"Missbrauch findet jeden Tag statt"

Barbara Koepper vom Verein "Gegen unseren Willen" im TAGEBLATT-Interview

Barbara Koepper: Für mich sind solche Zahlen nicht aussagekräftig. Es gibt zwar die Angaben der Polizei. Dabei handelt es sich aber lediglich um die angezeigten Fälle. Die Dunkelziffer ist viel höher, verlässliche Zahlen gibt es nicht. In unserer Beratungsstelle haben wir im vergangenen Jahr 261 Personen beraten. Davon sind 176 Personen zu persönlichen Beratungsgesprächen gekommen.

Ist die Dunkelziffer bei Opfern von Priestern und kirchlichen Mitarbeitern möglicherweise besonders hoch?

Koepper: Das ist psychologisch nachvollziehbar: Im Fall von Priestern handelt es sich um anerkannte Persönlichkeiten. Für die Opfer ist daher die Hemmschwelle sehr hoch, sich zu melden. Auch deshalb, weil sie Angst haben müssen, dass ihnen nicht geglaubt wird. Je angesehener der Täter ist, desto größer ist die Angst des Opfers, nicht als glaubwürdig zu gelten.

Es werden jetzt Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche bekannt, die oft schon Jahre oder Jahrzehnte zurück liegen. Warum melden sich die Opfer so spät?

Koepper: Das hat sicherlich etwas mit der Institution Kirche zu tun - viele Opfer trauen sich nicht, sich zu melden. Es hat aber auch etwas damit zu tun, dass gerade bei den Missbrauchsfällen innerhalb der Kirche viele der Opfer männlich sind. Ihnen fällt es besonders schwer, über vergangenen Missbrauch zu berichten. Zum einen, weil es einem männlichen Rollenverständnis widerspricht, als schwach zu gelten. Zum anderen haben viele der männlichen Opfer Angst vor dem Thema Homosexualität.

Weil sich viele Opfer erst nach Jahren melden, war eine Verlängerung der Verjährungsfrist für diese Straftaten im Gespräch. Was halten Sie davon?

Koepper: Es ist sicher sinnvoll zu prüfen, ob die bisher geltende Verjährungsfrist angemessen ist. Viele Opfer wünschen sich das. Ob eine längere Verjährungsfrist tatsächlich zu mehr Verurteilungen führt, ist allerdings fraglich. Denn nach 30 Jahren lässt sich ein Missbrauchsfall aus juristischer Sicht nur noch schwer zweifelsfrei klären. Und von Verfahren, die aus Mangel an Beweisen eingestellt werden, haben die Opfer nicht viel. Übrigens bin ich gegen eine automatische Strafverfolgung, wenn es um sexuellen Missbrauch geht. Denn manche Opfer melden sich gar nicht erst, wenn sie wissen, dass dann die Staatsanwaltschaft ermittelt. Es gibt Opfer, die keine Strafanzeige wollen oder die nicht die Kraft für ein Strafverfolgungsverfahren haben, selbst wenn wir sie dabei begleiten. Wir halten es für wichtig, den Willen des Opfers ernst zunehmen.

Reden wir mal über die Täter. Im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen innerhalb der Kirche wurde immer wieder über den Schutz der Täter gesprochen. Muss es nicht zuerst um die Opfer gehen?

Koepper: Wenn über Missbrauchsfälle öffentlich diskutiert wird, greifen mehrere Mechanismen. Zum einen wird versucht, die Institution zu schützen - also die Kirche, oder auch eine Schule, wie jetzt die Odenwaldschule. Außerdem gibt es Versuche die Personen zu schützen, die angeschuldigt sind. Und natürlich gibt es den Blick auf die Opfer. Manchmal vermischt sich das alles. Und am Ende weiß man nicht mehr, wer nun eigentlich geschützt werden soll. Natürlich ist es abschreckend, wenn der Eindruck entsteht, es geht einer Institution oder einer Person nur um den guten Ruf. Aber ich finde, die öffentliche Debatte setzt auch einen sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Thema sexueller Missbrauch in Gang - die Opfer, die an die Öffentlichkeit wollen, haben nun die Gelegenheit dazu. Allerdings ist die jetzt statt findende öffentliche Debatte sehr Vergangenheitsbezogen.

Was meinen Sie damit?

Koepper: Es entsteht der Eindruck, dass es nur um die Vergangenheit geht. Es kann mir keiner erzählen, dass es keine aktuellen Fälle gibt. Sexueller Missbrauch von Kindern ist kein Problem der Vergangenheit, er findet jeden Tag statt, sowohl innerhalb, als auch außerhalb der Kirche.

In welchen anderen Bereichen sind Kinder besonders gefährdet?

Koepper: Sexueller Missbrauch ereignet sich in erster Linie in der Familie. Die Kinder werden dann zum Beispiel Opfer vom Vater, vom Onkel, der oft zu Besucht kommt, oder vom Großvater, der mit im Haus lebt. Auch in der Freizeit sind Kinder gefährdet, zum Beispiel bei Ferienfreizeiten, im Fußball-Trainingslager, im Kommunionunterricht. Das sind nämlich auch die Bereiche, die sich Pädophile aussuchen, um an Kinder heran zu kommen.

Wie können die Kinder geschützt werden?

Koepper: Für Eltern ist es wichtig, hellhörig zu sein. Eltern sollten es ernst nehmen, wenn ihre Kinder nicht mehr zum Fußballtraining gehen oder den Opa nicht mehr besuchen wollen, weil der immer so komisch ist. Da müssen sie nachfragen, anstatt zu sagen: "Nein, der ist doch gar nicht komisch".

Eltern sollten sich eine gesunde Skepsis angewöhnen gegenüber Vertrauenspersonen, denen sie ihre Kinder anvertrauen. Wenn ein Verdacht besteht, können sich Väter und Mütter auch anonym bei uns melden. Das ist oftmals der erste Schritt. Auch Vereine und andere Institutionen sollten sich fragen: "Prüfen wir die Leute, mit denen wir arbeiten, auch genug?" Es muss Leute geben, die sich trauen hinzuschauen und die dann auch eingreifen.


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