Wieso fällt da keiner runter?

Segways: Das Hessentags-Gefährt hat keine Pedale, Knöpfe, Schalter - und fährt doch

Beim Hessentag ist das anders. Hier ist noch keiner gefallen. Mehr noch: Polizisten, städtische Mitarbeiter und Freiwillige rasen auf Segways mit einem Affenzahn durch die Stadt. Tempo 20 schafft das Teil. Die Elektronik bremst, wenn der Segway, zum Beispiel bergab, schneller wird. Und warum fällt nun keiner runter?

Thomas Timm muss es wissen. Am Stand eines Friedberger Händlers an der Hessentagsstraße bieten er und seine Kollegen Neugierigen Probefahrten an. Und er nennt staunenden Kunden aus dem Effeff das Stichwort: "Dynamische Stabilisierung." In der Bodenplatte des zweirädrigen Gefährts, erklärt er, dreht sich ständig eine Scheibe, so ähnlich wie bei einem Helikopter. Durch die Drehung und die entstehenden Kräfte bleibt der Segway stabil. Auch wenn er nur eine Achse hat - und eigentlich kippen müsste. "So, und jetzt einfach draufsteigen und locker stehen." Hunderte Mal am Tag bekommen Kunden am Stand dieses Kommando. Was in geschriebener Form so einfach klingt, fordert im wahren Leben einen Haufen Überwindung. Der Geist ist willig. "Es kann nicht umkippen", sagt der Verkäufer wirklich überzeugend. Doch das Fleisch ist schwach. Soll ich wirklich? Was, wenn ich falle?

Einweisung bei Lieferung. "Nach zehn Minuten kann das jeder."

Einmal tief einatmen, alle Angst beiseite schieben, ein großer Schritt nach vorn. Irgendwo im Gerät surrt und summt es, es kippelt ein kleinwenig vor, etwas zurück und steht dann ganz stabil. 88 Kilo Lebendgewicht balancieren in der Luft auf zwei Rädern. Es funktioniert.

Der Kunde steht nun auf einem der teuersten Gefährte, die er im Leben bestiegen hat. 100 Millionen Dollar, verkündet die Internet-Enzyklopädie "Wikipedia", haben Entwicklung und Produktionsaufbau des Segway gekostet, der von der gleichnamigen Firma in den USA gebaut wird. Da nimmt sich der Kaufpreis von 8000 Euro für die aktuelle Version eher spartanisch aus. Tagesmiete für das Gerät: 200 Euro, das ganze Wochenende gibts für 300.

Doch so weit sind wir noch nicht. Denn noch steht das Zweirad still unter seinem unerfahrenen Piloten. Wie gehts jetzt weiter? "Wie beim Laufen", erläutert der Berater. "Einfach ein Stück nach vorne lehnen. Das ist das tolle an dem Gerät. Kinder, die ohne Anleitung draufsteigen, lehnen sich intuitiv nach vorne, wie beim Laufen, und fahren." In der Tat: Auch das funktioniert. Die Steuerstange ("Leansteer") fest in beide Hände nehmen, leicht nach vorne drücken: Die Räder setzen sich in Bewegung. Wer sich nach hinten lehnt, fährt rückwärts, wer die Lenkstange ruckartig zurückzieht, bremst. "Wenn ich durch die Stadt fahre und plötzlich geht ein langsamer Fußgänger vor mir her, kein Problem. Ein Meter und ich stehe", sagt Thomas Timm.

Mit einer Akkuladung fährt der Elektroroller bis zu 40 Kilometern, weiß der Verkäufer. Sechs Stunden - vorzugsweise über Nacht - werden die Geräte aufgeladen.

Auch durch Kurven fahren die geräuscharmen Geräte - einfach den Steuerknüppel nach links oder rechts bewegen. Schon dreht sich ein Rad schneller als das andere, der Segway fährt eine Kurve.

Einen Segway-Führerschein gibts nicht. "Bei der Auslieferung bieten wir eine Einweisung an", sagt Thomas Timm. "Nach zehn Minuten kann das jeder." Am Stand in Stadtallendorf haben die Mitarbeiter der Friedberger Firma einen Parcours abgesteckt. Eine Runde gehen sie mit, greifen notfalls ein, wenn sich die unerfahrenen Piloten zu weit vor oder zurück neigen. Dann gehen die meisten Kunden allein auf Tour. Wie dieser seriös aussehende Familienvater. Mitte 40, in Hemd und Stoffhose. Steigt ab, atmet durch. "Is das geil!"


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