Mit Video: "Tag und Nacht keine Ruhe mehr"

Folgen der Brückensperrung zerren an Nerven
Andreas Handrick hat sich als Anwohner der Bahnhofstraße schon an Straßenlärm gewöhnt.
Andreas Handrick hat sich als Anwohner der Bahnhofstraße schon an Straßenlärm gewöhnt.
"Das hier ist eine Ausnahmesituation", sagt Sabine Konopka.
"Das hier ist eine Ausnahmesituation", sagt Sabine Konopka.
Elke Bietz und ihre Familie werden ihren Freisitz in den nächsten Wochen wohl nicht nutzen.
Elke Bietz und ihre Familie werden ihren Freisitz in den nächsten Wochen wohl nicht nutzen.
Nicole Löber mit ihrem zwei Jahre alten Sohn Jason. Aufgrund des Lärms hält die Haigererin ihre Fenster derzeit geschlos
Nicole Löber mit ihrem zwei Jahre alten Sohn Jason. Aufgrund des Lärms hält die Haigererin ihre Fenster derzeit geschlossen.
Verpasste wegen des Staus einen wichtigen Termin: Birgit Stimper aus Siegen.
Verpasste wegen des Staus einen wichtigen Termin: Birgit Stimper aus Siegen.
Elisabeth Nietsch  hat vor allem Mitleid mit den Lkw-Fahrern.
Elisabeth Nietsch hat vor allem Mitleid mit den Lkw-Fahrern.
Ilona Rudolph, hier mit ihrer  Tochter  Vivian, macht sich Sorgen  um die Sicherheit ihrer Kinder.
Ilona Rudolph, hier mit ihrer Tochter Vivian, macht sich Sorgen um die Sicherheit ihrer Kinder.
Bild 1 von 7
Stau in Haiger

Am Dienstag vergangener Woche hatte sich die Verankerung einer Spanneinrichtung auf der Talbrücke Sechshelden gelöst. Seitdem darf Schwerlastverkehr über 7,5 Tonnen nicht mehr die Brücke der A 45 Richtung Süden überqueren. Viele folgen daher der Umleitung durch Haiger zur Autobahnauffahrt Dillenburg. Nun vergeht in Haiger nicht eine Minute, in der man keinen Lkw sieht: Tagsüber waren es am Mittwoch etwa 200 pro Stunde, zwischen 3.30 und 4.30 Uhr morgens lag die Zahl immer noch bei weit über 100. Sabine Konopka zählte 20 Brummis, die Stoßstange an Stoßstange an ihrem Fenster vorbei fuhren - und das um 22.30 Uhr, also erst eine halbe Stunde nach Ende des Fahrverbots für Lkw an Sonntagen. Die 48-Jährige wurde, wie viele andere Haigerer auch, von dem plötzlichen Ansturm auf ihre Heimat überrascht: "Ich kam gerade aus dem Urlaub zurück und wusste nicht, was passiert war. Da hab ich mich gefragt: Was ist denn hier los?", beschreibt sie das Gefühl, das sie beim ersten Anblick der Laster hatte. "Das hier ist eine Ausnahmesituation. Ich hoffe, dass es bald wieder aufhört. Wenigstens können die Pkw schon auf der Umgehungsstraße fahren. Man muss sich eben viel mehr Zeit mitbringen in Haiger."

Beim Anblick ihrer schwarz verrußten Fensterscheiben und -bänke kommen ihr vor allem gesundheitliche Bedenken: "Ich denke, dass es nicht gerade gut für die Gesundheit ist, wenn man das den ganzen Tag einatmet."

