahlt, den ein Soldat bezahlen kann."

Vor der Kanzlerin sind die drei Särge aufgebahrt. Jeder ist mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne bedeckt, ein Stahlhelm liegt darüber. Davor sind die Orden der Erschossenen aufgestellt. Ein großes Foto erinnert an jeden Gefallenen. Es ist das erste Mal, dass die Kanzlerin eine Trauerfeier für getötete Soldaten besucht.

In ihrer Ansprache stellt Merkel sich bewusst hinter die Bundeswehr. Afghanistan dürfe nie wieder von Taliban und Al-Kaida-Terroristen beherrscht werden, betont sie. Es gebe keine Zweifel an dem Kampfeinsatz. "Was wir am Karfreitag in Kundus erleben mussten, das bezeichnen die meisten verständlicherweise als Krieg - ich auch", sagt Guttenberg. Den Angehörigen spricht er sein Mitgefühl aus. "Mit ihnen trauern wir, trauert ein Land."

Vor der evangelischen Kirche stehen zahlreiche Kränze mit weißen Rosen und Lilien. Einen davon hat die afghanische Regierung geschickt. Auf einer Leinwand verfolgen Hunderte Trauernde den Gottesdienst, denn drinnen finden nur 600 Gäste Platz. Kaum ein Wort fällt, die Stimmung ist gedrückt.

Begleitetet von den melancholischen Klängen der Orgel tragen Soldaten am Ende der Trauerfeier mit langsamen Schritten die Särge aus der Kirche. Lautes Schluchzen ist zu hören. Viele Angehörige und Uniformierte können ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

Die Gefallenen waren in Seedorf, einem Nachbarort von Selsingen, stationiert. Sie wurden nur 25, 28 und 35 Jahre alt. Zwei von ihnen waren Väter kleiner Kinder. Die drei Fallschirmjäger waren bei einem stundenlangen Gefecht mit Taliban-Kämpfern ums Leben gekommen. Acht ihrer Kameraden wurden verletzt, vier von ihnen liegen noch immer im Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz. Erst seit wenigen Wochen waren die Soldaten der Luftlandebrigade 31 im Norden von Afghanistan im Einsatz.

Entlang der Hauptstraße der Samtgemeinde Selsingen im Kreis Rotenburg stehen Kerzen, Bürger haben schwarze Schleifen an Geländern und Masten gebunden. "Das ist tragisch", sagt Andrea Junge. "Man trifft die Soldaten beim Einkaufen oder sieht sie bei den Übungen." Die Bundeswehr ist ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Viele junge Leute verdienen ihr Geld mittlerweile in der Kaserne. Auch der getötete Hauptfeldwebel lebte mit seiner Familien in Selsingen, die anderen beiden kamen aus Hannover und Sachsen.

In der 720-Seelen-Gemeinde Seedorf fühlen die Bürger ebenfalls mit den Familien der Gefallenen. Günther Lauterbach vermietet Wohnungen an Soldaten. Oft unterhält er sich mit ihnen: "Sie erzählen, dass es in Afghanistan immer haariger wird, und dass die Ausrüstung schlecht ist." Nach dem blutigen Gefecht in Kundus war eine Debatte über Ausrüstung und Ausbildung der Bundeswehr entbrannt.

Im kommenden Sommer sollen erneut rund 300 Soldaten aus Seedorf nach Afghanistan gehen. Wie gefährlich ihre Aufgabe sein wird, macht am Tag der Trauerfeier ein neuer Anschlag auf die Bundeswehr in Kundus deutlich. Glücklicherweise wird diesmal niemand verletzt. Seit Beginn des Einsatzes in Afghanistan im Jahr 2002 wurden bisher 39 deutsche Soldaten getötet. Anlässlich der Trauerfeier haben Friedensaktivisten neben dem Ortseingangsschild von Selsingen ein Plakat entrollt. "Truppen raus aus Afghanistan", steht darauf.


Bald ist Weihnachten. Schenken Sie doch einfach einem lieben Menschen 6 Wochen lang die Zeitung für die Region für nur 19,90 EUR.
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2010
Kommentare (0)
Mehr aus Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr