Ein Gipfel-oder Expeditionserfolg leistet wahrlich keinen großen Beitrag zur menschlichen Evolution. Man könnte das (Extrem)-Bergsteigen folglich als sinnlos betrachten. Denn letztendlich kommen wir über einen Gipfel, den höchsten Punkt eines Berges, dorthin zurück, von wo aus wir unsere Reise begonnen haben. Der Gipfel zwingt uns somit zum Umkehren.
Während dieser Reise in noch nicht betretene Gebiete, hinterlassen wir ein vergängliches Kunstwerk, welches später nur noch in unseren Köpfen existiert. Von dieser Reise kommt man nicht zurück, man nimmt sie mit.
Die vollkommene Intensität des Bergsteigens bekommt man zu spüren, wenn ein Mangel an detaillierten Informationen vorliegt, so wie es bei der Eröffnung unserer neuen Route an der Illimani Südwand der Fall war.
Gelenkt durch die ureigenen Instinkte gibt man dem Wort Abenteuer seine ursprüngliche Bedeutung zurück.
Mein Leben und meine Bedürfnisse habe ich acht Monate zurückgestellt und der Idee an der Illimani Südwand eine neue Route zu eröffnen untergeordnet.
Der Illimani hat mich in dieser Zeit gekrönt und gekreuzigt, gefesselt und befreit!
Stillschweigend hat der Illimani oftmals Bedingungen gestellt, die ich
akzeptieren mussten. In Momenten in denen ich dem Illimani völlig
ausgeliefert war, ist mir nichts anderes übrig geblieben als ihm
zuzuhören was er mir zu sagen hatte.
Das Abenteuer beginnt
Als ich am Morgen aus meinem Zelt im Basislager schaue, haben sich bereits dicke Wolkenfelder unterhalb meines Zeltes ausgebreitet. Die Südwand hat ihr ganz eigenes unberechenbares Mikroklima.
Am gleichen Tag verlassen Robert und ich das Basislager I, um zwei verschiedene Aufstiegsmöglichkeiten auszuprobieren. Einen dünnen Eisschlauch können wir bereits vom Basislager aus entdecken. Die Frage die sich uns unmittelbar stellt: reicht dieser Eisschlauch bis zum Einstieg?
Zu unserem Erstaunen müssen wir feststellen, dass der Eisschlauch nur im letzten, oberen Teil vorhanden ist. Der Fels scheint extrem brüchiger Stein zu sein, die Route ist somit nicht kletterbar für uns.
Wieder im Basislager I entscheiden wir uns im Scheine unserer Stirnlampen am nächsten Morgen etwas östlicher nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Als wir am nächsten Morgen über grobe Geröllfelder und brüchigen Stein klettern, können wir einen Gletscherbruch erkennen.Direkt in den Gletscherbruch führt mit einigen Verästelungen ein Eiscouloir, welches sich stetig aufsteilt. Nur sehr früh morgens hätten wir hier eine reelle Chance, die Séracs unbeschadet zu umgehen. Die Linie scheint uns logisch, bleibt aber unberechenbar.
Die komplette Aufstiegsroute ist nicht einsehbar. Nach einer unumgänglichen Linkstraverse werden wir vor einem Abenteuer stehen, dessen Ausgang ins Ungewisse führt.
Aufgrund der großen Entfernung zu Basislager I entscheiden wir uns ein Basislager II zu errichten. Am darauffolgenden Tag starten Robert und ich um 03.00 Uhr in der Nacht. Da unsere Erstbegehung auf eine Vollmondnacht gelegt ist, vereint sich das Mondlicht mit dem unserer Stirnlampen.
Als wir endlich am Einstieg des Eiscouloirs stehen, geht es auch schon unmittelbar zur Sache. Abschnitte des Couloirs mit bis zu 95 Grad Steigung pumpen einem schnell das Laktat in die Waden.
Wir machen Stand unter einem gewaltigen Sérac und bereiten uns auf einen Quergang nach links vor. Robert beginnt den Quergang über extrem brüchigen Stein und hangelt sich nach links. Erst als ich das singende Geräusch, welches charakteristisch für das einschlagen eines Hakens ist höre, atme ich erleichtert auf. Die nächste Querung drytoole ich weiter nach links und finde vorerst keine Möglichkeiten geeignete Sicherungen anzubringen. Als ich einen Spreizschritt wage und in die 200 m tiefe Schlucht unter mir blicke, wird mir die Ernsthaftigkeit dieser Kletterei bewusst.
Alle Sicherungen im ersten und zweiten Quergang sind mehr als fragwürdig, was sich auf den extrem brüchigen Fels zurückführen lässt.
Nachdem Quergang treffen wir auf eine zweite, fast 150 m breite Eiswand.
Die Sonne leckt mittlerweile gefährlich an den zahlreichen Séracs über uns und Robert und ich können gerade noch rechtzeitig einem Ausläufer einer Eislawine ausweichen. Nach einer kurzen Ruhephase an einem sicheren Stand entschließen wir uns seilfrei und zügig die gefährliche Stelle zu überwinden.
Wir haben Glück und keiner der Kühlschrankgroßen Eisbrocken erwischt uns.
Nach schöner Firnkletterei auf knapp 6000 m, gelangen wir zum Einstieg der zweiten Eiswand. Wir finden eine Schwachstelle die Eiswand zu überwinden und werden Zeuge von immer wieder einstürzenden Séracs.
Im oberen Teil ist das Eis sehr dünn und selbst unsere kürzeste Eisschraube, lässt sich nur zu 1/4 eindrehen. Häufig verklemmen wir zusätzliche Keile an eingefroren Steinbrocken. Um die Stände und Zwischensicherungen nicht zu belasten klettern wir ohne Pause durch die Wand.
Wenig später folgen wir einer weiteren Querung die aufgrund der schlechten Absicherungsmöglichkeiten, eine psychische Herausforderung bleibt. Als langsam die Sonne verschwindet, scheinen auch unsere Kräfte mit ihr zu gehen. Wir entschließen uns zu einem Biwak in einer Gletschermulde.In der Nacht zeigt meine Suunto-Uhr -27 Grad Celsius. Robert und ich teilen uns eine 50 cm breite Isomatte und einen Schlafsack, wer hier den Körperkontakt scheut, erfriert!
Am nächsten Tag beginnen wir mit der Traverse und erreichen den Hauptgipfel bei Dunkelheit. Die Zeit scheint wieder einmal stehen geblieben zu sein, ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, schon sechs Tage unterwegs zu sein. Im Basislager falle ich erschöpft aber glücklich unseren Freunden in die Arme, die uns langsam in die Hände klatschend empfangen.
Tränen sammeln sich unter meiner weißen Gletscherbrille und tropfen in meinen Bart. Tränen der Freude und Erlösung. Die komplette Route trägt den Namen "Deliver Me" -- erlöse mich.




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