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Elke Bietz in der vergangenen Woche ihre Zeit lieber auf der Arbeit, als zu Hause verbracht hat. "Ich genieße es dort, weil es so schön ruhig ist." Den Unterschied zum gewöhnlichen Verkehr auf der Haigerer Hauptverkehrsader empfindet die 51-Jährige als kolossal: "Wir haben ja viel Industrie und sind von daher einiges gewohnt. Wir kennen das Problem auch von jedem Unfall auf der Autobahn. Dann staut es hier. Aber jetzt ist der Krach unwahrscheinlich. Tag und Nacht hat man keine Ruhe mehr." Familie Bietz wird ihren Freisitz diese Woche wohl nicht mehr nutzen. Auch bei geöffnetem Fenster zu schlafen ist für die Anwohner momentan unmöglich. Im Takt der Ampeln schieben sich die Schwerlaster zwischen ihren Häusern hindurch. Selten entsteht da eine Lücke. Deshalb sind Fußgänger ohne Zebrastreifen oder Ampeln bei der aktuellen Verkehrslage in der Stadt verloren. Das beschäftigt auch Mütter wie Ilona Rudolph. Wenn ihr achtjähriger Sohn morgens zur Bushaltestelle geht, müsse er die Straße überqueren. "Und gerade dort ist keine Ampel oder eine Möglichkeit, wirklich sicher auf die andere Seite zu kommen", beschwert sich die 35-Jährige. "Das ist jetzt mit den ganzen Lkws natürlich noch viel gefährlicher als sonst."

Ihre Nachbarin Nicole Löber stimmt ihr zu. Sie hat einen zwei Jahre alten Sohn. "Bei dem kann ich das Fenster nicht auflassen, wenn er schlafen soll."

Wer sich unterhalten will, muss Fenster und Türen zu lassen

Der Lärm und der Verkehr auf der Straße beeinflussen den Alltag der Haigerer. So müsse die Balkontür beim abendlichen Fernsehen geschlossen bleiben, wenn man etwas verstehen wolle und schnelle Einkäufe "mal eben so" seien nicht mehr möglich, sagt Nicole Löber.

Autofahren stellt in Haiger momentan eine Geduldsprobe dar. Elisabeth Nietsch aus Allendorf berichtet, dass eine Bekannte eine halbe Stunde gebraucht habe, um vom Ortseingang bis zur Bahnbrücke am anderen Ende von Haiger zu fahren. Die Allendorferin denkt vor allem an die Lkw-Fahrer: "Die müssen ja noch weiter fahren, wenn sie es hier durch geschafft haben." Trotzdem hofft auch sie, dass die Brummis bald wieder den Weg über die Talbrücke nehmen können.

Birgit Stimper ist weniger zurückhaltend: Sie ist aus Siegen angereist und hat wegen des Staus in Haiger einen wichtigen Termin verpasst. "Jetzt haben wir zwei Stunden Zeit und 15 Euro Benzin vergeudet und müssen unverrichteter Dinge wieder heim fahren."

Trotz des derzeitigen Verkehrschaos meint Imbissbuden-Angestellte Sailasinidevy Ganes, dass der Betrieb normal geblieben sei. "Unsere Kunden haben trotzdem Hunger. Aber sie beschweren sich schon manchmal über die Lautstärke und man muss sich Mühe geben, bei dem Krach die Bestellungen zu verstehen."

Andreas Handrick hat sich als Anwohner der Bahnhofstraße schon an Straßenlärm gewöhnt. Aber die derzeitige Situation sei enorm. Die Lkw-Fahrer tun ihm dennoch leid: "Die werden ja getrimmt, die können nichts dafür. Aber das hier nervt einfach."

Noch ist unklar, wie lange die Haigerer die Lkw-Kolonnen ertragen müssen. Laut Eugen Reichwein, Leiter des Dillenburger Amts für Straßen- und Verkehrswesen (ASV), entscheidet sich heute, wann die Talbrücke wieder für den Schwerlastverkehr freigegeben wird.

Autofahrern rät Haigers Bauamtsleiter André Münker, das Teilstück der Umgehungung über den Hohleichenrain zu nutzen, um so den Stau zu umfahren.

Eine beliebte "Abkürzung" für Ortskundige ist derzeit ebenfalls gesperrt - allerdings nur zum Teil: In der Industriestraße werden seit Mittwoch in Höhe der Firma Cloos die Abwasserleitungen und später auch die Fahrbahn erneuert. André Münker gibt jedoch Entwarung: Die Baustelle kann in beiden Richtungen über die Geisenbach oder die Bismarkstraße umfahren werden.

(Video: Fritsch)


Bald ist Weihnachten. Schenken Sie doch einfach einem lieben Menschen 6 Wochen lang die Zeitung für die Region für nur 19,90 EUR.
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2011
Kommentare (0)
Mehr aus Videos Region Dillenburg