So schmeckt der Hessentag

Interkulturelles Budenessen im Test: vom Vogelsberger Presssack bis zum Lngos

Der Inder, geboren in Kalkutta, empfiehlt Gemüse mit Mango-Chutney - ein "indisch-ayurvedisches Rezept". Er ist nicht nur Koch, sondern auch Masseur. Sein indisches Fast-Food sei sehr gesund, betont er. "Wenn Sie das essen, werden Sie mindestens 107 Jahre alt wie meine Oma", sagt er in dem Moment, wo die Schärfe des Mango-Chutneys die Geschmacksnerven abtötet.

Für die richtige Rezeptur wird kurzerhand ein Ungar importiert

Schräg gegenüber steht Christian Rubel, umzingelt von Stracken, Brotlaiben und Presssäckchen. "Auf solchen Jahrmärkten fühle ich mich nicht so richtig wohl", gesteht der Oberhesse. An seinem rustikalen Stand verkauft er, was seine Familie herstellt: Spezialitäten von Lamm und Wild, sowie Schafs- und Ziegenkäse.

Statt auf dem Hessentag wäre er lieber auf einem Mittelaltermarkt. Dort würden die Händler zusammenhalten, sich aushelfen und sich abends noch gemeinsam ans Feuer setzen. Das vermisst er in Stadtallendorf ein wenig.

Aber vielleicht klappt das mit dem gemeinsamen Am-Feuer-Sitzen noch in den kommenden Tagen. Denn nur einen Tunnel von ihm entfernt freut sich Erdogan Kurnaz vom Türkischen Sozialdienstverein Stadtallendorf schon auf das allabendliche Straßenfest.

Tagsüber verkaufen die Vereinsmitglieder Döner und "den berühmten Gulasch", abends packen sie ihre türkischen Gitarren aus, singen, tanzen und feiern. "Gäste sind bei uns immer willkommen", sagt er.

Fremde Küche bietet auch Simone Kratsch, und zwar Lángos, gesprochen Langosch. Was nach vergorener Languste klingt, ist eine ungarische Brotspezialität. Den Hefeteigfladen gibt es herzhaft mit Sauerrahm, Käse, Knoblauch oder süß - mit Puderzucker. "In Ungarn gibt es das an jeder Ecke", versichert die Hannoveranerin.

Traditionelle Zubereitung ist ihr wichtig. Die hat sie nicht gegoogelt, sondern importiert von einem Urlaub am Plattensee. "Da haben wir uns einen Ungarn mitgebracht", erzählt sie und zwinkert.

Nicht importiert, sondern selbst zusammengezimmert ist der Stand von Wulf Hameister. Während des Hessentags nennt sich der Sicherheitsingenieur aus Langenselbold Barrista (Kaffeekünstler), bindet sich eine schwarze Schürze um und träumt von einem eigenen Café, vielleicht in Italien.

Seine mobile Espressobar, die wie ein fliegender Mini-Lkw aussieht, hat er sich für den Hessentag in seiner Heimatstadt Langenselbold 2009 bauen lassen. "Beim Hessentag hat man nur zwei Optionen: Entweder man flüchtet, oder man macht mit", erklärt er.

Der Klassiker - die Bratwurst - ist selbstverständlich auch in der Hessentagsstraße würdig vertreten: Sie brutzelt an jeder Ecke. Die Konkurrenz unter den Grillmeistern ist groß. "Woscht und was fürn Doscht" wirbt einer. Andere legen beim Kundenfang mehr Raffinesse an den Tag. Ein Stand wirbt mit den "längsten" Würsten, ein andere mit "Mega-Schärfe". Dazu ein Tipp für Sparfüchse: Unter gestandenen Bratwurtsesser wird gemunkelt, die billigste Bratwurst gebe es bei der Bundeswehr.

In der Feldküche hinter dem Rathaus stehen die Hessentagsbesucher jedoch für eine andere Delikatesse Schlange: Erbsensuppe. 800 Liter schöpfen die Soldaten täglich auf Suppenteller.

Hauptgefreiter Paul Kienle aus Rothenburg an der Fulda sagt: "Ich weiß auch nicht, warum alle bei Bundeswehr sofort an Erbsensuppe denken. Das ist so ein Mythos." Schnitzel, ist er sicher, stehe bei der Bundeswehr wesentlich häufiger auf dem Speiseplan.

Trotzdem lässt der Hauptgefreite nichts auf die Bundeswehr-Erbsensuppe kommen. "Die ist besser als bei Mama", sagt er. Geheime Zutaten? "Da sind keine Geheimzutaten drin, nur Liebe."


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