Wie in der U-Bahn in Tokio

Seit die Hessische Landesbahn die Strecke zwischen Siegen und Frankfurt bedient, klagen viele Fahrgäste über überfüllte Züge
Jetzt aber schnell: Reisende stürmen aus und drängen in einen Zug der Hessischen Landesbahn in Wetzlar. (Foto: Reeber)
Jetzt aber schnell: Reisende stürmen aus und drängen in einen Zug der Hessischen Landesbahn in Wetzlar. (Foto: Reeber)
Umfrage Bahnreisende

Im Video berichten Bahnreisende am Wetzlarer Bahnhof von ihren Erfahrungen mit den neuen Zügen der Hessischen Landesbahn.

Stefan Schumacher, passionierter Bahnfahrer aus Dillenburg, nennt die Zustände eine "Frechheit". Was bei der Deutschen Bahn schon nicht gut war, sei durch die Übernahme der Strecke durch die HLB noch schlechter geworden. Die Züge des Typs "Flirt" (das steht für "Flinker-Leichter-Innovativer-Regional-Triebzug") hätten weniger und engere Sitze, als die Doppelstockzüge der Deutschen Bahn, die noch bis Dezember auf der Strecke verkehrten. "Und die große Bewährungsprobe kommt erst noch", befürchtet Schumacher. "Nächste Woche enden die Weihnachtsferien".

Der HLB ist das Problem bekannt. Geschäftsführer Veit Salzmann sagt: "Wir leisten aber das, was der RMV bei uns bestellt hat."

Auch beim RMV weiß man von den überfüllten Zügen. Sie werden dort darauf zurückgeführt, dass dem neuen Fahrplan noch der nötige "Feinschliff" fehle. Aufgrund des harten Winters führen außerdem mehr Personen mit der Bahn als üblich. "Vielleicht haben die neuen Verbindungen das Bahnfahren auch für manch einen erst interessant gemacht", sagt Peter Vollmer, Pressesprecher beim RMV. Schießlich wurden zusätzliche Verbindungen nach Frankfurt und Siegen geschaffen. Außerdem verfüge der "Flirt" über Überwachungskameras, sei schneller und barrierefrei.

Über das Jahr gerechnet würden die bei der HLB bestellten Transportkapazitäten ausreichen. Ende des Monats will man aber die Fahrgäste zählen und wenn nötig nachbessern. "Nach einer Fahrplanumstellung verteilen sich Fahrgäste auch immer noch auf andere Verbindungen", sagt Vollmer. Seitens der HLB kann man sich hingegen vorstellen, dass weitere Züge angeschafft werden müssen.

260 Sitzplätze weniger als zuvor

Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn glaubt das nicht. "Der RMV hat sich im Odenberg-Netz schon einmal so etwas geleistet", sagt er. Auch dort hatte der RMV offenbar aus Kostengründen zu wenig Züge bestellt.

Der Deutschen Bahn wirft er vor, für die derzeitige Situation mitverantwortlich zu sein. Dem Konkurrenten HLB habe man die Fahrgastzahlen vorenthalten.

"Völliger Quatsch", heißt es seitens der Deutschen Bahn. Dem RMV hätten die Zahlen vorgelegen, als man sich dafür entschied, den Betrieb des Main-Lahn-Sieg-Netzes ab Dezember 2010 an die HLB und eben nicht an die Deutsche Bahn zu vergeben. Was dieser Entscheidung zugrunde lag, will der RMV-Sprecher mit Verweis auf die Nichtöffentlichkeit der Ausschreibung nicht verraten. "Nur soviel: Die Planung war kein Schuss ins Blaue", sagt Vollmer.

Bahnfahrer Stefan Schumacher bringt die Geheimniskrämerei auf die Palme. Er hat die in den Stoßzeiten zur Verfügung stehenden Sitzplätze vor und nach dem Fahrplanwechsel gezählt: "Die Doppelstockzüge hatten insgesamt 762, die drei- beziehungsweise fünfteiligen Triebwagen der Marke "Flirt" kommen selbst nach Zusammenschluss in Gießen nur auf 500 Sitzplätze."

RMV-Sprecher Vollmer sieht darin keinen Widerspruch. "Es geht ja nicht darum wieviele Sitzplätze zur Verfügung stehen, sondern wieviele davon besetzt sind." Rund 260 Plätze mehr anzubieten müsse nicht unbedingt nötig gewesen sein, so Vollmer.

Sollte die Fahrgastzählung Ende des Monats einen Nachbesserungsbedarf ergeben, will der RMV aber zeitnah reagieren. Zusätzliche Züge sollen aber erst angeschafft werden, wenn eine Umverteilung der bestehenden Kapazitäten und der Einsatz zusätzlicher Fahrzeuge nicht zur Entspannung beitragen sollten.

Naumann vom Fahrgastverband sieht für diesen Fall schwarz: "Es wird zwei Jahre dauern, bis neue Triebwagen kommen. Die Fabriken der Firma Stadler , die den Flirt produziert, sind heillos überlastet."


Unbegrenzter Zugriff auf mittelhessen.de und die News-App. Jederzeit kündbar. Jetzt nur 6,90€ pro Monat!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2011
Kommentare (0)
Mehr aus Videos Region Dillenburg