Porträt: Ein Nicht-Politiker im Schloss Bellevue

Eine in Deutschland beispiellose Staatskarriere hat jetzt mit dem Blitzrücktritt des Bundespräsidenten abrupt ihr Ende gefunden.

Die Überraschung war groß, als die CDU-Vorsitzende Angela Merkel 2004 zusammen mit FDP-Chef Guido Westerwelle den damaligen Präsidenten des Internationalen Währungsfonds (IWF) als Kandidaten für das höchste Staatsamt präsentierte. Keiner hatte mit dem Sohn von Flüchtlingen aus Polen gerechnet, der in Baden-Württemberg aufwuchs und studierte und später in Bonn die Beamtenkarriere einschlug.

In der Bundesversammlung wurde der bis dahin der breiten Masse unbekannte Köhler im Mai 2004 als Vorbote eines schwarz-gelben Bündnisses gewählt, das bei der Bundestagswahl ein Jahr später die Mehrheit aber verfehlte. 2005 löste Köhler den Bundestag auf. Das Katastrophen-Szenario, das er damals zur Begründung entwarf, wurde ihm von Rot-Grün so übelgenommen, dass er nie mehr einen dauerhaften Draht zu diesen Parteien fand.

Statt einer Regierung von Union und FDP kam die große Koalition. Köhler änderte deshalb aber nicht seinen Stil. Uneitel und direkt ging er auf die Menschen zu, ließ jeden erkennen, dass er mit dem politischen Betrieb in Berlin nicht vertraut war und es auch nicht sein wollte. Er war ein ungeübter Redner, musste oft nach passenden Worten suchen und ließ auch seinen Emotionen mitunter freien Lauf.

Das machte ihn sympathisch. Seine Beliebtheit im Volk stieg. "Ich möchte Bundespräsident aller Deutschen sein, und ein Präsident für alle Menschen, die hier leben", war sein Leitspruch. Er wolle aber notfalls auch "ein unbequemter Präsident" sein, fügte er damals hinzu.

Das zeigte das CDU-Mitglied mit Distanz zum Parteibetrieb mehrfach. 2004 vereitelte er den Plan des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD), den Tag der Deutschen Einheit vom 3. Oktober immer auf einen Sonntag zu verlegen. 2006 verweigerte er aus verfassungsrechtlichen Grünen zwei Gesetzen der großen Koalition seine Zustimmung und löste bei Schwarz-Rot erheblichen Unmut aus.

Auch seine Kenntnis der finanzpolitischen Zusammenhänge setzte er ein. Früh beklagte er das Treiben unkontrollierter Finanzakteure als "Monster", die gezügelt werden müssten. Köhlers starke Worte verhallten aber auch damals schon oft folgenlos. 2009 wurde Köhler von Union, FDP und bayerischen Freien Wählern in der Bundesversammlung für weitere fünf Jahre im Amt bestätigt.

Die zweite Amtszeit stand unter keinem guten Stern. Schon unmittelbar nach seiner Wiederwahl verlangte Köhler die Direktwahl des Bundespräsidenten. Dies verärgerte die Parteien. Danach kam die große Finanzkrise mit den Gefahren für den Euro. Viele erwarteten gerade jetzt Wegweisungen aus dem Schloss Bellevue von jemandem, der wie kaum andere an der Staatsspitze Erfahrung damit hatte.

Köhler hielt sich aber bedeckt. Nach dem Amtsantritt der schwarz- gelben Regierung, die eigentlich seine Wunschkoalition sein sollte, fehlte die Stimme des Staatsoberhaupts über lange Zeit. Wenn er etwas sagte, blieb es oft ohne Echo bei den Berliner Akteuren. Er habe keine Botschaft für seine zweite Amtszeit, sagten Kritiker.

Köhler bereitete sich in diesen Tagen auf eine große europapolitische Rede vor. Zuvor aber wollte er in der kommenden Woche noch nach Afrika zur Fußball-WM-Eröffnung reisen und zu einer Tagung seines Projekts "Partnerschaft mit Afrika" in Burkina Faso. Der Einsatz dieses Bundespräsidenten für einen neuen Dialog auf Augenhöhe mit den Staaten Afrikas wird eine bleibende Spur der Köhler-Präsidentschaft sein.


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